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01.02.2013

07:43 Uhr

TV-Kritik

Krawalliger Sexismus-Talk bei Maybrit Illner

VonChristian Bartels

Schlechter Tag der ZDF-Moderatorin: In ihrer Talkshow zum Topthema Sexismus wimmelte es von steilen Thesen und losen Enden. Und auch die ZDF-Redaktion selbst leistete sich einen Faux-pas.

Wolfgang Kubicki und Claudia Roth bei Maybrit Illner. Foto: ZDF

Wolfgang Kubicki und Claudia Roth bei Maybrit Illner. Foto: ZDF

DüsseldorfIn der Talkshow-Themennot kann Maybrit Illner auch Themen nicht immer exklusiv haben: Am Donnerstagabend musste sie das Thema Sexismus-Diskussion aufgreifen - wie schon Günther Jauch am Sonntag ("Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?") und Anne Will am Mittwoch ("Sexismus-Aufschrei - hysterisch oder notwendig?"). Ihr ZDF-Kollege Markus Lanz, der schon über die ganze Woche dasselbe Thema mit beackerte, kündigte im Werbetrailer vor ihrer Sendung Thomas Petzold als seinen Gast an - einen der Chefredakteure des "Stern", der die laufenden Diskussionen anstieß.

Bonner Republik: Als Sexismus und Machtspiele normal waren

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Als Sexismus normal war

Auch in der Bonner Republik waren derbe Sprüche gegen Frauen an der Tagesordnung.

Unter dem Titel "Schote, Zote, Herrenwitz - ist jetzt Schluss mit lustig?" verfingen sich Illner und ihre Gäste sofort in der aus diesen laufenden Diskussionen bekannten Falle: Aus dem "Stern"-Artikel rückschließen zu wollen, wie genau es vor über einem Jahr in jener Hotelbar zugegangen war, in der der FDP-Politiker Rainer Brüderle zur "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich die nun überall diskutierten Sätze über Dirndl und Tanzkarten gesagt hatte, ist in Abwesenheit der Beteiligten verdammt schwierig.

Kommentar: Seid ihr noch wach?

Kommentar

Seid ihr noch wach?

„Und dann noch ein Jahr später“: Bei der Sexismus-Debatte um FDP-Politiker Brüderle und die Autorin Himmelreich fällt etwas Wichtiges unter den Tisch: Die traurigen Gründe dafür, warum Frauen schweigen und Zeit brauchen.

Das Gespräch der beiden sei eine "Petitesse" gewesen, sagte Brüderles FDP-Parteikollege Wolfgang Kubicki. Eine Hotelbar sei doch "ein Stück weit ein öffentlicher Raum", meinte Claudia Roth von den Grünen. Es sei ein privates Gespräch gewesen, meinte Medienanwalt Ralf Hoecker. Auflösen ließ sich das nicht. Immerhin kam mit der "Petitesse", für die es die einen hielten und die anderen nicht, ein gemeinsamer sprachlicher Nenner für den Anfang der Illnershow auf.

Wer bei sexueller Belästigung hilft

AGG

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) soll Menschen schützen, die aufgrund der ethnischen Herkunft oder aus rassistischen Gründen, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, aufgrund einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität Benachteiligungen erfahren. Es schafft die rechtliche Grundlage, wonach Diskriminierung verboten ist.
Hauptsächliche Anwendung findet das AGG in der Arbeitswelt. Das bezieht beispielsweise Auswahlkriterien bei Bewerbungsverfahren, berufliche Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die Höhe der Arbeitsvergütung mit ein. Darüber hinaus gilt das Gesetz auch für Situationen im Alltag, in denen Diskriminierung stattfinden kann, beispielsweise bei Einkäufen, Gaststätten- oder Diskothekenbesuchen, sowie bei Rechts-, Versicherungs- und Bankgeschäften.

Antidiskriminierungsstelle

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ist eine unabhängige Anlaufstelle für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Sie wurde 2006 eingerichtet, nachdem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft getreten war.

Zu den Aufgaben der ADS zählt:
•über Ansprüche zu informieren
•Möglichkeiten des rechtlichen Vorgehens zum Schutz vor Benachteiligungen aufzuzeigen
•Beratungen durch andere Stellen zu vermitteln
•eine gütliche Einigung zwischen den Beteiligten anzustreben.

Außerdem macht die ADS Öffentlichkeitsarbeit, führt wissenschaftliche Untersuchungen durch und schreibt Berichte an den Deutschen Bundestag, die einen Überblick über Benachteiligungen geben und Empfehlungen beinhalten.

Hilfe

Wer Opfer von Diskriminierung geworden ist, kann den Fall bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter der Hotline 030 / 18 555 / 1865 oder per Kontaktformular melden.

Diversity

Diversity-Management ist ein Konzept, das die Vielfalt der Belegschaft berücksichtigt (z.B. Geschlecht, Alter, Behinderung, Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung, Lebensstil, biografischer Background), sie explizit fördert und wertschätzt.

Die junge Schauspielerin Sophia Thomalla lieferte sich mit Kubicki ein Duell, was die Härte des Blicks betraf, lag aber noch mehr als er auf der Pro-Brüderle-Linie. Wenn Journalisten sexuelle Belästigung beklagen, sei das "ein Widerspruch in sich", so oft wie sie schon von Journalisten nach ihren Brustvergrößerungen und ihren sexuellen Vorlieben gefragt worden sei, lautete nur eine ihrer kräftig formulierten Thesen.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Fünfter Gast: die baden-württembergische ver.di-Gewerkschafterin Christina Frank, deren süddeutscher Tonfall zwar an den Brüderles erinnerte, die aber die Petitessen-These nicht teilte. Zeitweise erwies sie sich als am besonnensten argumentierender Illner-Gast. Was sie über sexuelle Belästigung an Arbeitsplätzen im Einzelhandel- und Dienstleistungsbereich berichtete, hätte sich als interessanter Aspekt des Themas erweisen können, wenn Frank bloß einen interessierten Gesprächspartner in der Sendung gefunden hätte.

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