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10.04.2012

13:23 Uhr

Umstrittenes Gedicht

Grass-Debatte mischt SPD auf

Die SPD tut sich schwer mit Konsequenzen aus der Debatte um das umstrittene Israel-Gedicht von Günter Grass. Einige Genossen wollen ihn nicht mehr als Wahlkampfhelfer sehen. Andere wiederum mahnen zu mehr Sachlichkeit.

Günter Grass. dpa

Günter Grass.

BerlinDer Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, hat zurückhaltend auf den Vorstoß mehrerer sozialdemokratischer Politiker reagiert, die Vor dem Hintergrund des umstrittenen Grass-Gedichts zu Israels Atompolitik erklärt hatten, künftig auf Wahlkampfhilfe von Literaturnobelpreisträger Günter Grass zu verzichten. „Die Frage stellt sich doch gar nicht“, sagte Stegner Handelsblatt Online. Er fügte allerdings hinzu: „Nach meiner Kenntnis wird außer gelegentlichen Kulturveranstaltungen ein aktiver Wahlkampfeinsatz für die SPD weder von Günter Grass noch von der SPD geplant.“

Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, kommentierte die kritische Grass-Haltung seiner Parteifreunde mit den Worten: "Ich fand das Gedicht peinlich. Es sollte jetzt etwas Grass über das Gedicht wachsen."

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse will den Schriftsteller ebenfalls nicht voreilig als SPD-Wahlkämpfer ausschließen. „Ich halte nichts davon, dass die SPD nun gewissermaßen wie der Staat Israel Günter Grass zur Persona non grata erklärt“, sagte der Sozialdemokrat am Dienstag im Deutschlandfunk. Zugleich warnte er davor, Grass zum Antisemiten zu erklären.

SPD-Politiker hatten sich zuvor gegen Auftritte von Grass in den kommenden Wahlkämpfen ausgesprochen. Der Literatur-Nobelpreisträger hatte die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder unterstützt.

In dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hatte Grass geschrieben, die Atommacht Israel bedrohe den Weltfrieden und könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen. Israels Innenminister Eli Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei verhängte daraufhin ein Einreiseverbot gegen den Autor. Grass selbst wolle sich dazu derzeit nicht äußern, teilte das Sekretariat des Nobelpreisträgers am Dienstag in Lübeck auf dpa-Nachfrage mit.

Stegner, der dem linken Parteiflügel zugerechnet wird,  zeigte Verständnis für die harsche Kritik an Grass, mahnte zugleich aber eine faire Auseinandersetzung mit dem Dichter an. „Wer sich zur politisch extrem schwierigen Situation im Nahen Osten äußert, ist klug beraten, dies differenziert zu tun.“ Das gelte sicher besonders für Stimmen aus Deutschland. „Günter Grass hätte sich manche berechtigte Kritik und gewiss auch Beifall von der falschen Seite erspart, wenn er auf die für Israel Existenz bedrohende Aggressionshaltung des Iran deutlich hingewiesen hätte“, so Stegner. Dann hätte die in der Sache durchaus zulässige Kritik an der Politik der israelischen Regierung nicht so leicht missdeutet und gegen ihn instrumentalisiert werden können.

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Mit seinem Israel-Gedicht transportiert Günter Grass eine üble Gesinnung. Er benutzt Begriffe aus dem Nazijargon. Damit demontiert und demaskiert sich der Nobelpreisträger selbst.

Aber, fügte das SPD-Vorstandmitglied hinzu: „Natürlich ist Günter Grass kein Antisemit.“ Er habe aber „sicher kritikwürdig“ formuliert.

Kommentare (47)

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Roland

10.04.2012, 10:10 Uhr

Ist Herr Grass überhaupt noch würdig, dass man (...) ihn diskutiert? (...)
Wenn Herr Thierse es für fatal hält, dass man den Schriftsteller Herrn Grass als Antisemiten abzustempeln, „nur weil er kritisierenswerte Ansichten vertreten hat?“.
Wenn jemand das als kristisierwerte Ansichten hält, ist selbst ein Geschichtsverdreher. Das sagte der SPD-Politiker am Dienstag im Deutschlandfunk. Man sollte mit Grass in der Sache streiten, ihn aber nicht als Person diskreditieren, forderte Thierse. Es ist keine Diskredietierung, sondern eine Tatsache. (...). Sie legalisieren ein Totaregime im Iran. Kein Wunder wenn die Troika und die SPD Herrn Grass für die Wahlkämpfe aus dem Verkehr zieht. Man sollte Herrn Grass und einige immer noch Unverbesserlichen aus dem Verkehr ziehen.

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Rapid

10.04.2012, 10:18 Uhr

Halte ich für vernünftig. Der Kritiker Grass ist kritikwürdig, man sollte ihn aber nicht als Antisemiten herabwürdigen. Wenn der Vorwurf des Antisemitismus inflantioniert wird, läuft er Gefahr, selbst in Fällen wo er angemessen ist, fragwürdig zu werden. Das sollte man vermeiden.
Antisemitismus ist dann gegben, wenn alle Juden generell, und als Gesamtheit beeidigt, falsch beschuldigt, herabgewürdigt, verfolgt und im schlimmsten Fall vertrieben und getötet werden, wie in den Progromen des 19. Jahrhunderts und den Jahrhunderten davor bis zum traurigen, verbrecherischen und abscheulichen Höhepunkt unter der barbarischen Herrschaft der Nationalsozialisten.
Diesen ekelhaften Antsemitismus in eins zu setzen mit kritischen Fragestellungen eines Grass, die ihrerseits auch der Kritik würdig sind, scheint einigermaßen überzogen und selber hinterfragenswert zu sein.

Martin

10.04.2012, 10:34 Uhr

Ihr abwegiger Versuch Thierse und Grass in die Nähe der NSU-Verbrecher zu stellen, sagt nicht über Thiese und Grass aus, sondern entlarvt Sie nur selber als der, der Sie sind, nämlich ein Fanatiker von hohen Graden.

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