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07.03.2014

16:50 Uhr

Ukraine-Konflikt als Signal

Union will neue Gaskrise mit US-Hilfe abwenden

VonDietmar Neuerer

ExklusivWas tun, wenn Russland Westeuropa den Gashahn abdreht? Ein solches Szenario wird in Deutschland für möglich gehalten. Schon wird eine nationale Gasreserve gefordert. Davon hält die CDU aber reichlich wenig.

Eine RWE-Erdgasleitung: Der Aufbau einer nationalen Gasreserve als Konsequenz aus der Ukraine-Krise ist in der deutschen Politik umstritten. dpa

Eine RWE-Erdgasleitung: Der Aufbau einer nationalen Gasreserve als Konsequenz aus der Ukraine-Krise ist in der deutschen Politik umstritten.

BerlinDer wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Joachim Pfeiffer (CDU), sieht den derzeitigen Konflikt in der Ukraine auch als Fingerzeig für Deutschland, sich bei der Gasversorgung nicht einseitig von einem Land wie Russland abhängig zu machen. „Es gilt, die Quellen weiter zu diversifizieren sowie zusätzliche Möglichkeiten des Imports sicherzustellen“, sagte Pfeiffer Handelsblatt Online. „Eine gute Chance ist dabei zum Beispiel das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen, durch das Europa verbesserten Zugang zu den erschlossenen Reserven in den USA erhalten soll.“

Dass die Überlegungen Pfeiffers nicht ganz abwegig sind, zeigt der Umstand, dass der russische Staatskonzern Gazprom der Ukraine inzwischen mit einem Stopp der Gaslieferungen droht. Sollte die Regierung in Kiew nicht bald ihre Schulden begleichen, bestehe die Gefahr, dass man zu einer Situation wie 2009 zurückkehre, sagt Gazprom-Chef Alexei Miller. Damals stoppte Russland seine Gaslieferungen an die Ukraine.

Geschürt wird die Gefahr einer Gaslieferungsstopps auch dadurch, dass der Westen Strafmaßnamen gegen Moskau verhängt hat. Wenn der Westen über Sanktionen gegen Russland spricht, dann schwingt neben der Angst vor dem Kalten Krieg auch die vor einem kalten Winter mit.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Europa bezieht rund ein Viertel seines Gases aus Russland, Deutschland sogar mehr als ein Drittel. Der Griff zum Gas-Hahn gilt als Druckmittel, mit dem Präsident Wladimir Putin allzu scharfe Sanktionen abwenden könnte. Doch dieses Instrument dürfte ihm wegen des Schiefergas-Booms in den USA auf Dauer so nicht mehr zur Verfügung stehen. In diese Richtung denkt auch der CDU-Politiker Pfeiffer.

Zwar steigt der Energiehunger vor allem in Schwellenländern wie China und Indien, doch dafür fallen die USA als Importland für Gas aus. Die hierzulande umstrittene Schiefergas-Förderung, das sogenannte Fracking, macht Amerika nicht nur unabhängig von Einfuhren, es könnte sogar als Exporteur eine bedeutende Rolle spielen. Dafür werden in den USA eine Reihe von Terminals an Häfen zur Gas-Verflüssigung gebaut. Dann kann der Brennstoff per Tanker weltweit transportiert werden.

Kommentare (6)

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07.03.2014, 16:45 Uhr

"Eine gute Chance ist dabei zum Beispiel das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen, durch das Europa verbesserten Zugang zu den erschlossenen Reserven in den USA erhalten soll."

Artig artig, Herr Pfeiffer. Das wollen die USA von Ihnen hören.Gut gezappelt, Marionette....

Account gelöscht!

07.03.2014, 16:49 Uhr

"„Eine gute Chance ist dabei zum Beispiel das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen, durch das Europa verbesserten Zugang zu den erschlossenen Reserven in den USA erhalten soll.“"

Na klar, dass hat uns noch gefehlt. Ein US-CDU-Pudel der uns im Zuge Ukraine-Krise völlig sinnfrei das im Hinterstübchen verhanelte "Frei"Handelsabkommen unter die Nase reiben will. Bestätigt nur meinen Verdacht, dass die ganze Ukraine Krise inszeniert wird, wie sie inszeniert wird. um u.a. die eurasische Achse zugunsten einer einseitigen Abhängigkiet von der transatlantischen zu schwächen. Das Freihandelsbabkommen bringt dem Mann auf der Straße vor allem Nachteile, entmüdigt ihn und ist ein weiterer Schritt die Demokratie zugunsten einer zwischenstaatlich nicht greif- und kontrollierbaren Macht des Großkapitals abzuschaffen. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen...

Account gelöscht!

07.03.2014, 16:55 Uhr

Für wie blöd halten eigentlich die Medien den deutschen Bürger??? Boykottiert das Freihandelsabkommen, das uns auch den Hals zuschnürt! Deutschland muss sich auf sich selbst besinnen: Die Erneuerbaren sind doch gut, jedoch muss der günstige Preis auch bei den Bürgern ankommen. Die EEG- und Netzumlage müssen weg. Sofort. Mit den USA kämen wir vom Regen in die Traufe.

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