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26.10.2012

06:59 Uhr

TV-Talk Maybrit Illner

„Sie sind so nett heute Abend!“

VonChristian Bartels

Maybrit Illners Sendung über die Energiewende geriet zu einer Wohlfühl-Talkshow wider Willen. Trotz „Ökoschickeria“- und „Dekadenz“-Vorwürfen mochten nicht einmal Philipp Rösler und Jürgen Trittin richtig streiten.

Jürgen Trittin und Philipp Rösler mit Moderatorin Maybrit Illner (v.li.). ZDF/Jule Roehr

Jürgen Trittin und Philipp Rösler mit Moderatorin Maybrit Illner (v.li.).

DüsseldorfNach dem „Heute-Journal“ gestern, in dem der vom ZDF-Starmoderator Claus Kleber interviewte ZDF-Chefredakteur Peter Frey geradezu strahlte vor Genugtuung, Anlass zum Rücktritt des CSU-Sprechers Hans Michael Strepp geworden zu sein, folgte gleich noch eine kuriose ZDF-Sendung. Maybrit Illner talkte zum Thema „Planlos, teuer, ungerecht - wird die Energiewende zum Desaster?“.

Die Einleitung gelang durchaus alarmierend: 800.000 deutschen Haushalten sei 2012 schon wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt worden. Bei steigenden Strompreisen drohe das also deutlich mehr Bürgern. Was sich daran anschloss, war jedoch eine Talkshow, in der zwischen lauter ruhig argumentierenden Befürwortern der titelgebenden Energiewende am Ende genau eine Person auf Kohlen zu sitzen schien: die Moderatorin selbst.

Dazu gastierten zwei hochrangige und eigentlich dankbare Streithähne im Studio: Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). In der Eingangsrunde bemerkte Trittin sehr richtig, dass Heizöl und Benzin sich noch wesentlich stärker verteuert hätten als Strom, und dass Deutschland „massiven Preistreibereien ausgesetzt“ sein würde, wenn es die Abhängigkeit von solchen Importen nicht reduzieren könne. Rösler sagte ebenfalls sehr richtig, dass Strom sowohl für die Menschen wie auch für die Unternehmen zu teuer sei. Und schon hatte das Publikum bemerkt, dass Trittin und Rösler, so unterschiedlich ihre Positionen auch sein mögen, keineswegs immer automatisch in Gegensatz zueinander geraten.

Ebenfalls rasch zeigte sich, dass die übrigen Gäste erst recht nicht zu Streit neigten: Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Hans Heinrich Driftmann, vertrat nicht nur einmal die Position, dass man mit der Energiewende „grundsätzlich auf dem richtigen Weg“ sei, diese aber auch „harte Arbeit“ bedeute. Der vor allem für die ARD tätige Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar unterstützte diese Sicht, indem er nicht nur einmal meinte, wegen des Energiewende-Plans schaue die Welt auf Deutschland; selbst in den amerikanischen Wahlkampf-TV-Duellen sei er Thema gewesen. Eine Verbraucherschützerin, neben Illner die einzige Frau in der Runde, sagte so gut wie gar nichts.

Nachdem Trittin weniger, weil er darauf direkt angesprochen worden war, sondern eher proaktiv begann, das von der rot-grünen Bundesregierung ersonnene, von späteren Regierungen veränderte Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) zu erklären und den amtierenden Bundesminister Rösler wegen der aktuellen Ausnahmeregeln attackierte, verließ Illner zunächst die Runde ihrer Gäste. Darüber dürfte sie sich hinterher selbst geärgert haben. Denn ihr Einzelinterview mit einer sichtlich ergriffenen Arbeitslosen, deren Familie Wochen lang der Strom abgestellt worden war, war durchaus berührend - zum Beispiel als sie berichtete, dass ihre Kinder für einen Anspruch auf warmes Duschen zu alt seien. Bloß gelang es Illner hinterher nicht mehr, zwischen ihren Gästen Streit zu entfachen.

Die Atom-Kehrtwende und der Weg zum Ausstieg

12. März 2011

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigt Sicherheitschecks für die 17 deutschen AKW an.

14. März

Merkel will die längeren Laufzeiten für die deutschen AKW für drei Monate aussetzen.

15. März

Nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder mit Atomstandorten kündigt Merkel plötzlich an, dass die sieben vor 1980 gebauten AKW bis zum 15. Juni abgeschaltet werden.

22. März

Die Regierung beauftragt mit der Klärung technischer Fragen die Reaktorsicherheitskommission (RSK). Eine Kommission unter Führung des früheren Umweltministers Klaus Töpfer und des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, soll klären, welches Risiko für die Gesellschaft ethisch vertretbar ist.

31. März

Die RSK stellt ein umfangreiches AKW-Prüfprogramm vor.

1. April

RWE reicht beim Verwaltungsgerichtshof Kassel Klage gegen die vorübergehende Abschaltung des AKW Biblis A in Hessen ein.

8. April

RWE, Eon, Vattenfall und EnBW kündigen an, dass sie die Millionen-Zahlungen in den Fonds zum Ausbau der erneuerbaren Energien einstellen, da diese an die Laufzeitverlängerung gekoppelt seien.

15. April

Gespräch von Merkel mit allen Ministerpräsidenten zur Energiewende. Unklar ist, wie die Milliardenkosten zu stemmen sind.

9. Mai

Merkel einigt sich mit der Opposition auf einen Fahrplan, das Parlament bekommt mehr Zeit für die Beratungen, der Bundesrat soll erst im Juli entscheiden.

10. Mai

Die Ethikkommission schlägt in einem Entwurf für den Abschlussbericht einen Atomausstieg bis spätestens 2021 vor.

15. Mai

Nach der CDU nennt auch die FDP in einem Energiekonzept kein festes Ausstiegsdatum, sondern will es abhängig machen von der Entwicklung bei den erneuerbaren Energien. Die CSU ist für 2020.

17. Mai

Abschlussbericht der Reaktorsicherheitskommission.

28. Mai

Abschlussbericht der Ethik-Kommission.

30. Mai

Übergabe an die Regierung.

Bis Juni

Abhängig von möglichen AKW-Stilllegungen soll es eine Anpassung des Atomvertrags mit den Energieunternehmen geben, der die Höhe der Atomsteuer und der Zahlungen in den Ökofonds regelt.

6. Juni

Das Kabinett will die Gesetze zum Atomausstieg und zur beschleunigten Energiewende beschließen.

15. Juni

Ende des Atommoratoriums. Auch wenn der Ausstieg bis dahin nicht von Bundestag und Bundesrat beschlossen sein wird, wollen die AKW-Betreiber die stillgelegten AKW nicht wieder hochfahren.

30. Juni

Beschluss des Bundestags.

8. Juli

Der Bundesrat entscheidet über das Gesetzespaket.

FDP-Mann Rösler landete den Polemik-Treffer des Abends, indem er das geschilderte Schicksal mit dem Satz kommentierte: „Die Mieterinnen und Mieter müssen die Photovoltaikanlage der Ökoschickeria bezahlen.“ Trittin konterte eher schwachbrüstig, indem er Guido Westerwelles „spätrömische Dekadenz“-Zitat aus einem Jahre alten Kontext holte, brachte aber auch eine pragmatische Idee auf: spezielle Tarife für Menschen, die wenig Strom verbrauchen, als Anreiz. Yogeshwar hatte eine noch pragmatischere: eine Abwrackprämie für Kühlschränke. Dann würde auch sie sich ein energiesparenderes Gerät leisten können, zwinkerte er der Betroffenen im Publikum zu.

Kommentare (21)

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Account gelöscht!

26.10.2012, 08:40 Uhr

Was mich etwas verwundert, nicht ein Wort ist über den billigen Euro gefallen. Dabei liegen die Zusammenhänge auf der Hand. Durch den für unsere Wirtschaft zu billigen Euro kaufen wir unsere Rohstoffe zu teuer ein.

Der billige Euro subventioniert unsere Exporte, bringt die Handelsbilanzen der Euroländer durcheinander und verteuert den Konsum der Deutschen. Dass die Deutschen dann noch den Strom vieler Firmen subventionieren müssen, scheint so richtig keinen der Politiker gestört zu haben.

Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Politiker begreifen die Zusammenhänge nicht. Wir hebeln den Wettbewerb aus, was nicht einmal die FDP zu verstehen scheint. Dabei war es der Wettbewerb, der uns Deutschen immer wieder gefordert und letztendlich stark gemacht hat.

Diese Ignoranz wird uns das Genick brechen.

HofmannM

26.10.2012, 08:42 Uhr

Das sind doch alles Lügner und Verräter. Diese Politik im Deutschen Bundestag ist unser Untergang in Deutschland!
Wo bitte gibt es sowas, dass sich die Politik hinstellt und ihren selbst durch die Energiewende und dem damit verbundenen EEG verteuerten Strom mit der Aussage verteidigt, dass der Oelpreis auch gestiegen ist!?
Der deutsche Strompreis wurde durch die deutsche Politik (EEG,Energiewende,Atomausstieg) künstlich (marktfremd) für den Bürger verteuert. Somit hat die Politik das Allgemeingut zum Luxusgut abgestempelt. Zum Wohle einiger gierigen Abzocker und zum Schaden der ehrlich und hart arbeitenden Bürgerschicht!
Dieses verlogen deutsche Politikerpak!
Die Wirtschaftsvertertter sind kein deut besser. Jeder schaut, wie er selbst aus der politisch gestellen Strompreisverteuerungsfalle herauskommt. Der hart verdienden Bürger wird der erste sein, den die Armut in Empfang nimmt. Mit zunehmener Energiekostensteigerung wird auch die Kostensteigerung der Lebenshaltungskosten für den Bürger zu nehmen. Dem Bürger bleibt dann immer weniger für ein beschwerdefreies Leben übrig. Das Wohlstandsleben wird Schritt für Schritt in Deutschland für die Allgemeinbürger abgeschafft. Neue schöne ideologische grüne Ökowelt!

hjs

26.10.2012, 08:54 Uhr

Ist denn selbst dem Autor des Handelsblatts nicht aufgefallen,dass die bedauernswerte Ernährungsberaterin in der falschen Wohnung lebt: Durchlauferhitzer, Elektroheizung etc.....? Ich wohne in einem Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung, dreiköpfige Familie etc. und liege bei 150 € !
Dem Physiker in der Sendung fällt da nichts besseres ein als die Abwrackprämie für einen Kühlschrank...
Lächerliche Runde bis auf Rösler!

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