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07.10.2014

15:20 Uhr

Umstrittenes Buch über den Altkanzler

„Kohl würde mir auf die Schulter klopfen“

VonDietmar Neuerer

Ist es legitim ein Buch über Helmut Kohl zu veröffentlichen, das unautorisierte Zitate von ihm enthält? Bei der Vorstellung des Werks in Berlin wird darüber heftig gestritten. Den Autor lässt das unbeeindruckt.

Umstrittenes Buch über Helmut Kohl

„Kein Vertrauensbruch“ - Kohl will rechtlich vorgehen

Umstrittenes Buch über Helmut Kohl: „Kein Vertrauensbruch“ - Kohl will rechtlich vorgehen

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BerlinNoch bevor das Podium im Westin Grand Hotel in Berlin besetzt ist, wird schon aufgeregt diskutiert. Geht das, darf man das, haben die kein Unrechtsbewusstsein? Und bedeutet das jetzt eine Zäsur im Umgang von Journalisten mit Interviewpartnern? Woran sich die rund 100 Reporter im Salon „Unter den Linden“ stoßen, ist das Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ von Heribert Schwan und Tilman Jens, das die beiden heute vorstellen.

Das Werk enthält viele teilweise derbe Zitate des Altkanzlers über politische Weggefährten. Schwan, der damalige Ghostwriter der Kohl-Memoiren, hat sich die Sätze aus 630 Gesprächsstunden für seine Protokolle herausgefischt. In den Jahren 2001 und 2002 hatte der frühere Deutschlandfunk-Redakteur auf Kassetten aufgezeichnet, was heute für großen Wirbel sorgt. Denn die Äußerungen, die Schwan in dem Buch wiedergibt, sind von Kohl nie offiziell freigegeben worden. Im Gegenteil: Die beiden liefern sich immer noch einen Rechtsstreit über die Frage, in wessen Hände die 200 Tonbänder gehören. Das Oberlandesgericht Köln sprach sie Kohl zu, Schwan will die Sache aber noch vor den Bundesgerichtshof bringen.

Und Schwan ist sich seiner Sache sehr sicher. Nicht eine Sekunde zweifelt er daran, alles richtig gemacht zu haben. Kohl habe ihm „x-mal“ gesagt, dass das, was von der Masse an Gesprächsstoff nicht in den Memoiren lande, von ihm veröffentlicht werden könne.  Von einem Vertrauensbruch könne man daher auch nicht sprechen, betont Schwan. Und dennoch sehen sich er und sein Mitautor Jens während der rund einstündigen Pressekonferenz immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätten sich über journalistische Gepflogenheiten hinweg gesetzt.

Dem „Spiegel“ waren die Gesprächsprotokolle eine Titelgeschichte wert. Das Magazin nannte das Buch eine „Abrechnung“ Kohls mit Weggefährten. Vorab wurden mehrere Passagen zitiert, in denen Kohl in der Gemütsverfassung von 2001/2002 harsch über Parteifreunde urteilt - da hatte seine bis heute währende Weigerung, Namen anonymer Spender zu offenbaren, gerade zum offenen Bruch mit der CDU geführt. Im Visier stehen etwa sein langjähriger Arbeitsminister Norbert Blüm („Verräter“), Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker („Hält sich für den Klügsten“), Wolfgang Schäuble („Hat alle Feinde zum Vernichtungsfeldzug geladen“) und auch Angela Merkel („Hat keine Ahnung“), die Kohl in Kanzleramt und CDU-Vorsitz beerbte.

Auch andere bekommen ihr Fett ab, was den Kohl-Biografen Schwan aber nicht sonderlich überrascht. Und weil es ihn nicht überrascht, sollten seiner Ansicht nach nun auch andere nicht so tun, als würden sie mit seinem Buch nun eine völlig neue Seite von Kohl präsentiert bekommen. „Wer Kohl kennt“, belehrt Schwan die herumkrittelnden Journalisten im Saal, „der weiß, dass er Süßmuth gehasst hat“. Und der wisse auch, dass der Altkanzler „große Probleme“ mit Blüm habe – von Richard von Weizsäcker ganz zu Schweigen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

07.10.2014, 16:05 Uhr

Aus den Äußerungen der meisten Kollegen von Schwan spricht der blanke Neid um dessen großartigen Coup.

Nichts anderes spräche auch gegen die Veröffentlichung der Zitate einer Person der Zeitgeschichte, die zumal derart große Wirkung zeugte.

Sehr wohl könnte Kohl - anders als seine Frau - Schwan dankbar sein dafür, daß seine den Deutschen mehrheitlich entsprechenden Einschätzungen der aktuellen und damaligen Politfunktionäre den Weg in die Öffentlichkeit fanden.
Das Volk jedenfalls ist dankbar ob der Kohl´schen Offenheit und der jedenfalls insoweit beendeten Heuchelei´.

Auch deswegen also ist Kohl ein in der Tat großer Politiker, der sehr gut wußte um die Einschätzung anderer gegenüber ihm selbst.

Herr Christian von Humboldt

07.10.2014, 16:23 Uhr

Kohl ist eigentlich ein alter und gewiefter Politiker, der wissen mußte, was passieren kann, wenn man sich mit Journalisten einläßt. Er hätte seine Erinnerungen besser bei Zeiten allein geschrieben. Er ist also selbst Schuld, wenn nun ein Journalist die ihm freiwillig gebotenen Informationen ausnutzt. gez.Humboldt

Account gelöscht!

07.10.2014, 17:32 Uhr

Da sagt der Kohl doch nur das, was einigermassen pfiffige Zeitgenossen ohnehin schon selbst erkannt haben.

In unserer Regierung sitzen überwiegend Selbstdarsteller und Nichtsnutze, die es einfach nicht können! Und die fatalen Ergebnisse dieser jahrelangen politischen Misswirtschaft sieht man nun jeder Tag klarer ... ganz vorn die völlig falsche EUR-Rettungspolitik wider alle wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnisse!

Man kommt sich vor wie bei Inquisition (EU) vs. Gallileo (AFD/Lucke). Jeder Fachmann weiss, die Erde ist rund bzw. der EUR kann nicht funktionieren, nur die EU behauptet nach wie vor streng das Gegenteil: Die Erde ist eine Scheibe/ der EUR funktioniert.

Zum Glück gibt es jetzt die AFD, allerdings sind bisher nur die politisch und gesellschaftlich Interessierten wach gerüttelt, zu viele Gewohnheitswähler der SPD und CDU schlaffen noch zu tief. Und SPD, CDU, Grüne werden ja bekanntlich eher aus Gewohnheit bzw. Desinteresse an Politik gewählt. Engagierte Leute wählen heute AFD! Es geht einfach um zu Viel!

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