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03.06.2011

07:25 Uhr

TV-Kritik zu Maybrit Illner

„Ich bin der Headhunter der Asis“

Der Aufschwung ist da, leider merken viele Menschen nichts davon. Ein Thema mit sozialem Sprengstoff. Maybrit Illner lud ein zur freudigen Diskussion - und verlor die Kontrolle über ihre Gesprächsrunde.

TV-Talk mit Maybrit Illner: Streitrunde mit SPD-Urgestein, Straßen-Pfarrer und Sternekoch.

TV-Talk mit Maybrit Illner: Streitrunde mit SPD-Urgestein, Straßen-Pfarrer und Sternekoch.

BerlinDas, was die Gäste einer durchschnittlichen deutschen Polit-Talkshow von sich geben, ist in aller Regel so sorgfältig poliert wie Omas Tafelsilber. Wenn doch mal jemand dabei ist, der statt dessen kantige, streitbare Thesen vertritt, kann dies als erfreuliche Ausnahme gelten. Wer allerdings gleich mehrere solcher unbequemer Persönlichkeiten in ein und dasselbe Fernsehstudio setzt, riskiert, dass die komplette Sendung aus den Angeln gehoben wird. Maybrit Illner jedenfalls entglitten am Donnerstagabend zunehmend die Gesichtszüge und die Kontrolle über die Diskussion.

Dabei ging es um ein Thema, das zunächst wenig Spannung verhieß, was aber hauptsächlich an der uninspirierten, kreuzbraven Formulierung lag: „Arm trotz Aufschwung – auch mit Fleiß kein Preis?“ fragte Maybrit Illner in die Runde. Tatsächlich zeigte sich im Laufe der Sendung, wie viel Sprengstoff die Problematik birgt. Denn im Grunde beruht die soziale Marktwirtschaft auf dem Gedanken, dass jemand, der sich tüchtig anstrengt, auch etwas davon hat. Doch nun scheinen die alten Gewissheiten nicht mehr zu gelten: Die Konjunktur zieht an, die Arbeitslosenzahlen sinken, in Deutschland wird wieder in die Hände gespuckt. Und gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, denen es nicht gelingt, von ihrem Einkommen ihr Leben zu finanzieren. Die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse nimmt zu, trotz  voller Auftragsbücher sind Festanstellungen nach wie vor selten.

Mit dem früheren SPD-Chef Hans-Jochen Vogel verdarb es sich die Moderatorin gleich zu Anfang, als sie ihn als „SPD-Urgestein“ vorstellte. Denn dies klang nach Vogels Geschmack allzu sehr nach kreidezeitlichen Monolithen. „Das mögen Sie nicht, okay“, erwiderte Illner schon etwas irritiert, „dann sage ich eben Ehrenvorsitzender.“ Und handelte sich damit gleich die nächste Zurechtweisung ein, denn der einzige Ehrenvorsitzende in der SPD sei immer noch Willy Brandt.

Überhaupt zeigte sich der Politiker äußerst kontrovers und temperamentvoll. Die Schere zwischen Oben und Unten klaffe immer weiter auseinander, sagte er, und es sei dringend nötig, diese Entwicklung zu bremsen, etwa mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro und einer Vermögenssteuer für die Reichen. Es sei an der Zeit für Veränderungen, ja, für eine breite soziale Protestbewegung: „Wenn sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter verbreitert, kann ich mir vorstellen, dass die Menschen ihrer Verzweiflung und ihren Demütigungen durch Proteste auf der Straße Ausdruck verleihen“, sagte er, „und das würde unserem Land nicht schlecht tun.“

Gegen Vogel, den verbalen Kraftprotz, wirkten die jüngeren Politiker, FDP-Generalsekretär Christian Lindner wie auch die stellvertretende Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping, blass und kleinkalibrig. Lindner stieg zwar mit einer steilen These ein, landete damit jedoch in einer rhetorischen Schieflage: „Ungleichheit ist die Hefe im Teig der Marktgesellschaft“, sagte er, ohne sein wirtschaftspolitisches Kuchenrezept näher zu erläutern. Dafür warnte er umso eindringlicher vor „großen Totaloperationen im Sozialstaat.“ Denn eine Vermögenssteuer gefährde mittelständische Unternehmen, ein Mindestlohn koste Arbeitsplätze.

Kipping indessen wiederholte, was seit PISA die meisten längst wissen, nämlich, dass die Schulerfolge von Kindern in Deutschland in hohem Maße von der sozialen Schicht ihrer Familie abhängen. Was sie dagegen tun will, wurde leider nicht klar.

Kommentare (21)

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DonAleusius

03.06.2011, 08:14 Uhr

Unabhängig davon welche weltverbessernden Ergebnisse man sich von einer erweiterten Umschichtung von Vermögen und Einkommen (so viel zum Thema Arbeit muss sich lohnen) auch verspricht, handelt es sich doch lediglich um die Bekämpfung von Symptomen. Ähnlich wie Hr. Raue komme ich ebenfalls aus der sogenannten "Unterschicht" und musste mich an meiner eigenen Nase fassen um meine Ziele zu erreichen. Eine gute Ausbildung und ein Schulabschluss, was aus meiner Sicht unerlässlich ist um Teil dieser Volkswirtschaft sein zu können und am Aufschwung zumindest teilweise zu profitieren, fallen nicht vom Himmel. Nichts desto trotz gibt es ohnehin unzählige Möglichkeiten diese zu erreichen, nur eben nicht geschenkt. Die Idee, dass jeder einen Abschluss hat, halte ich für Augenwischerei und eine Utopie - oder eben die Ausdehnung der Problematik, dass schon heute mancher Schulabschluss faktisch wertlos sein kann. Es ist zu einem guten Stück eben auch die eigene Einstellung etwas selbst erreichen zu wollen. Diese Einstellung ist mit Sicherheit auch ein Stück Erziehung die mittlerweile bei einigen Wenigen verloren gegangen ist.

Account gelöscht!

03.06.2011, 09:08 Uhr

„Arm trotz Aufschwung – auch mit Fleiß kein Preis?“ Schon der Titel ist linker Müll und forciert weiter das Anspruchsdenken der Transfer-Schicht. Frau Illner bietet immer wieder eine Argumentations-Plattform für linke Parolen. Ich kanns niocht mehr hören oder sehen.

Fernbedienung - Knips - Aus. Weg mit der Illner !!

caesarenwahn

03.06.2011, 09:31 Uhr

das Anspruchsdenken der Transfer-Schicht.....

meinen Sie die Bankster, die dem Steuerzahler mit Hilfe der Polittäter das Fell im dreistelligen Milliardenbereich über die Ohren ziehen oder verbreiten sie nur die üblichen Phrasen von deren Claqueuren?

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