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21.08.2012

07:06 Uhr

Umstrittene Krisenpolitik

EZB wegen hoher Spritpreise unter Beschuss

VonDietmar Neuerer

ExklusivMitten in der Urlaubszeit erreicht der Spritpreis neue Spitzenwerte. Eine Entspannung an der Zapfsäule ist nicht in Sicht. Das ärgert die FDP, die für diese Entwicklung auch die EZB-Krisenpolitik verantwortlich macht.

Ärger an der Zapfsäule

Rekordpreise bei Benzin

Ärger an der Zapfsäule: Rekordpreise bei Benzin

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DüsseldorfIn der Debatte um die rekordhohen Benzinpreise hat der Vorsitzende der hessischen FDP, Jörg-Uwe Hahn,  schwere Vorwürfe gegen die Europäische Zentralbank (EZB) erhoben. „Die Schwankungen des Benzinpreises zeigen uns, dass wir in einer globalisierten Wirtschaftswelt leben. Wenn der Euro-Kurs sinkt, steigen die Kosten für den Einzelnen“, sagte Hahn Handelsblatt Online. „Deshalb ist es so wichtig, mit aller Kraft an einer stabilen Währung in Europa zu arbeiten.“ Dieser Geldwertstabilität sei in erster Linie die EZB verpflichtet. „Wenn diese unsolide Staatsanleihen europäischer Länder weiter aufkauft, riskiert sie diese Geldwertstabilität und trägt mit dazu bei, dass die Kosten für die Verbraucher, seien es Spritkosten oder Immobilien steigen.“

Allerdings ist auch die Politik selbst mitverantwortlich für den schwachen Euro. Beispielsweise müssen am 12. September mit Fiskalpakt und dauerhaftem Rettungsfonds ESM zwei tragende Säulen der künftigen Grundordnung im Euroraum das deutsche Verfassungsgericht in Karlsruhe passieren. Bis dahin bleibt die Ungewissheit bei Anlegern hoch. Athanasios Vamvakidis, Währungsexperte der Bank of America, rechnet sogar damit, dass der Euro-Kurs bis zum Jahresende bis auf 1,15 Dollar fällt.

Chronologie Benzinpreise

1950

Der Zweite Weltkrieg ist gerade einmal fünf Jahre vorbei. Die wenigsten Deutschen können ein eigenes Auto ihr eigen nennen. Normalbenzin kostet umgerechnet 28,6 Cent pro Liter, Diesel sogar nur17,2 Cent.

1955

Das Wirtschaftswunder sorgt für steigende Einkommen, wachsenden Wohlstand – und die Preise ziehen nach. Die Benzin kostet mittlerweile 32,7 Cent pro Liter und Diesel 23,3 Cent.

1973

Mit Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs im Nahen Osten drosselt die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) ihre Fördermengen. Die erste Ölkrise erreicht Deutschland – die Preise steigen. Normalbenzin kostet zu diesem Zeitpunkt 35,3 Cent pro Liter, Super gibt es für 38,9 Cent und Dieselkraftstoff 35,8 Cent.

1976

Die Ölkrise hält die Weltwirtschaft fest im Griff und stürzt einige Länder des Westens sogar in die Rezession. Die Regierungen drängen auf eine höhere Unabhängigkeit, erschließen neue Vorkommen in der Nordsee, erhöhen ihre Ölreserven - und führen einen autofreien Sonntag ein. Der Literpreis für Normalbenzin steigt auf 44,7 Cent. Superbenzin kostet 47,5 und Dieselkraftstoff 45,2 Cent.

1981

Die islamische Revolution im Iran im Jahr 1979 und der erste Golfkrieg lassen die Fördermenge einbrechen. Die Preise an den Tankstellen erreichen ein Rekordhoch von 70,1 Cent für Normalbenzin, 72,7 für Super und 65 Cent für Diesel.

1988

Mit der Entspannung der politischen Lage fallen auch die Ölpreise wieder. Auch an der Tankstelle: Normalbenzin kostet nur noch 47,1 Cent, Super rund  51,9 Cent und Diesel rund 45,3 Cent – obwohl die Ölkonzerne mehrfach vergeblich versucht hatten, die Preise zu erhöhen.

1994

Die Kosten der deutschen Einheit belasten den Bundesetat. Neue Steuern sollen die Einnahmen verbessern. Mit der Erhöhung der Mineralölsteuer ziehen auch die Benzinpreise wieder an. Zusätzlich lässt der zweite Golfkrieg die Preise steigen. Normalbenzin kostet 77,3 Cent, Super 86,6 Cent und Diesel 58,5 Cent.

1999

Nach dem Regierungswechsel im Jahr 1998 setzt die neue rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder auf einen Kurswechsel. Am 1. April tritt die erste Stufe der Ökosteuer in Kraft. Die Preise für Normalbenzin steigen auf 84,1 Cent, Super auf 86,7 Cent. Diesel kostet 63,9 Cent.

2001

Der 11. September und die Folgen: Weil die weltpolitische Unsicherheit wächst, steigen die Preise für Normalbenzin und Super mit 100,2 und 102,4 Cent erstmals die Ein-Euro-Marke. Diesel kostet 82,2 Cent.

2005

Nach einer neuen Preisrunde ist Benzin in Deutschland so teuer wie noch nie. Im Juli kostet Normalbenzin durchschnittlich 124,3 Cent pro Liter. Für Superbenzin zahlt der Autofahrer 126,6 und für Diesel 111,5 Cent pro Liter. In den Sommerferien wird der Rekord erneut geknackt: Am 31. August kostet Benzin satte 1,37 Euro, Super 1,39 Euro und Diesel 1,16 Euro.

2008

Weitere Preissteigerungen halten die nächsten Jahre nicht parat. Der Kraftstoffpreis hat sich auf einem Level von durchschnittlich 1,38 Euro für Normalbenzin eingependelt. Was sich verändert hat, ist der Preisunterschied zwischen Diesel und Benzin: Im Durchschnitt fallen 2008 rund 1,32 Euro an.

2009

Die Finanzkrise lässt die Wirtschaft einbrechen – und hinterlässt auch deutliche Spuren bei den Benzinpreisen. Normalbenzin kostet durchschnittlich nur noch 1,27 Euro pro Liter. Diesel fällt sogar auf den Wert von 1,07 Euro zurück. Doch die Erholung ist nur von kurzer Dauer.

2012

Normalbenzin ist von der Bildfläche verschwunden. Die Autofahrer haben die Wahl zwischen dem neuen Biokraftstoff E10, dem etwas teureren E5 und Diesel. In den Sommerferien 2012 fallen pro Liter E10 bis zu 1,69 Euro an. Auch Diesel setzt mit 1,53 Euro pro Liter neue Rekordmarken. Das hohe Preisniveau wird mit den weiterhin hohen Beschaffungspreisen begründet.

Als weitere Ursachen für die jüngsten Anstiege der Rohölpreise gelten das Ölembargo gegen den Iran und abnehmende Lagerbestände in den USA. Zuletzt sorgten weltweite geopolitische Risiken wieder stärker für Preisauftrieb. Spekulanten nutzen unter anderem die Furcht vor einem israelischen Militärschlag gegen den Iran für Wetten auf steigende Ölpreise.

Tanken ist derzeit ein teurer Spaß. dpa

Tanken ist derzeit ein teurer Spaß.

Als weiterer Krisenherd in der Region ist laut Eugen Weinberg, Rohstoff-Experte der Commerzbank, Ägypten hinzugekommen. Der neugewählte Präsident hatte zuletzt die Armeeführung entmachtet und den Verteidigungsminister des bevölkerungsreichsten arabischen Landes ausgewechselt. Ägypten ist wegen des Suezkanals ein wichtiges Öltransitland. Dies erklärt laut Weinberg den im Vergleich zu Rohöl der US-Referenzsorte WTI um rund 20 Dollar höheren Brent-Preis.

Die Politik habe „nur relativ wenig Einfluss auf den Benzinpreisschwankungen“, sagte dagegen das FDP-Bundesvorstandsmitglied Hahn. Preistreiber seien neben den hohen Rohstoffpreisen auch die Steuern, wie etwa die Ökosteuer. „Derzeit sehe ich jedoch keine politische Mehrheit in Deutschland, die sich für eine Senkung oder Abschaffung der Ökosteuer stark macht“, sagte der hessische Vize-Ministerpräsident. „An der FDP würde ein solches Projekt kaum scheitern.“

Deutschlands Ölreserven

Wie groß sind die deutschen Ölreserven?

Insgesamt 21 Millionen Tonnen. Davon sind zehn Millionen fertige Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl. Der Rest ist Rohöl. Die Menge reicht aus, um Deutschland im Falle eines kompletten Lieferausfalls für mindestens 90 Tage zu versorgen. Zuständig für die Verwaltung ist der Erdölbevorratungsverband. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist dem Wirtschaftsministerium unterstellt.

Wo werden die Reserven gelagert?

Benzin und die anderen fertigen Produkte werden an 160 Standorten gelagert, die über ganz Deutschland verteilt sind. Der Erdölbevorratungsverband hat dazu Tanklager der großen Mineralölkonzerne angemietet. Das Rohöl wird in unterirdischen Hohlräumen gelagert, meist ehemaligen Salzstöcken. 60 Prozent gehören dem Verband, der Rest ist ebenfalls angemietet.

Wer finanziert den Erdölbevorratungsverband?

Die rund 120 Mitglieder. Raffinerien und Ölhändler müssen eine Zwangsabgabe zahlen, mit denen sich der Verband mit seinen 70 Mitarbeitern an den Standorten Hamburg und Bremerhaven finanziert. Das meiste Geld stammt von großen Raffineriebetreibern wie BP, Shell und Esso.

Wie wird das Öl auf den Markt geworfen?

Der Verband bietet das Öl zunächst seinen Mitgliedern an, die ein Vorkaufsrecht genießen. Was von ihnen nicht abgenommen wird, landet auf dem freien Markt. Die jetzt freigegebenen 4,2 Millionen Barrel werden in vier Tranchen angeboten. Der Preis orientiert sich an den jeweiligen Weltmarktpreisen.

Wird der Verkauf zum Verlustgeschäft?

Nein. Der Verband hat seit seiner Gründung 1978 - damals in Reaktion auf die zweite Ölkrise - viele Jahre Gelegenheit gehabt, sich zu günstigen Konditionen am Markt einzudecken. Ende der 90er Jahre war ein Barrel zeitweise für weniger als zehn Dollar zu haben, heute wird dafür das Zehnfache verlangt.

Wie oft wurden die Reserven schon angezapft?

Die Premiere gab es 1990, als nach dem Angriff des Irak auf das erdölreiche Kuwait die Sorge vor Lieferengpässen umging. Es dauerte 15 Jahre, ehe zum zweiten Mal auf die Reserven zurückgegriffen wurde. 2005 sorgte der Hurrikan Katrina im Golf von Mexiko dafür, dass die dortige Ölproduktion zum Erliegen kam. 500.000 Tonnen bot Deutschland damals an, um Engpässen vorzubeugen. Zuletzt wurden Ölreserven 2011 wegen des Libyenkrieges und der ausfallenden Ölproduktion des Landes freigegeben.

Kommentare (23)

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Account gelöscht!

21.08.2012, 07:29 Uhr

Es gibt ein recht einfaches Konzept zur Preissenkung von Benzin, den Steueranteil senken und die Lebensmittelspekulationen weltweit verbieten.
Ein Dieselmotor fährt auch mit Erdnussöl.

muunoy

21.08.2012, 07:34 Uhr

Meine Güte. So langsam muss doch jeder erkennen, dass uns das Experiment Euro unseren Wohlstand kosten wird. Wir können glücklich sein, dass Öl in einer anderen Weichwährung, nämlich dem USD gehandelt wird. O. k., weil das Öl nicht weniger wert ist, steigt nun halt der Preis auch dann, wenn es mit der Konjunktur nicht so gut läuft. Würde Öl in einer richtig harten Währung (z. B. SGD oder NOK) gehandelt, würde der Preis zwar nicht steigen. Aber für uns, die wir noch in dieser Mickey-Maus Währung bezahlt werden, wird es dennoch immer teurer.
Aktuell bin ich in Singapur. Und im Vergleich zu vor zwei Jahren haben sich meine Lebenshaltungskosten um 25% erhöht. Also nicht nur beim Sprit, sondern bei allen Produkten, weil ich dummerweis aktuell noch in EUR bezahlt werde. Und genau das blüht uns nun auch bald in Deutschland. Der Spritpreis (und die Immobilienpreise) nimmt nur vorweg, was bald mit den Preisen aller anderen Produkte geschehen wird.

Koboldo

21.08.2012, 07:36 Uhr

Das "Tolle" an dieser Preispolitik ist, dass die erdölproduzierenden Länder ihre Preise gar nicht aufgeschlagen haben, ihre Produktion wegen mangelnder Nachfrage sogar reduzieren mussten. Wer also treibt die Spritpreise in die Höhe?
Es ist ein Armutszeugnis der Politik, die vor lauter Feigheit den Ölkartellen nicht auf die Finger klopft, noch nicht einmal diesen stündlichen Preissprüngen an den Tankstellen Einhalt gebietet. Jeder weiß, dass es keinen echten Wettbewerb gibt, aber keiner durchbricht diesen Kreislauf.
Es ist für mich auch beschämend, dass die deutsche Automobilwirtschaft keine eigenen Wege beschreitet und den Mineralölgesellschaften ernsthaft Druck macht.
Ich mag mir gar nicht ausdenken, welche Situation in 30 Jahren vorherrscht, wenn Öl tatsächlich knapp wird...

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