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30.03.2014

17:27 Uhr

Umstrittenes Schiefergas

Aufwind für die Fracking-Fans

ExklusivSind wir zu abhängig von Russlands Gas? Angesichts der Krim-Krise wird der Ruf nach alternativen Formen der Energiegewinnung lauter. Unionspolitiker und der BDI fordern, endlich die Förderung von Schiefergas anzugehen.

Fracking im US-Bundesstaat Colorado: Erlösung aus der Abhängigkeit von Russland? ap

Fracking im US-Bundesstaat Colorado: Erlösung aus der Abhängigkeit von Russland?

BerlinIn der Union werden angesichts der Abhängigkeit von russischem Gas Forderungen nach einer Neuausrichtung der deutschen Energieversorgung laut. „Wir sollten alle Quellen nutzen, um unabhängiger von Russland zu werde – dazu zählt auch heimisches Schiefergas“, sagte Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs dem Handelsblatt (Montagsausgabe). Es könne nicht sein, dass viele andere Länder Fracking nutzten, aber „bei uns soll es noch nicht mal möglich sein, dass Schiefergaspotenzial zu erforschen“. Zugleich kritisierte Fuchs die strikte Ablehnung vieler Umweltinitiativen: „Ich habe manchmal den Eindruck, dass einige NGOs nach dem Atomausstieg ein neues Betätigungsfeld suchen.“

Zuvor hatte sich der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Bundestag, Peter Ramsauer (CSU), für die umstrittene Schiefergasförderung in Deutschland ausgesprochen. Um Versorgungssicherheit und Preisstabilität zu gewährleisten, müsse sich Deutschland „die Fracking-Option dringend offenhalten“, sagte der stellvertretende CSU-Chef der „Welt am Sonntag“. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jetzt auf Gasimporte aus Nordamerika setze, sei das „ein klares Ja zur Schiefergasförderung“. Dann aber stelle sich die Frage, „warum wir nicht gleich auf heimische Ressourcen setzen“, sagte Ramsauer. „Wenn Schiefergas Gift wäre, dürfte man es auch nicht aus anderen Ländern beziehen.“ Merkel hatte sich auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem kanadischen Premierminister Stephen Harper dafür ausgesprochen, die gesamte Energiepolitik neu zu betrachten.

Bei der Fracking-Methode wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser und Chemikalien in den Boden gepresst, um Gestein aufzuspalten und das darin enthaltene Erdgas zu fördern. Die Technologie ist unter anderem deshalb umstritten, weil durch die eingesetzten Chemikalien das Trinkwasser verunreinigt werden könnte.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Ramsauer äußerte Sorge um die Gaslieferungen aus Russland, sollte sich die Krim-Krise verschärfen. Wenn dem Kreml mit Wirtschaftssanktionen gedroht werde, „kann man nicht ausschließen, dass Moskau sich beim Erdgas revanchiert“.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), sieht neben der deutschen Energiewende die Zusammenarbeit mit den USA als Chance, die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Der frühere Umweltminister forderte in der „WamS“, den Energiebezug „durch Flüssiggaslieferungen zu diversifizieren“. Die Schiefergasförderung habe die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten gestärkt.

„Schiefergas reduziert die Importabhängigkeit drastisch“

Auch der Industrieverband BDI forderte: „Wir sollten die aktuellen Spannungen zum Anlass nehmen, um darüber zu reden, wie wir die heimische Rohstoffgewinnung stärken können“. Studien hätten gezeigt, dass „die Förderung von Schiefergas die Importabhängigkeit von Deutschland drastisch reduzieren“ könnte, sagte der Leiter der Rohstoffabteilung, Matthias Wachter, dem Handelsblatt.

Gabriel sagte in der ARD, Schiefergas-Importe aus den USA seien keine Option, weil die Amerikaner den meisten Teil davon selber benötigten. In der Debatte mahnte Gabriel zu einem kühlen Kopf: „Die Russen haben, selbst in Zeiten des finstersten kalten Krieges, ihre Lieferverträge immer eingehalten.“ Sich ein wenig unabhängiger zu machen, dauere lange Zeit.

Kommentare (1)

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31.03.2014, 09:38 Uhr

Unsicheres Fracking?
Das BGR hat vor kurzem eine neue Studie veröfffentlicht.

Zusammenfassung:

Die Staatlichen Geologischen Dienste der Deutschen Bundesländer (SGD)
und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) haben
im Auftrag des Bund/Länder-Ausschusses Bodenforschung die
geowissenschaftlichen Aussagen der drei „Fracking-Studien“
(UBA-Gutachten, Studie NRW und Risikostudie-Fracking des
ExxonMobil-Dialogprozesses) geprüft und sehen deutliche Schwächen bei
der Darstellung und Beurteilung der geowissenschaftlichen Sachverhalte.
Vor diesem Hintergrund sind die in den Studien geowissenschaftlich
abgeleiteten Gefahren und Risiken sowie die in diesem Zusammenhang
ausgesprochenen Empfehlungen insgesamt als nur eingeschränkt
gerechtfertigt anzusehen. Die aufgezeigten geowissenschaftlichen
Schwächen der Studien können zu einer undifferenzierten
Betrachtungsweise und damit insgesamt zu einer generellen Überschätzung
der Unsicherheiten in der Beurteilung von geowissenschaftlich begründbaren Gefahren und Risiken der Frac-Technologie führen.

Die Studie kann man auf der Interneteiste des BGR bekommen.

http://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/Downloads/SGD-Stellungnahme-Fracking-Studien.html;jsessionid=09F4C1988760A8F499AFEBEF1082A608.1_cid334?nn=1542226

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