Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.04.2013

07:00 Uhr

TV-Kritik Maybit Illner

„Hätte die Kanzlerin Sie nicht entlassen müssen?“

VonChristian Bartels

Im Bundestag wollte Ursula von der Leyen nicht mehr zur Frauenquote reden – dafür am Abend im ZDF. Viel Neues gab es nicht – aber Anschauungsmaterial für alle, die von der Leyen als mögliche Merkel-Nachfolgerin sehen.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht die CDU in der Quoten-Frage mit Riesenschritten vorankommen. Reuters

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht die CDU in der Quoten-Frage mit Riesenschritten vorankommen.

Die laufende Talkshowwoche widmete sich überdurchschnittlich frauenpolitischen Thema. Nachdem Sandra Maischberger am Dienstag „Die Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?“ beredet hatte, legte Anne Will tags drauf mit der ersten Sendung zum aktuellen Bundestags-Thema Frauenquote nach („Quoten-Streit – Koalition gerettet, Frauen verraten?“). Am gestrigen Donnerstag folgte Maybit Illner mit der zweiten („Machtkampf um die Frauen-Quote – gibt es am Ende nur Verlierer?“) – und hatte den höchstrangigen Gast: Arbeitsministerin und Quoten-Befürworterin Ursula von der Leyen (CDU), die in der Presse, etwa auf dem Titel der aktuellen „Zeit“ gerade mehr denn je als mögliche Merkel-Nachfolgerin gehandelt wird.

In der Bundestagsdebatte vor der Frauenquote-Abstimmung am selben Tag hatte sich von der Leyen kurzfristig von der Rednerliste streichen lassen. Ja, das „heute-journal“ unmittelbar vor Illners Talk zeigte, wie sie nach der Abstimmung wenige Sätze von „einem guten Tag für Deutschland“ in ein Mikrofoneknäuel sprach und dann „verschwand, ohne Fragen zuzulassen“.

Frauenquote: Was die Parteien fordern

CDU/CSU

Noch auf ihrem Parteitag im Dezember bekräftigte die CDU die "Flexiquote", nach der sich Unternehmen selbst eine verbindliche Frauenquote für Vorstand und Aufsichtsrat setzen. Am Montag vollzog die Parteispitze - als Zugeständnis an die Quotenbefürworter in den eigenen Reihen - eine Kehrtwende: In ihr Wahlprogramm will sie nun das Ziel aufnehmen, bis zum Jahr 2020 im Schnitt 30 Prozent der Aufsichtsratsposten der DAX-Unternehmen mit Frauen zu besetzen. Die Flexiquote, die ab 2014 greifen soll, dient als Übergang. Die CSU-Spitze hat Einverständnis signalisiert.

FDP

Die Liberalen sprechen sich in ihrem Parteiprogramm deutlich gegen eine "Zwangsquote" zur Erhöhung des Frauenanteils in Unternehmensspitzen aus. Die Partei betont zwar, sie fühle sich "dem Gebot der Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern verpflichtet", sieht durch eine Quote aber die unternehmerische Freiheit bedroht. Stattdessen fordert sie gesellschaftliche Veränderungen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

SPD

Die SPD will eigentlich eine Mindestquote von 40 Prozent für Frauen und Männer in Aufsichtsräten und Vorständen großer Unternehmen einführen. Sie unterstützt aber auch den am Donnerstag im Bundestag zur Abstimmung stehenden Gesetzentwurf, nach dem eine Quote nur für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis Anfang 2023 in zwei Stufen erreicht werden soll. Eine Mindestquote von 20 Prozent soll demnach ab 2018 gelten. Der Entwurf hatte bereits im September im Bundesrat eine Mehrheit gefunden.

Grüne

Auch die Grünen unterstützen den Gesetzentwurf des Bundesrats. In einem eigenen Gesetzentwurf gehen die Grünen sogar noch weiter und fordern die Einführung einer 40-prozentigen Mindestquote ohne zeitliche Stufen. Mit ihrem Eilantrag kommen sie nun aber dem Kompromiss der Unionsfraktion nah. Eine Dauereinrichtung soll die Quote aus Sicht der Grünen nicht werden: Diese sei ein "zeitlich begrenztes Mittel, um der Gleichstellung von Frauen in Deutschland auf die Sprünge zu helfen", heißt es auf der Website der Bundestagsfraktion.

Linke

Die Linkspartei geht mit ihrer Forderung am weitesten, sie will gleich die Hälfte aller Führungspositionen mit Frauen besetzen. Sie fordert in ihrem Programm für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt Maßnahmen auch auf anderen Ebenen, zum Beispiel die Abschaffung von Minijobs und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, die vor allem auf Kosten der Frauen gingen.

Diese Fragen beantwortete die Ministerin lieber in der Talkshow. Zunächst war im Studiohintergrund eine Fotomontage eingeblendet, die von der Leyen überlebensgroß mit erhobenem Schwert in Ritterrüstung zeigte. Die Ministerin selbst erschien in zivil und wurde von Illner gleich im knapp viertelstündigen Einzelinterview vernommen.

Dass nun also keine Frauenquote beschlossen wurde, jedoch die CDU eine ab 2020 gültige zu beschließen plant, sei vielleicht „ein großer Schritt für die Christdemokraten, aber ein eher kleiner für Deutschland“, legte die Moderatorin vor. Nein, „ein Riesenschritt voran“ sei es, entgegnete von der Leyen und präsentierte sich als schon seit Jahren vorausschauende, nun eben weitere Jahre vorausschauende Visionärin. Illner setzte ihr mit Stichworten wie „Pyrrhussieg“, „Erpressung“, „Illoyalität“ und der Frage „Hätte die Kanzlerin Sie für solch eine Provokation nicht entlassen müssen?“ ungewöhnlich hart zu. Natürlich nicht, es müsse möglich sein, in der Sache zu streiten. Sie stünde ja auch nicht alleine da. Wie sich die Ministerin resolut verteidigte, war allerdings zäh anzusehen für alle, die nicht CDU-Mitglieder sind. Die Grenze zwischen guter Politik und wahl- und machtkampfstrategischen Fragen aus CDU-Binnensicht verläuft in dem Fall besonders diffus.

Frauenquote abgelehnt: „Das ist Volksverdummung, was hier stattfindet“

Frauenquote abgelehnt

„Das ist Volksverdummung, was hier stattfindet“

Die Opposition warf der CDU Verrat und Scheinheiligkeit beim Thema Frauenquote vor.

Wahlkampfartig ging's weiter im fünfköpfigen Podium. Zu diesem Zweck schien die SPD mit ihrem stets wahlkämpferischen Parlamentarischen Geschäftsführer gut vertreten. Doch Thomas Oppermann blieb ungewöhnlich blass neben den weiteren Frauen in der Runde. Lisa Ortgies, kurzzeitige „Emma“-Chefredakteurin und jetzige Moderatorin der WDR-Sendung „frauTV“, zeigte sich als sanfte Feministin. Sie glaubte durch die Bundestags-Abstimmung zur Frauenquote die „Politikverdrossenheit“ gesteigert.

Kommentare (63)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

gaehn_die_quote_weg

19.04.2013, 07:28 Uhr

Seit geraumer Zeit entziehe ich mich dem Fernsehgegacker mit gutem Erfolg. Dass ich nun im Handlesblatt mit einer Inhaltszusammenfassung verfolgt werde, hab ich eigentlich nicht verdient. Also, was soll das? Und zum Thema: Quoten nutzen nur solchen Frauen, die keiner dort haben will, so sie über die Quote hinwollen.

Account gelöscht!

19.04.2013, 07:41 Uhr

Die Frauenquote hat nur symbolischen Charakter. Wir reden hier über die großen Aktiengesellschaften in Deutschland, deren es nicht so viele gibt und wir deshalb nur über vielleicht 600 mit Frauen zu besetzende Stellen sprechen.

Eine Scheindebatte also, um das deutsche Wählervolk von den eigentlichen Problemen abzulenken. Rentenkürzung, Zwangsenteingnung, Sparstrumpfvernichtung usw.

Auf meinem Fernseher laufen schon seit Jahren nur noch Musiksender und Naturdokus. Die Staatspropaganda habe ich abgeschaltet.

Account gelöscht!

19.04.2013, 07:44 Uhr

„Hätte die Kanzlerin Sie nicht entlassen müssen?“ ja mit sofortiger Wirkung.
Warum hat die Kanzlerin, von ihrer Richtungskompetenz keinen Gebrauch gemachen?
Man kann nur spekulieren.
Eine Ministerin die eine Fraktion/Partei erpresst, und nicht loyal zur Politik der Kanzlerin steht, muss sofort den Hut nehmen.
Eine solche Person gehört vor Gericht.
Sie hat die Westrentner betrogen, und treibt einen Keil zwischen Ost und West.
Aber am liebsten gefällt sie sich, in der Rolle der Selbstdarstellerin.
Wer jetzt noch nicht begriffen hat wie sie tickt, sollte die Artikel über ihren Vater als Ministerpräsident nachlesen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×