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18.10.2013

07:24 Uhr

TV-Kritik

Und plötzlich haben sich alle lieb

VonChristian Bartels

Sieht Merkel jetzt rot, fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Es scheint so. Denn eines wurde in deutlich: Wenn sich CSU-Haudegen und SPD-Linke in einem Fernseh-Talk nicht mehr streiten mögen, ist eine Große Koalition nahe.

Maybrit Illner im Gespräch mit ihren Gästen: Clemens Fuest, Susanne Schmidt und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (v.l.).

Maybrit Illner im Gespräch mit ihren Gästen: Clemens Fuest, Susanne Schmidt und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (v.l.).

Der Donnerstagabend im ZDF schien zumindest wie aus einem Guss geformt: Erst feierte in einer altbackenen Quizshow Johannes B. Kerner sein Comeback. Bekanntlich hatte der Moderator den Mainzer Sender anno 2009 verlassen – im Jahr, als auch die bislang letzte Große Koalition endete. Jetzt scheint die nächste bevorzustehen, und Kerner darf wieder im ZDF vor die Kamera – und gleichseine Sendezeit überziehen.

Im nach hinten geschobenen „heute-journal“ sagte dann die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, was sich zu den wahrscheinlich bevorstehenden Koalitionsverhandlungen im Moment sagen lässt (wenig, sodass Kraft auch Gelegenheit hatte, häufiger zu erwähnen, wie die SPD sich für „die Menschen in diesem Land“ engagiert). Und anschließend wurde bei Maybrit Illner unter dem Sendungstitel „Die Qual nach der Wahl: Sieht Merkel jetzt rot?“ noch einmal in aller Ruhe darüber geredet.

Das geschah in so freundlicher Atmosphäre, dass die Sendung tatsächlich einen Eindruck davon vermittelte, wie es in den nächsten Jahren in der Politik zugehen könnte. Die nebeneinander platzierten Markus Söder (CSU) und Ralf Stegner (SPD), die noch vor wenigen Wochen als idealtypische Streithähne aus Bayern und Schleswig-Holstein gegolten hätten, vertrugen sich so blendend, als hätten sie schon das halbe Leben miteinander verbracht. Und das obwohl Söder auch den Sondierungsgesprächen mit den Grünen auf das Expliziteste nachtrauerte („Wir hätten uns das durchaus getraut“). Andererseits vertrug sich der als SPD-Linker geltende Stegner bemerkenswert gut auch mit „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart .

Wie groß sind Kompromiss-Chancen zwischen Union und SPD?

Euro-Stabilisierung

Schon vor der Wahl hat die SPD den Kurs von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gestützt. Der SPD-Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer hatte Merkel auch schon einmal zugestimmt. Kompromisssuche: Eher einfach.

Altersarmut

Union und SPD wollen 850 Euro Mindestrente für Geringverdiener, sehen dafür aber unterschiedliche Bedingungen. Die Union will höhere Renten für Mütter, die vor 1992 Kinder bekamen. Kompromisssuche: Eher einfach.

Prekäre Beschäftigung

Union und SPD wollen Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen verhindern („gleicher Lohn für gleiche Arbeit“). Die SPD will dafür Mitsprache von Betriebsräten stärken. Kompromisssuche: Eher einfach.

Bildung

Das 2006 eingeführte Kooperationsverbot von Bund und Ländern bei der Bildung soll gelockert werden – laut Wahlprogramm der Union für die Wissenschaft, die SPD will dies auch für die Schulen. Kompromisssuche: Kompliziert.

Energiewende

Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz sehen Union wie SPD Reformbedarf. Zur Entlastung der Verbraucher will die SPD die Stromsteuer senken, was die Union skeptisch sieht. Kompromisssuche: Kompliziert.

Mietbremse

Die SPD will ein bundesweites Mieterhöhungs-Limit bei Wiedervermietungen von zehn Prozent über dem ortsüblichen Niveau. Die Union will dies für Gebiete mit angespanntem Markt ermöglichen. Kompromisssuche: Kompliziert.

Mindestlohn

Die SPD will einen gesetzlichen Mindestlohn von bundesweit 8,50 Euro. Die Union will Arbeitgeber und Gewerkschaften flächendeckend Mindestlöhne nach Region und Branche festlegen lassen. Kompromisssuche: Kompliziert.

Betreuungsgeld

Die Zahlung für Kleinkinder, die keine staatlich finanzierte Betreuung in Anspruch nehmen, hat die CSU hart erkämpft. Die SPD fordert die Abschaffung, will dafür den Kita-Ausbau stärken. Kompromisssuche: Schwierig.

Pkw-Maut

Die Union ist uneins über eine Pkw-Maut für Ausländer, die die CSU zur Koalitionsbedingung erklärt hat. Die CDU peilt eine wie auch immer geartete „Lösung“ an, die SPD lehnt eine Pkw-Maut ab. Kompromisssuche: Schwierig.

Steuern

SPD-Wahlkampfthema war, den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent anzuheben. Die Union hat Erhöhungen ausgeschlossen, will den Steueranstieg bei Lohnerhöhungen („kalte Progression“) stoppen. Kompromisssuche: Schwierig.

Gesundheit

Die Union will am jetzigen System festhalten, das bei Kostensteigerungen Arbeitgeber schützt und Arbeitnehmer belastet. Die SPD fordert eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen. Kompromisssuche: Schwierig.

Steingart äußerte etwa anhand von Thesen aus seinem aktuellen Buch – die Staaten seien „kreditsüchtig“ geworden, die Banken hätten sich zu „Sonderwirtschaftszonen“ entwickelt – die Befürchtung, eine Große Koalition sei nicht darauf vorbereitet, dem Machtfaktor Banken zu begegnen. Stegner stimmte sofort zu: „Der Primat der Politik muss und kann durchgesetzt werden“. Wie zum Beispiel „die Amerikaner mit der Schweiz umgehen, nämlich durchaus robust“, sei ein Beispiel. Dass es nicht das ist, was Steingart meint, kam anschließend gerade noch rüber.

Dann wurde per Einspielfilm, um die Diskussion zurück auf erheblich allgemeineres Niveau zu lenken, mal wieder Ausschnitte aus dem im Juni publik gewordenen, inzwischen sehr bekannten Telefonat irischer Banker eingespielt. Unterschiedliche Ansichten zu komplexen Themen vorzustellen, zählt eben nicht zu den Kernkompetenzen deutscher Talkshows.

Immerhin, in der ersten Hälfte der Sendung war ein Spektrum aktueller Ansichten zum flächendeckenden Mindestlohn vorgestellt und diskutiert worden. Das Spektrum reichte von „Die meisten Menschen wissen, dass es nichts taugt, wenn man von seiner Arbeit nicht leben kann“ (Stegner) bis zu „Die Leut' sollen leben können von ihrer Arbeit“ (Söder). Am relativ skeptischsten äußerte sich Susanne Schmidt, Wirtschaftsjournalistin sowie Tochter des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt: „Vielleicht sind 8,50 ein bisschen hoch“, sagte die in England verheiratete Schmidt und riet mit einem faszinierenden Hauch von englischem Akzent in der Stimme: „Lieber ein bisschen niedriger anfangen und schauen, was sich entwickelt.“

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

18.10.2013, 09:24 Uhr

Die Sendung mit Illner ist unspannend und am liebsten hört sich die Illner selber reden. Die Sendung wird nur noch von Heiner Bremer übertroffen, der seine Sendung auch noch Duell nennt. Als Gäste kommen Politiker, die abgesprochen den Zuschauer sugerieren verschieden zu sein.

Einzelkaempfer

18.10.2013, 10:13 Uhr

Den einzigen Gegner, die AfD, konnten die eingesessenen Parteien durch die Meinungsumfragenlüge aus dem Bundestag fern halten. Wenn es den Abgeordneten an die eigenen Pfründe geht kennen sie weder Demokratie noch Grundgesetz.

Account gelöscht!

18.10.2013, 11:37 Uhr

Zitat : Freundlicher Grundtonfall

- bei der Abstimmung des Ergebnises des Koalitionsvertrages wird die SPD-Basis einen anderen Ton einschlagen !

Ob die sogenannten Führungskräfte der SPD diesen Tonfall überleben, bleibt abzuwarten.

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