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03.02.2017

08:43 Uhr

TV-Kritik Maybrit Illner

Talken gegen Donald Trump

VonChristian Bartels

Moderatorin Maybrit Illner fehlte in der Runde – ebenso wie ein Anhänger der Trump-Politik. So einig wie in der ZDF-Sendung sind sich deutsche Talkshow-Gäste selten. Das allerdings hilft dem Zuschauer nicht zwingend.

Die Zusammensetzung der Runde im ZDF überraschte doppelt. Screenshot ZDF

Talkrunde bei „Maybrit Illner“

Die Zusammensetzung der Runde im ZDF überraschte doppelt.

Wenn deutsche Politiker politikinteressierte Zielgruppen erreichen wollen, diskutieren sie gerne in Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. So erreichen sie einige Millionen Zuschauer direkt und viele weitere indirekt durch Medien-Berichte über diese Sendungen. Das hat sich über viele Jahre eingespielt.

Der neue US-amerikanische Präsident erreicht über seinen Twitter-Account mehr als 23 Millionen Interessierte unmittelbar, ganz ohne sich auf Diskussionen einlassen zu müssen. Weitere Abermillionen können den Medienberichten über seine Tweets kaum entgehen. Das ist nur eine der radikalen Veränderungen, die Donald Trump in wenigen Tagen eingeführt hat. Auch in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend ging es – unter dem Titel „Trumps Egotrip – Mauern gegen den Rest der Welt?“ – um Trumps radikal neue Politik-Methoden.

Die Zusammensetzung der Runde überraschte doppelt. Zum Einen war die erkrankte Illner gar nicht anwesend, sondern wurde durch den „Politbarometer“-Moderator Matthias Fornoff vertreten. Außerdem verblüffte die Gästeauswahl. In der mit Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), Grünen-Veteran Jürgen Trittin und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hochkarätig besetzten Runde war kein einziger Trump-Sympathisant vertreten. Eigentlich waren alle einer Meinung. Das erwies sich schnell als Problem der Sendung, das auch der freundliche Fornoff ganz ohne das Sticheln, das Illners Markenzeichen ist, nicht lösen konnte.

Wo EU und USA im Clinch liegen

Brexit

Trump hat den Brexit begrüßt und damit die EU-Partner schon vor seiner Wahl vor den Kopf gestoßen. Dass er in einem Interview kurz vor Amtsantritt die Entscheidung der Briten als „klug“ bezeichnete, da die EU nur Mittel zum Zweck für Deutschland sei, hat ihm in Berlin und Brüssel weiter an Sympathie gekostet. Zuletzt stellte er der britischen Premierministerin Theresa May einen bevorzugten Zugang zum US-Markt in Aussicht, was in Brüssel auch als Versuch gesehen wird, die Verhandlungsposition der EU in den Brexit-Gesprächen zu schwächen.

Russland

Bisher haben sich die lobenden Worte Trumps für den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht in konkreter Politik niedergeschlagen. Die von manchen EU-Diplomaten befürchtete Aufhebung der Russland-Sanktionen durch die USA hat beim ersten Telefonat der beiden Staatschefs nach Angaben des Präsidialamtes in Moskau keine Rolle gespielt. Die EU beobachtet die Annäherung trotzdem argwöhnisch, denn wenn die USA die wegen der Ukraine-Krise verhängten Strafmaßnahmen aufheben, dürften die ohnehin schon mühsam geschlossenen Reihen der EU wanken. Ratspräsident Donald Tusk warnte zudem vor der Abhängigkeit der Europäer von den „Supermächten“ Russland, USA und China.

Iran

Wie beim Thema Russland sieht sich Trump auch bei seinem Umgang mit dem Iran nicht der Position von 27, sondern 28 EU-Staaten gegenüber. Denn bisher hält auch Großbritannien an dem Atomabkommen mit der Regierung in Teheran fest, genauso, wie das Vereinigte Königreich die Russland-Sanktionen aufrecht erhalten will. Trump hat das Iran-Abkommen dagegen als „den schlechtesten jemals ausgehandelten Deal“ kritisiert. Ob er den Vertrag aufkündigen will, ließ er aber bislang offen.

Israel

Eher auf die Seite Trumps scheint sich Großbritannien beim Thema Nahost zu schlagen. Das britische Außenministerium äußerte Mitte Januar mit Verweis auf die neue US-Regierung Vorbehalte gegenüber einer Friedenskonferenz in Paris, bei der die Zweistaatenlösung als einziger Weg aus dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bezeichnet wurde. Die EU hält an dieser Lösung fest, während Trump vor allem die Sicherheitsinteressen Israels verfolgen will.

Handel

Schon unter Obamas Präsidentschaft verliefen die Gespräche zwischen den USA und der EU über das geplante Freihandelsabkommen TTIP schleppend. Mit dem Amtsantritt Trumps verschwindet das Vorhaben laut EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström auf unbestimmte Zeit in der Gefriertruhe. Trump macht sich für neue, bilaterale Abkommen stark – die EU will nach Angaben von Tusk in diese Lücke stoßen und sich schneller um den Abschluss von bereits diskutierten Freihandelsverträgen mit Drittstaaten bemühen. Das Thema Handel ist spätestens dann zum heißesten Eisen zwischen der EU und den USA geworden, nachdem Trump Autobauern wie BMW mit hohen Strafzöllen gedroht hat.

Banken

Ebenfalls schon unter der Ägide Obamas waren sich Europäer und Amerikaner bei der Bankenregulierung nicht grün. Die Gespräche über Eigenkapitalvorschriften stocken im zuständigen Baseler Ausschuss schon länger. Jetzt will die EU erst einmal abwarten, wie sich die Trump-Regierung positioniert.

Wettbewerb

Auch die Verteidigung der Interessen von globalen US-Großkonzernen wie Apple oder Starbucks durch die Regierung in Washington ist kein reines Trump-Phänomen. Schon vor einem Jahr beschwerte sich etwa der damalige US-Finanzminister Jack Lew bei der EU-Kommission über deren Steuerermittlungen gegen mehrere amerikanische Firmen.

Währung und Exporte

Ein Dauerbrenner ist auch die Kritik der USA am Leistungsbilanzüberschuss der Exportnation Deutschland. So zugespitzt wie Trumps Chef-Wirtschaftsberater Peter Navarro in der „Financial Times“ formulierte es aber bisher niemand in Washington. Navarro warf den Deutschen vor, den seit längerem relativ niedrigen Eurokurs für Handelsvorteile auf Kosten der USA und seiner europäischen Partner zu nutzen. Kanzlerin Angela Merkel wies die Anschuldigungen zurück. Kritik an den Überschüssen Deutschlands kommt aber auch aus manchen EU-Staaten und aus Brüssel, ist also keine Eigenart der Amerikaner.

Einreiseverbot

Das von Trump verhängte Einreiseverbot für Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern hat in Europa die bisher heftigsten Reaktionen ausgelöst. Merkel kritisierte, dass der Kampf gegen Terrorismus eine solche Maßnahme nicht rechtfertige. Die EU-Kommission machte deutlich, dass in der EU niemand auf Basis von Nationalität, Glaube oder Rasse diskriminiert werde. Europäische Firmen und die Börsen reagierten auf den Einreisestopp nervös, Fluglinien mussten ihre Personalpläne ändern.

In der ersten Fragerunde äußerte Bernhard Mattes, Präsident der American Chamber of Commerce, der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Kritik an Trump, aber die Hoffnung auf weiterhin „gemeinsame Grundwerte“ mit den USA. Die junge Journalistin Mareike Nieberding formulierte Kritik an Trump und stellte die „Jugendbewegung“ für eine „offene Gesellschaft“ vor, die sie gerade gegründet hat.

Altmaier kritisierte Trump, sagte, dass weniger freier Welthandel „weniger Wohlstand“ bedeuten würde und referierte die bekanntgewordenen Inhalte von Bundeskanzlerin Merkels Telefonat mit Trump am Wochenende. Trittin stellte in Frage, dass Trumps Politik noch „in die Kategorie Normalität hineinpasst“. Steingart formulierte am prägnantesten den Zäsur-Charakter von Trumps Politik: Einen US-Präsidenten, „der uns nicht mehr wie Freunde behandelt“, habe es noch nie gegeben. Damit war alles gesagt. Größere Überraschungen als dass CDU-Mann Altmaier den Grünen-Kollegen Trittin inzwischen duzt und Mattes als Ford-Aufsichtsrat dementierte, dass die Ford-Entscheidung, eine Fabrik in Mexiko nicht zu bauen, mit Forderungen Trumps zusammenhängt, gab es nicht.

Stattdessen ließen vom ZDF vorbereitete Einspieler nochmals die bislang bekanntesten Zitate Trumps und seiner Entourage, von den wenigen in Deutschland zu sehenden Chevrolets bis zu den „alternativen Fakten“, Revue passieren. Zu einer Diskussion über eventuelle Nachteile der hohen deutschen Exportüberschüsse kam es nicht, obwohl Steingart darauf hinwies, dass die internationale Kritik daran „nicht völlig abwegig“ sei. Zu einer über bisher bekannte wirtschaftspolitische Pläne der Trump-Regierung kam es auch nicht, obwohl Trittin glaubt, dass etwa in der Finanzindustrie, in der „US-Konzerne Global Player sind“, Trump statt Protektionismus Deregulierung anstrebt.

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Und eine Diskussion über eine gemeinsame Haltung der Europäischen Union kam ebenfalls kaum auf, obwohl Altmaier einige Formulierungen von atemberaubender Wohlfeilheit (dass „die Europäer erwachsen werden müssen“ und „die Nachkriegszeit vorbei“ sei) beisteuerte. Auch das Silicon Valley exportiere ja in die ganze Welt, sagte der Kanzleramtsminister und überhörte Fornoffs richtiges Argument, dass das iPhone ausschließlich in Asien gebaut wird, souverän.

Als am Ende Steingart im Gegensatz zu Altmaier die Ansicht anschnitt, dass Europa wirtschaftlich keineswegs gut da stehe („Italien wird das neue Griechenland“), brach Fornoff diesen Strang ab. Beinahe hätte der wenig routinierte Moderator den Schlenker zu Zuschauerkommentaren auf Twitter und Facebook unterzubringen vergessen, der doch zu jeder Talkshow gehört. Was leider nicht vorkam: der Tweet, den @realDonaldTrump wenige Stunden vor der Sendung abgesetzt hatte („Thank you, @Samsung! We would love to have you!“) und der Diskussionen über seine Wirtschaftspolitik und wie internationale Konzerne damit umzugehen versuchen, durchaus hätte befeuern können.

Fazit:

Es wird gern über krawallige Talkshows gelästert, in denen zu laut gestritten wird. Dass Talkshows, in denen zu viel Einigkeit herrscht, nicht besser sind, hat „Maybrit Illner“ ohne Illner bewiesen.

Kommentare (1)

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Herr Manfred Carter

03.02.2017, 09:50 Uhr

Das finde ich ja mutig, dass man als Redakteur eine Sendung, in der der eigene Chef dabei ist, als langweilig und quasi misslungen bezeichnet. Aber diese parmanente "Einheitsmeinung" ist ja genau das Problem unserer Mainstream-Medien.

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