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05.01.2016

19:58 Uhr

Übergriffe in der Silvesternacht in Köln

„Eklatante Missstände bei der Inneren Sicherheit“

„Widerwärtige Übergriffe“: Kanzlerin Angela Merkel verlangt nach den Angriffen auf mehrere Frauen in der Silvesternacht in Köln eine harte Antwort des Rechtsstaats. Die Kölner Polizei gerät zunehmend in die Kritik.

Es müsse alles daran gesetzt werden, die Schuldigen so schnell und so vollständig wie möglich zu ermitteln, ließ sie über ihren Sprecher mitteilen. AFP

Kanzlerin Angela Merkel

Es müsse alles daran gesetzt werden, die Schuldigen so schnell und so vollständig wie möglich zu ermitteln, ließ sie über ihren Sprecher mitteilen.

KölnNach den massiven Überfällen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht haben Politiker parteiübergreifend ein konsequentes Durchgreifen der Behörden gefordert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte nach Angaben eines Regierungssprechers in einem Telefonat mit der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Dienstag „ihre Empörung über diese widerwärtigen Übergriffe und sexuellen Attacken aus“, die nach einer harten Antwort des Rechtsstaats verlangten. Es müsse alles daran gesetzt werden, die Schuldigen so schnell und so vollständig wie möglich zu ermitteln und ohne Ansehen ihrer Herkunft oder ihres Hintergrundes zu bestrafen. Zeugen zufolge sahen die Verdächtigen nordafrikanisch und arabisch aus.

„Das ist offenbar eine völlig neue Dimension organisierter Kriminalität“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) in Berlin. NRW-Regierungschefin Kraft sprach von einer „Eskalation der Gewalt“ und sexuellen Übergriffen „durch Männer-Banden“. Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Mittwoch) sagte sie: „Für die Opfer, insbesondere die betroffenen Frauen, waren das schreckliche, zutiefst verstörende Erlebnisse.“ Wenn die Voraussetzungen gegeben seien, müssten kriminelle Straftäter abgeschoben werden.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) betonte: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“

Der nordrhein-westfälische CDU-Chef Armin Laschet warf der Polizeispitze Versagen vor. „Während die bayerische Polizei erfolgreich dem Terror trotzt, ist die NRW-Polizei in Köln nicht in der Lage, Frauen vor serienweisen sexuellen Übergriffen im Zentrum der größten Stadt des Landes zu schützen“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Mittwoch). Nach den Hooligan-Krawallen vom Oktober 2014, bei denen rund 50 Polizisten verletzt worden waren, offenbarten sich in Köln nun erneut „eklatante Missstände bei der Inneren Sicherheit“.

Missbrauch in der Silvesternacht

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. Zeugen und Opfer berichten - laut Polizei übereinstimmend - von Männern, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. So hat es der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf der Pressekonferenz am Montag formuliert. Demnach soll eine Gruppe von Männern auf dem Domplatz gewesen sein, die meisten von ihnen zwischen 15 und 35. In kleineren Gruppen sollen sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in einem Fall auch vergewaltigt. 90 Anzeigen gibt es bis Dienstagmittag. „Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagt ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, mahnte eine lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse an. „Was wir brauchen, ist eine starke Polizeipräsenz vor Ort.“ Die Polizei benötige auch Videoüberwachung, man solle sich aber nicht der „Illusion“ hingeben, damit Tätern „individuell und konkret Straftaten“ nachweisen zu können.

Als Reaktion auf die Übergriffe will die Stadt ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen verschärfen. „Wir haben heute Morgen gemeinsam Maßnahmen entwickelt, die dazu führen sollen, dass es solche Vorfälle hier nie wieder gibt“, sagte Oberbürgermeisterin Reker am Dienstag auf einer Pressekonferenz nach Beratungen zwischen Verwaltung und Polizei zu den Übergriffen. „Ebenso wichtig ist aber auch, dass wir uns das Karnevalfeiern nicht nehmen lassen durch solche Vorfälle.“

In Köln waren die Spitzen von Stadt und Polizei zu einem Krisengespräch zusammen gekommen, um über Konsequenzen aus der Serie von Straftaten am Hauptbahnhof und am benachbarten Dom zu beraten. Reker nannte das Verhalten der Täter vor dem Kölner Rathaus „absolut intolerabel“. Mit Blick auf die bevorstehenden Karnevalstage in Köln kündigte Reker unter anderem verstärkte Bemühungen an, besonders junge Frauen als potenzielle Opfer von Straftaten über mögliche Gefahren aufzuklären. Es war nicht zu übersehen, dass die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen mitten in Köln Reker bis ins Mark getroffen haben.

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