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09.05.2014

08:36 Uhr

TV-Kritik Maybrit Illner

„Europa muss sich von Amerika emanzipieren”

VonRaphael Moritz

Russland oder Amerika? Sind die transatlantischen Leinen spröde geworden? Maybrit Illner lud zur Diskussion über das Thema mit hochkarätiger Besetzung. Als die Sendung Fahrt aufnimmt, ist sie vorbei.

SPD-Elder Statesman Egon Bahr dpa

SPD-Elder Statesman Egon Bahr

Gerade wird Geschichte geschrieben. Nicht nur in der Ukraine, auch in der Neuordnung der Ost-West-Beziehungen. Angestoßen hat das vor allem der russische Regierungschef Wladimir Putin. Die Schlüsselposition hat dabei Deutschland inne. Kein anderes EU-Land unternimmt derzeit mehr diplomatische Anstrengungen im Ukraine-Konflikt. Am Ende wird es vor allem um eine Frage gehen: Amerika (NSA-Affäre, Guantánamo, Irakkrieg) oder Russland (Krim-Annexion, Schwulen-Hetze, Bruch des Völkerrechts).

Genau darüber versuchte Maybrit Illner am Donnerstag zu diskutieren. Ihr Thema: „Putin-Versteher oder Amerika-Freund – muss Deutschland sich entscheiden?” Trotz hochkarätiger Besetzung, wie Egon Bahr, Friedrich Merz oder Gregor Gysi blieb die Frage mehr als ungeklärt. Anfangs erstickte die Moderatorin viele gute Ansätze im Keim, später ging es drunter und drüber, trotzdem ließ Illner ihre Gesprächspartner gewähren - für die Zuschauer undurchsichtig.

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Dabei geht es um viel: Die Folgen einer Wiederbelebung des Ost-West-Konflikts sind unkalkulierbar, für die Sicherheit Europas und die im nahen und mittleren Osten. Für Gysi, der bereits nach sechs Minuten Sendezeit zum Ersten Mal den Begriff „Kalter Krieg” fallen lässt, liegt der Schlüssel in Russland: „Eines müssen wir in Europa doch begreifen. Wir kriegen Sicherheit nur mit Russland”, sagte der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei mit erhobener Hand.

Jedenfalls scheinen sich die Deutschen sicher zu sein, dass die USA zumindest kein Partner für Sicherheit mehr darstellt. Laut einer Umfrage von infratest dimap, die Illner in der Sendung präsentierte, halten 61 Prozent der Deutschen Amerika nicht mehr für einen vertrauenswürdigen Partner. Vor einigen Jahren sah das noch anders aus.

Heute würde Merkel für Härte gegenüber Obama mehr Lob bekommen als gegenüber Putin, konstatierte Illner. Für Egon Bahr (SPD), der vor 50 Jahren den Satz „Wandel durch Annäherung” in der deutschen Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt prägte, ist klar, dass sich Europa von Amerika emanzipieren müsse. „Das macht jeder junge Mensch von seinen Eltern”, erklärte der 92-Jährige. Dies heiße noch lange nicht, so Bahr, dass man sich dadurch von seinen Eltern distanziere. 

Kommentare (14)

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09.05.2014, 08:48 Uhr

"Am Ende wird es vor allem um eine Frage gehen: Amerika (NSA-Affäre, Guantánamo, Irakkrieg) oder Russland (Krim-Annexion, Schwulen-Hetze, Bruch des Völkerrechts)."
Ganz wesentlich wird es auch um das Geheimabkommen TTIP und die USA als Finanzier der Ukraine-Krise (5Mrd.Dollar) gehen müsssen.
Ob der Fall Krim eine Anexion ist, oder es das Völkerrecht eines Volkes auf Selbstbestimmung ist, ist völkerrechtlich umstritten!

Account gelöscht!

09.05.2014, 09:15 Uhr

Wie soll sich Europa von den USA emanzipieren, wo es doch gar kein Staat im juristischen Sinne als solcher ist ?

Europa, - ist nicht mehr als ein Verein solider unabhängiger und souveräner Staatskonstruktionen.

Insofern kann man beide Gebilde gar nicht vergleichen.

Und das ist gut so. Viel mehr sollte sich Deutschland von Europa emanzipieren und ausdifferenzieren, anstatt alles und jedem den Hintern wischen zu wollen aus falsch verstandenem Mitgefühl heraus.

Das kostet nur unnötig deutsches (Steuer-) Geld und weckt bei Dritten Begehrlichkeiten monetärer Art.

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09.05.2014, 09:25 Uhr

Entweder die deutsche Politik wird endlich Erwachsen und lässt sich nicht weiter von den USA/NATO vorschreiben, was Deutschland zu tun und zu lassen hat oder Deutschland wird zwischen diesen zwei Fronten (USA-Russland) aufgerieben.
Und eines ist auch klar...Russland ist uns geograhisch und wirtschaftspolitisch näher als die USA.
Eine gute Zusammenarbeit mit Russland bringt uns einer sicheren Landbrücke in den Asiatischen Raum näher.
Die USA haben nämlich nur Angst, dass sich Europa, Russland und Asian auf einen Absatzmark Kontinent zusammenfinden könnten. Vor diesem Hintergrund wäre die USA auf ihren "Insel-Kontinet" ziemlich isoliert.
Die EU und Deutschland wären schlau beraten, wenn diese mehr auf Russland zugehen würden und weniger auf die Amis "Kriegs-Konflikt Einflüsteren" hören würden.

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