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29.08.2014

08:33 Uhr

TV-Kritik Maybrit Illner

„Wir brauchen eine robuste Uno-Schutztruppe“

VonChristian Bartels

Waffenlieferungen und IS-Terroristen aus Deutschland. Der Irak als neues Somalia. Die Türkei-Kritik von Jürgen Trittin. Eine ernste Verteidigungsministerin. Maybrit Illner gelang eine erhellende Talkshow zur Krisenlage.

Einheiten der kurdischen Peschmerga am am Stadtrand von Kirkuk im Irak. Sollte die Bundesregierung den Kurden für den Kampf gegen die ISIS Waffen liefern? dpa

Einheiten der kurdischen Peschmerga am am Stadtrand von Kirkuk im Irak. Sollte die Bundesregierung den Kurden für den Kampf gegen die ISIS Waffen liefern?

BerlinDie ersten zehn Minuten ihrer Talkshow zur Frage deutscher Waffenlieferungen ins irakische Kampfgebiet widmete Maybrit Illner der Topmeldung des Donnerstags, den rund 1000 russischen Soldaten in der Ukraine, von denen die Nato berichtet hatte. „Wichtig ist jetzt aber, Ruhe zu bewahren“, sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in ernstem Tonfall.

Wer dann nach dem Ende der Sendung zur ARD schaltete, konnte Reinhold Beckmann, der seine in Kürze endende Talkshow eine halbe Stunde später begann, bedächtig in seine Runde fragen hören: „Syrien, Irak, Ukraine, Gaza ... gibt es einen Flächenbrand?“. Der Talker besprach ein ähnliches Thema, so wie es Sandra Maischberger mit Islam-Akzentuierung und Frank Plasberg unter demselben Waffenexport-Aspekt in dieser Woche auch bereits getan haben.

Es wird also viel geredet über die Vielzahl eskalierender Kriegen und Krisen. Das Bewusstsein, dass nationales Reden offenbar wenig hilft, um die Ausbreitung internationaler Krisen zu stoppen, und nichts, wenn Terroristen Völkermord begehen, macht Talkshows zum Thema schwierig. Vom notwendigen Ernst war bei Illner mehr zu spüren als bei Plasberg - auch wenn ihre Redaktion so wie seine die schlechte Idee hatte, den Studiohintergrund unter anderem mit Propagandafotos der IS-Terroristen aufpeppen zu wollen.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

„Deutsche Waffen gegen Gotteskrieger - mutig, feige oder falsch?“ lautete Illners Thema - das war eine erstaunliche Formulierung. Eigentlich neigen Talkshow-Titel zu Entweder-/Oder-Vereinfachungen.

Die Ministerin also sprach sich erwartungsgemäß für deutsche Waffenlieferungen an die irakischen Kurden aus. Angesichts der „Barbarei“ des IS, die „Hundertausende um ihr Leben ringen“ lassen, müssten Bedenken, die Waffen könnten im Krieg schnell in gegnerische Hände fallen, zurücktreten.

Contra bekam sie zunächst weniger vom grünen Oppositionspolitiker Jürgen Trittin, der zwar von der Leyens schon häufig zu hörender Behauptung, bisher seien niemals deutsche Waffen in Kriegsgebiete geliefert worden, vehement widersprach, aber „keine einfache Antwort“ wusste.

Ausdrücklich gegen von der Leyen stellte sich der freie Journalist Andreas Zumach, der von Genf aus über die Uno berichtet: Waffenlieferungen an lokale Kämpfer seien „eine feige Ersatzhandlung und gefährlich“, sagte er. Sie würden zu einem „monatelangen Abnutzungs- und Stellungskrieg“ führen. Einzig Leben retten helfen würde die Entsendung einer „robusten Uno-Schutztruppe“, die idealerweise aus Soldaten der Vetomächte des Sicherheitsrats bestehen sollte. „Wenn der politische Wille da wäre“, ginge so etwas auch schnell, glaubt Zumach.

Kommentare (4)

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Herr Manfred Zimmer

29.08.2014, 09:50 Uhr

Gott sei es gedankt, dass Maybrit Illner den Politikern endlich sagt, dass wir eine robuste UNO-Schutztruppe brauchen.

Wir fremdgesteuert müssen unsere Politiker werden, damit sie wissen, was zu tun ist.

Herr J.-Fr. Pella

29.08.2014, 10:27 Uhr

Dies gilt für alle Diskussionsteilnehmer:
1.) Keine eigene Verantwortung übernehmen.
2.) Verantwortung an dritte Unbekannte delegieren.
3.) Dadurch generell UNSCHULDIG.
An alle:
Denn sie wissen nicht, was sie tun.....

Herr W. H.

29.08.2014, 10:50 Uhr

Einzelne Volksgruppen mit Waffen aufzurüsten hat noch nie einen Staat oder eine Region befriedet. Das ist nur Aktionismus. Und an anderen Staatshoheiten vorbei zu agieren ist erst recht der falsche Ansatz. Waffenrasseln wie das Beispiel USA hilft nur der Waffenindustrie. Also bleiben nur Politik und reden.

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