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09.08.2012

18:01 Uhr

Übertragungsnetzbetreiber

Berlin verliert die Geduld mit Tennet

VonThomas Sigmund

ExklusivDie Bundesregierung setzt den Übertragungsnetzbetreiber Tennet massiv unter Druck. Wegen wachsender Zweifel an der Zuverlässigkeit wolle man das Unternehmen zu einem Rückzug vom deutschen Markt drängen.

Starkstrom-Monteure verspannen einen neuen Strommasten am Umspannwerk des Energiekonzerns Vattenfall. dapd

Starkstrom-Monteure verspannen einen neuen Strommasten am Umspannwerk des Energiekonzerns Vattenfall.

BerlinWegen wachsender Zweifel an der Zuverlässigkeit setzt die Bundesregierung den Übertragungsnetzbetreiber Tennet unter Druck. Man wolle das Unternehmen zu einem Rückzug vom deutschen Markt drängen, erfuhr das Handelsblatt aus Regierungskreisen. Einen Hebel dazu sieht man im laufenden Zertifizierungsverfahren.

Tennet muss sich derzeit wie die drei anderen Übertragungsnetzbetreiber von der Bundesnetzagentur zertifizieren lassen. Sollte die Zertifizierung scheitern, könnte es für das Unternehmen unangenehm werden.

Man wolle alle Möglichkeiten prüfen, um „die Daumenschrauben im Fall Tennet anzuziehen“ und werde das „Zertifizierungsverfahren sehr konsequent verfolgen“, heißt es dazu in Regierungskreisen. Die Sanktionsmöglichkeiten, die das Energiewirtschaftsgesetz für das Zertifizierungsverfahren vorsieht, müssten zudem verschärft werden.

Nach Überzeugung des Bundeswirtschaftsministeriums trägt Tennet zum großen Teil die Verantwortung dafür, dass der Ausbau der Offshore-Windkraft nicht voran schreitet. Die Windkraft auf hoher See gehört zu den wichtigsten Bausteinen der Energiewende. In den Tennet-Netzbereich fallen die Windparks in der Nordsee. Das Unternehmen hat bereits 5,5 Milliarden Euro mobilisiert, um die Netzanbindung der Windparks mit dem Festland herzustellen. Doch das Geld reicht bei weitem nicht aus. Weitere 15 Milliarden sind nach Angaben von Tennet nötig.

Das Unternehmen, das der staatlichen niederländischen Netzgesellschaft gehört, sieht sich außerstande, diesen Betrag aufzubringen. Die Suche nach Partnern gestaltet sich schwierig. Die norddeutschen Küstenländer drängen bereits darauf, dass der Staat einspringt. Eine Beteiligung der staatlichen Förderbank KfW an Tennet wird nicht mehr ausgeschlossen, stellt aus Sicht von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) aber die ultima ratio dar.

Eleganter wäre es, sich über das Zertifizierungsverfahren des Unternehmens zu entledigen. Über das Zertifizierungsverfahren müssen die Netzbetreiber nachweisen, dass sie gesetzliche Entflechtungs- und Organisationsvorgaben erfüllen. Außerdem geht es um die Finanzausstattung: Die Zertifizierung kann an die Bedingung geknüpft werden, dass das Unternehmen seine „nachhaltige wirtschaftliche Leistung- und Investitionsfähigkeit“ nachweist.

Die Bundesnetzagentur kann diese Bedingung stellen, wenn ein Netzbetreiber „Anlass zu Zweifeln im Hinblick auf die erforderliche Finanzausstattung gibt“, heißt es in der entsprechenden Gesetzesbegründung. An dieser Stelle möchte das Ministerium den Hebel ansetzen. Das Ministerium selbst ist — wie auch die EU-Kommission — an dem Verfahren beteiligt. Die Zertifizierungsverfahren haben im März begonnen und können noch mehrere Monate dauern.

Kommentare (8)

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zurueck-zum-Monopol

09.08.2012, 18:43 Uhr

Derzeit hat Deutschland vier Netzbetreiber. Entzieht man Tennet die Lizens, gäbe es nur noch 3 Netzbetreiber! Und der Interessenvertreter werden bereits das Spendensäckchen für FDP und CDU geöffnet haben. Daher auch der Widerstand gegen das Anti-Korruptions-Gesetz.

Wir Endkunden zahlen zum einen den Netzausbau und später die höheren Durchleitungsgebühren, da es an Wettbewerb fehlt.

Die Schuld der höheren Kosten schiebt man dann auf die erneuerbaren Energien!

Oelblase

09.08.2012, 19:15 Uhr

So wie Sie es beschrieben haben, so wird es letztendlich sein.

Und das obwohl bei Photovoltaikanlagen zum 31.06.2012 (d.h. innerhalb eines Jahres) die Preise für Anlagen um weitere 25% zurück gegangen sind.

Deswegen ist zu erwarten, dass zum 31.12.2012 die Anlagen um bis zu 40% günstiger sein werden, als zum Jahresanfang - das ist wirklich unglaublich!

Bei allen kleinen und mittleren Anlagen, die jetzt angeschlossen werden, ist davon auszugehen, dass der Strom bis zu 100% selbst verbraucht wird. Denn Strom, den man zu 10-12 Cent/KWh herstellt, dann zu 13-18 Cent/KWh zu verkaufen, statt diesen selbst zu verbrauchen, ist volkswirtschaftlicher Blödsinn. Hier und da wird es aber natürlich ein paar Betriebswirte geben, die diesen Schwachsinn Realität werden lassen.


Damit braucht man für die Photovoltaik keinen Netzausbau, sondern nur für die Windkraft, die überwiegend im Norden Deutschlands installiert ist. Aber auch hier könnte man z.B. das Stromnetz der Deutschen Bahn verwenden, um den Strom durch zu leiten. Natürlich muss das Stromnetz der Deutschen Bahn angepasst werden. Es würde aber nur ein Bruchteil dessen kosten, was sonst neue Stromtrassen kosten würden.

Realist

09.08.2012, 19:16 Uhr

Sie irren, wenn Sie glauben, dass es mit dem Lizenzentzug nur noch 3 Übertragungsnetzbetreiber gibt. Nur wird evtl. jemand anderes das Netz betreibt.

Das Problem ist, dass man mit den Strom- und Gasnetzen nicht viel Geld verdienen kann. Die Netze werden staatlich reguliert und alle Kosten streng überwacht. Eine Verstaatlichung wird da auch nichts verbessern, vor allem weil staatliche Behörden nicht gerade durch Effizienz brillieren.

Die Netzentgelte unterliegen tatsächlich keinem Wettbewerb, aber eben nur weil die Netze staatlich reguliert werden.

Der notwendige Netzausbau ist zwar auf dem ersten Blick teuer (20 Mrd. Euro werden genannt), allerdings werden diese Kosten auf bis zu 40 Jahren verteilt - also 0,5-1,0 Mrd. Euro pro Jahr. Dagegen werden über die EEG-Umlage (ca. 17 Mrd. Euro nur für 2012) deutlich höhere Kosten dem Stromkunden belasten. Die Tendenz wird da noch steigen. Wer sagt, die erneuerbaren Energien tragen keine Schuld, der sieht die Realität nicht. Aber wer "grüne" Energie haben möchte, der muss auch bezahlen.

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