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26.08.2014

14:30 Uhr

TV-Vorschau „Ausverkauf Europa“

Darf Rom sein Kolosseum verscherbeln?

VonMartin Pirkl

Die Regierungen Europas überlegen, ob sie Kulturgüter wie das Kolosseum verkaufen dürfen. Viele Bürger sind empört und gehen auf die Straße. In der Dokumentation „Ausverkauf Europa“ machen sie ihrem Ärger Luft.

Privatisiert: Ein Großteil der Einnahmen für das Kolosseum in Rom erhält ein Unternehmen. dpa

Privatisiert: Ein Großteil der Einnahmen für das Kolosseum in Rom erhält ein Unternehmen.

DüsseldorfWas haben zwei österreichische Berge, das Kolosseum in Rom und eine Bucht in Griechenland gemeinsam? Sie alle sollen oder sollten vom Staat an private Investoren verkauft werden. In der Doku „Ausverkauf Europa“, die am Dienstag um 20.15 Uhr auf „Arte“ gezeigt wird, geht der Regisseur Andreas Pichler der Frage nach, wem die Kulturgüter Europas gehören.

Pichlers Reise beginnt in der Nähe seines Wohnortes in Osttirol. Dort standen zwei Berge für den Mindestpreis von 121.000 Euro zum Verkauf. Der Staat wollte mit dem Geld seine Schulden abbauen. Die Berge sollten nach einer deutschen EDV-Firma umbenannt werden, die bereit war die Summe zu zahlen. Doch der Deal platzte. Die Bevölkerung war gegen den Verkauf, betrachte ihn als Enteignung. „Man darf nicht alles zu Geld machen. Das ist ein Aufgeben der Identität“, sagt der Heimatforscher Ludwig Wiedermayr.

Nach Österreich besucht Pichler Irland, wo der Staat ganze Wälder verkaufen wollte. Darauf folgt Frankreich, das Weingüter im Burgund an reiche Chinesen verkauft und plante, einen Palast zu verpachten. Italien wollte das Kolosseum veräußern. In Deutschland werden Teile der Berliner Mauer verkauft und in Griechenland eine unbewohnte Bucht im Norden Korfus. Überall war Pichler und sprach mit Einwohnern, die nichts für die Privatisierung von Staatseigentum übrig haben. So bekommt der Zuschauer einen guten Einblick über die Entrüstung der Bevölkerung und welche Dimension dieses Thema hat.

So viele Schulden kann sich ein Staat leisten

Der Ökonom

Im Oktober 1990 hat Olivier Blanchard, Professor der Volkswirtschaftslehre am Massachusetts Institute of Technology (MIT), eine alte Frage beantwortet. Wie viele Schulden kann sich ein Staat leisten? Grob unterscheidet er drei Szenarien.

Neutrales Szenario

Das Bruttoinlandsprodukt wächst in einem Jahr um zwei Prozent, ein Land muss auf alle Staatspapiere durchschnittlich zwei Prozent Zinsen zahlen. Das Staatsdefizit ist tragfähig, wenn das Land einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen kann, also Staatsausgaben gleich Steuereinnahmen sind.

Gutes Szenario

Das Bruttoinlandsprodukt wächst um zwei Prozent, der Staat kann sich günstig refinanzieren und zahlt auf Staatsanleihen weniger als zwei Prozent Zinsen. Das Staatsdefizit ist sogar dann tragfähig, wenn dem Staat weniger Steuern zufließen als er Geld ausgibt.

Schlechtes Szenario

Das Bruttoinlandsprodukt wächst wieder um zwei Prozent, allerdings wollen Investoren mehr als zwei Prozent Zinsen pro Jahr, um ihr Geld dem Staat zu leihen. Das Staatsdefizit ist nur dann tragfähig, wenn die höheren Zinszahlungen über erhöhte Steuereinnahmen in gleichem Umfang gedeckt sind.

Doch die vielen Ortswechsel führen auch dazu, dass es schwer fällt, der 72-minütigen Doku die ganze Zeit über aufmerksam zu folgen. Besser wäre gewesen, Pichler hätte sich auf drei Orte konzentriert, statt episodenartig sieben Länder abzuklappern. Dazu kommt, dass eine Station nicht ganz zum Thema des Films passt. So besucht Pichler, der für seine Doku „Call me Babylon“ über die Arbeit in einem Amsterdamer Callcenter 2004 den Grimme-Preis erhielt, den Park Güell in Barcelona. Die Stadtverwaltung möchte Eintritt verlangen, um so die Zahl der Besucher zu reduzieren. Die Anlage sei zu überfüllt für ihre Größe. In diesem Fall handelt es sich nicht um eine Privatisierung öffentlicher Güter. Zwar wird durch den Eintritt der Zugang beschränkt, dennoch ist dies nicht dasselbe.

Obwohl die Dokumentation überladen ist, gibt Pichler dem Zuschauer einen guten Überblick über das Thema. Nicht nur die Gegner der Privatisierung finden eine Stimme, auch die Verwaltung, die für den Verkauf verantwortlich ist, kommt zu Wort. „Bestimmte Güter bringen dem Staat keinen Nutzen und können deswegen abgestoßen werden“, sagt Nathalie Morin, Verwaltungschefin von „France Domaine“, das sich sich um den Verkauf unrentabler Staatsgüter Frankreichs kümmert. Auch die Motive der Investoren beleuchtet Pichler. Ein US-Rentenfonds möchte einen Landstrich Griechenlands kaufen. Dort soll eine Luxusferienanlage gebaut werden. Ein Investor in Berlin lässt einen Teil der Berliner Mauer entfernen und errichtet dort Wohnungen in bester Lage.

Kommentare (2)

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Herr Peter Spiegel

26.08.2014, 14:51 Uhr

Verkauft doch die EU, dann ist der Eigentümer klar erkennbar
und niemand muß mehr eine Bank retten, denn man wäre die Bank.

Herr Fred Meisenkaiser

26.08.2014, 15:15 Uhr

Die Ursachen des Verscherbelns? Sind in der desolaten Wirtschaftslage der Länder zu suchen, und diese wiederum in zu geringen Steuereinnahmen. Man sehe sich Griechenland an: Di ereichen zahlen kaum Steuern, selbiges in Deutschland: Spitzensteuersätze rauf und schon hat der Staat und die Komunen wieder Geld und kann investieren!
Bei den verarmten Bürgern ist nicht mehr viel zu holen: 60% der Deutschen haben kein nennenswertes Vermögen, dafür haben 2% fast 80%. Dieses Mißverhältnis muß durch Steuernkorrigiert werden!

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