Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.04.2015

09:33 Uhr

Umstrittene Rente mit 63

Ältere verlassen in Scharen den Arbeitsmarkt

Während die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zuletzt zunahm, scheint dieser eigentlich wünschenswerte Trend nun unterbrochen zu sein: Die neue Rente ab 63 unterläuft die Strategie der Arbeitsbeteiligung im Alter.

Altersvorsorge

Die Rente mit 63 hat ein Finanzierungsproblem

Altersvorsorge: Die Rente mit 63 hat ein Finanzierungsproblem

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie neue abschlagsfreie Rente mit 63 droht das Ziel der Bundesregierung zu untergraben, Ältere möglichst lange am Arbeitsmarkt zu halten, um den Bedarf an Fachkräften zu sichern. Von Juni bis September 2014 sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Alter von 63 bis 65 Jahren um 23.600 auf rund 447.000 zurückgegangen, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ vom Donnerstag unter Berufung auf neue Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2013 hatte der Wert in diesem Zeitraum noch um jeweils 13.400 zugenommen.

Noch liegt keine Statistik bis Ende 2014 vor. Die Bundesagentur geht aber davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten in dieser Altersgruppe von Juni bis zum Ende des Jahres 2014 „untypischerweise“ sogar um 55.000 zurückging.

Das Rentenpaket der Großen Koalition

Mütterrente

Etwa 9,5 Millionen Frauen, deren Kinder vor 1992 zur Welt kamen, bekommen Kindererziehungszeiten in der Rente künftig besser honoriert. Pro Kind sind das ab 1. Juli brutto knapp 28 Euro monatlich mehr im Westen und gut 26 Euro mehr im Osten. Dies ist eine Verdoppelung des bisher bezahlten Zuschlags. Frauen mit jüngeren Kindern sind bei der Mütterrente aber immer noch bessergestellt.

Abschlagsfreie Rente ab 63

Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll schon ab 63 Jahren ohne Abschlag in Rente gehen können. Begünstigt sind die Geburtsjahrgänge zwischen 1952 und 1963. Phasen kurzer Arbeitslosigkeit sollen mit angerechnet werden, aber nicht in den letzten zwei Jahre vor Beginn der Frührente. Das soll eine Welle von Frühverrentungen verhindern. Selbständige, die in ihrem Berufsleben mindestens 18 Jahre lang Pflichtbeiträge in die Rentenkasse entrichtet haben und danach freiwillig weiterversichert blieben, sollen ebenfalls ab 63 eine abschlagfreie Frührente beziehen können. Das kommt vor allem Handwerkern zugute.

Erwerbsminderungsrente

Wer aus gesundheitlichen Gründen vermindert oder gar nicht mehr arbeiten kann, soll brutto bis zu 40 Euro mehr Rente bekommen. Die Betroffenen werden so gestellt, als ob sie mit ihrem früheren durchschnittlichen Einkommen bis 62 – und damit zwei Jahre länger als bisher – in die Rentenkasse eingezahlt hätten.

Reha-Leistungen

Um Frühverrentungen aus gesundheitlichen Gründen zu verhindern, sollen die bislang gedeckelten Mittel für Rehabilitationsleistungen dynamisiert – also schrittweise erhöht – werden.

„Die abschlagsfreie Rente ab 63 untergräbt die erfolgreichen Anstrengungen, die Beschäftigung Älterer zu erhöhen und entzieht dem Arbeitsmarkt dringend benötigte qualifizierte Arbeitskräfte“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände der Zeitung.

Der grüne Rentenexperte Markus Kurth sagte, fast ein Drittel der Begünstigten „würde ohne die neue Rente heute noch arbeiten“. Diese Fachkräfte würden von der Regierung nun „dauerhaft vom Markt“ gefegt. Kurth bezog sich auf frühere Schätzungen des Arbeitsministeriums.

Die „Bild“-Zeitung vom Donnerstag berichtete unterdessen, dass die vielen Anträge auf die abschlagsfreie Rente mit 63 ein Loch in die Rentenkasse rissen. Dem Bericht zufolge schrumpfte die Nachhaltigkeitsrücklage der Rentenversicherung seit November 2014 um 1,7 Milliarden Euro.

Die Pläne zur abschlagfreien Rente mit 63

45 Jahre eingezahlt

Wer 45 Jahre lang Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hat, kann mit 63 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand gehen. Für jeden Monat, den die Rente vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter beginnt (2014: 65 Jahre und drei Monate), wird das Altersgeld eigentlich um 0,3 Prozent gekürzt. Dieser lebenslange Abschlag entfällt bei der Rente mit 63.

Altersrente für besonders langjährig Versicherte

Aus der Rente mit 63 wird bis 2029 die Rente mit 65: Die Schwelle soll schrittweise steigen. Die neue „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ gilt ab 63 Jahren nur für Versicherte, die vor dem 1. Januar 1953 geboren sind und deren Rente nach dem 1. Juli 2014 beginnt. Für ab 1953 Geborene steigt die Altersgrenze mit jedem Jahrgang um zwei Monate. Für ab 1964 Geborene liegt sie somit bei 65 Jahren.

Anspruchsvoraussetzungen sinken

Bisher gab es nur eine „Rente für besonders langjährig Versicherte“ ab 65 Jahren. Die neue Rente mit 63 weitet diese Regel aus und senkt zudem die Anspruchsvoraussetzungen. Zeiten der Arbeitslosigkeit werden als Beitragsjahre mitgezählt, wenn Anspruch auf das reguläre Arbeitslosengeld I bestand. Hartz-IV-Empfänger bleiben außen vor.

Was das kostet

Die Kosten wachsen langsam von 900 Millionen Euro 2014 auf 1,9 Milliarden Euro 2015 bis auf 3,1 Milliarden jährlich im Jahr 2030.

Demnach betrug die Rücklage Ende Februar dieses Jahres 33,4 Milliarden Euro. Noch im November 2014 lag der Wert bei 35,13 Milliarden Euro. Bis Ende Februar lagen der Rentenversicherung der Zeitung zufolge zudem bereits 255.000 Anträge auf Rente mit 63 vor.

Die abschlagsfreie Rente ab 63 kann beanspruchen, wer 45 Beitragsjahre vorweisen kann. Sie war Mitte 2014 zeitgleich mit der Mütterrente eingeführt worden.

Von

afp

Kommentare (41)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Niccolo Machiavelli

09.04.2015, 11:14 Uhr

Wenn man bedenkt, das ausgesprochen oder unausgesprochen 90 % aller Arbeitnehmer einen Scheißjob haben, dann ist es nachvollziehbar, dass kaum einer länger bleiben will, als unbedingt nötig.

Die Frage der Finanzierung bleibt jedoch weiterhin offen. Bei der "Qualität" der Besetzung der Posten der jetzigen Bundesregierung wir die Frage wohl auch nicht professionell gelöst werden.

Herr Gerd St

09.04.2015, 11:26 Uhr

Hier soll doch wieder nur Stimmung gegen ein sehr sinnvolles Modell gemacht werden. Es ist schlichtweg falsch, dass dem Arbeitsmarkt benötigte Arbeitskräfte entzogen wird. Im Regelfall wird der Arbeitnehmer möglichst heute schon mit 55 aussortiert. Man ist schlichtweg nicht mehr bereit ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen. Vielmehr werden die "Lücken" mit jungen Leuten, meist ohne Berufserfahrung gefüllt, die entsprechend billig sind und bei Nichtgefallen auch schnell wieder durch anderes "Arbeitsmarktmaterial" ersetzt werden.
Die Ausnahme mag der eine oder andere Ingenieur oder Verstand sein, der einfache Angestellte oder Arbeiter wird frühzeitig entsorgt.
Kein Wunder, dass viele von der guten Regelung Gebrauch machen, statt sich den täglichen Drohgebärden, ersetzt zu werden, weiterhin aussetzen wollen.

Herr Jürgen Dannenberg

09.04.2015, 12:06 Uhr

Schande über die HB Redakteure, das sie einen Artikel der Agence France-Presse gänzlich unflektiert ins Netz stellen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×