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16.05.2014

11:23 Uhr

Ukraine-Krise

Helmut Schmidt warnt vor Weltkriegsszenario

VonDietmar Neuerer

Rückt Europa wegen der Ukraine-Krise immer näher an den Abgrund wie 1914 vor dem Weltkrieg? Die Gefahr besteht, meint Altkanzler Schmidt. Deshalb seien die Vermittlungsbemühungen der Bundesregierung richtig.

Helmut Schmidt: Lob für Ukraine-Vermittler Steinmeier, Kritik für die EU-Kommission. Reuters

Helmut Schmidt: Lob für Ukraine-Vermittler Steinmeier, Kritik für die EU-Kommission.

BerlinIn der Ukraine stehen sich die Kontrahenten unversöhnlich gegenüber. Eine Lösung ist bisher nicht in Sicht. Zwar war am Mittwoch in Kiew ein Runder Tisch abgehalten worden, allerdings ohne eine Beteiligung der prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine. Eine neue Gesprächsrunde planen die ukrainischen Behörden am kommenden Montag, allerdings ist noch unklar, wo sie stattfinden soll.

In dieser Gemengelage erhöhen die USA und ihre europäischen Partner einschließlich Deutschland den Druck auf Russland. Für sie ist zentral, dass die Präsidentschaftswahlen am 25. Mai in der Ukraine gefahrlos stattfinden können – sonst drohen Moskau Wirtschaftssanktionen. Ob permanenter Druck das richtige Mittel ist, Russland zum Einlenken zu bewegen? Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) bezweifelt das. Er sieht eher die Gefahr, dass sich Europa wie 1914 vor dem Ersten Weltkrieg in Richtung Abgrund bewegt.

„Die Situation scheint mir zunehmend vergleichbar“, sagte Schmidt im Interview mit der „Bild“-Zeitung. Er halte zwar nichts davon, einen Dritten Weltkrieg herbeizureden. „Aber die Gefahr, dass sich die Situation verschärft wie im August 1914, wächst von Tag zu Tag.“

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Schmidt ist nicht allein mit seiner Warnung. Die Angst vor einem Extremfall griff jüngst auch der Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, auf: „Kriegsdrohungen, militärische Muskelspiele, rhetorische Aufrüstung: Christen überall auf der Welt schauen mit größter Sorge auf diesen Konflikt. Als evangelische Kirche in Deutschland denken wir im Jahr 2014 besonders an den August 1914 zurück.“ Damals begann der Erste Weltkrieg.

Innerhalb der Bundesregierung hat sich inzwischen auch Nüchternheit bei der Betrachtung der Lage breit gemacht. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Im April herrschte noch Zuversicht, dass die Vereinbarungen von Genf zur Deeskalation beitragen würden. Doch die bei der internationalen Konferenz vereinbarten Schritte scheiterten bislang an ihrer Umsetzung – wohl auch, weil an dem Treffen in der Schweiz aus der Ukraine lediglich Vertreter der Übergangsregierung teilgenommen hatten. Man sei immer noch in einer „Eskalationsphase“, musste Berlin daraufhin einräumen.

Kommentare (33)

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16.05.2014, 11:56 Uhr

Helmut Schmitt hat recht, es gibt Bestrebungen, Europa in einen Krieg mit Russland zu verstricken, von dem einzig die Amerikaner profitieren würden. Die deutschen Medien, incl. Handelsblatt treiben schon die notwendige Propaganda (Putinversteher, Die Furcht vor Russlands Klauen mit Titelbild). Doch diesmal werden sich die Deutschen und auch die Bevölkerung der anderen europäischen Länder nicht einwickeln lassen, wie man an der Menge der kritischen Kommentare auch hier im Handelsblatt sieht. Wir spielen einfach nicht mit. Basta.

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16.05.2014, 12:03 Uhr

Jedem dürfte der Begriff Mentor doch irgendwie geläufig sein. Die Mehrzahl hat in ihrem Leben ganz bestimmt schon einmal von dem Wissen eines solchen für sich selbst profitieren können, dadurch jede Menge Zeit gespart und Fehltritte vermieden.
Es hat noch nie geschadet, ab und an auf den gut gemeinten Rat weiser, alter Männer zu hören und danach zu handeln. Was hier seit Jahren voran getrieben wird, ist nicht die Einigung Europas und seiner Bürger, sondern das ganze Gegenteil davon.
Manchmal muss man zwei Schritte zurück gehen, um anschließend wieder vorwärts zu kommen. Ich denke, für Europa reichen keine zwei Schritte mehr, zu tief sind die geschürten Zerwürfnisse und zu zerrissen ist das Band, das die Menschen einen sollte, denn das Bindeglied besteht nur aus Geld in Form des EURO. Ausgerechnet den größten Streitpunkt im Leben der Menschen macht man zum Fundament. So etwas können sich doch nur Weltfremde, Ignoranten oder Psychopathen ausdenken . . .
Bedauerlich für die Idee, die dahinter steckt und noch bedauerlicher für alle Menschen auch über die Grenzen Europas hinaus.

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16.05.2014, 12:04 Uhr

Sehr geehrter Herr Helmut Schmidt,
sollten Sie nur einmal einige Kommentare in den verschiedenen Foren der deutschen Presse, betr. Europa lesen, wuerden vermutlich auch Sie zu der Meinung kommen muessen, dass Konfrontation, d.h. sogar bewaffnete, gewuenscht wird, damit alle wieder "unter sich" bleiben duerfen. Es wird ueberwiegend gehetzt, diffamiert, beleidigt, dabei wissen die meisten ueber die EU soviel wie nichts, sind nur DAGEGEN.
Mit freundl. Gruessen
PS: vielleicht waere es angebracht, um Lesermeinungen nicht mehr zu bitten, hoechstens, wenn es um den Wald geht.

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