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15.07.2012

14:16 Uhr

Umstrittenes Urteil

Streit um Beschneidung wird schärfer

Im Streit um die Beschneidung von Jungen kochen die Emotionen hoch. Von „schlimmsten Szenarien jüdischer Verfolgung“ bis zum Vergleich mit der Abtreibung wird alles Erdenkliche an rhetorischen Mitteln aufgeboten.

Chirugische Instrumente werden vor einer jüdischen Beschneidungszeremonie für einen acht Tage alten Jungenzurechtgelegt. dpa

Chirugische Instrumente werden vor einer jüdischen Beschneidungszeremonie für einen acht Tage alten Jungenzurechtgelegt.

BerlinDer Streit über rituelle Beschneidungen von Jungen hat nochmals an Schärfe zugenommen. Die Kinderhilfe warnte vor einem „Blankoscheck für religiös motivierte Kindesmisshandlungen“. Sie verteidigte die Kölner Richter, die in Beschneidungen strafbare Körperverletzungen sehen. Dagegen erklärte die Rabbinerkonferenz: „Verantwortungsbewusste Beschneidungen müssen weitergehen dürfen - vollkommen legal und gesetzlich abgesichert.“ Nur so könne Religionsfreiheit in Deutschland glaubwürdig Bestand haben, schrieb ihr Vorsitzender Henry Brandt in der „Bild am Sonntag“.

Die Bundesregierung hatte am Freitag auf einen Proteststurm von Juden und Muslimen gegen das Urteil reagiert und angekündigt, Rechtsklarheit schaffen zu wollen. Konkrete Vorstellungen für ein Gesetz gibt es aber noch nicht. Rabbiner Brandt betonte, im Judentum wie im Islam sei die Beschneidung von Knaben „fundamental“. Deshalb sei es „wohltuend, dass die Bundesregierung jetzt angekündigt hat, in dieser leidigen Angelegenheit Rechtssicherheit zu schaffen“.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) lässt der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zufolge prüfen, wie die Beschneidung von Jungen rechtssicher möglich gemacht werden kann. Die Formulierung eines Gesetzes sei mit erheblichen rechtstechnischen Schwierigkeiten verbunden. Insbesondere solle ausgeschlossen werden, dass auch Mädchen beschnitten werden könnten.

Beschneidungen: Bundesregierung will schnell Rechtssicherheit

Beschneidungen

Bundesregierung will schnell Rechtssicherheit

Die Bundesregierung feilt an einer klaren rechtlichen Grundlage für Beschneidungen.

Die Kinderhilfe kritisierte, dass im Beschneidungs-Streit das Thema Religionsfreiheit dominiere. Regierungssprecher Steffen Seibert sei in seiner Ankündigung einer Regelung „nicht mit einer Silbe“ auf den Aspekt des Kindeswohls eingegangen. Die Kinderhilfe forderte, zwischen den Grundrechten auf körperliche Unversehrtheit und Religionsfreiheit abzuwägen. „Eine gesetzliche Regelung kann nur den Einstieg in den Ausstieg der Beschneidung in Deutschland bedeuten.“

Die Ärztekammer begrüßte das Versprechen der Regierung, Rechtssicherheit schaffen zu wollen. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das Urteil für sehr kulturunsensibel und falsch halten“, sagte Frank Ulrich Montgomery dem „Tagesspiegel“. Gleichzeitig riet er den Mitgliedern der Kammer davon ab, derzeit zu beschneiden. Für Ärzte bestehe die Gefahr der Bestrafung.

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, mahnte ebenfalls eine verbindliche Regelung an. Der derzeitige Schwebezustand sollte nicht zu lange dauern, sagte der Chef der drittgrößten deutschen Ärztekammer. „Unsere Sorge ist, dass jetzt Beschneidungen stattfinden, die nicht unter den notwendigen medizinischen Voraussetzungen erfolgen.“

Kommentare (36)

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Tabu

15.07.2012, 14:53 Uhr

"Als nun Abram 99 Jahre alt war, erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: Ich bin Gott, der Allmächtige.Wandle vor mir und sei untadelig.Und ich will dir und deinem Samen nach dir das Land zum ewigen Besitz geben, in dem du ein Fremdling bist, nämlich das ganze Land Kanaan, und ich will ihr Gott sein.Gott sprach weiter zu Abraham: So bewahre du nun meinen Bund, du und dein Same nach dir, von Geschlecht zu Geschlecht! Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden.Das soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch. Jedes Männliche von euren Nachkommen soll beschnitten werden, wenn es acht Tage alt ist, sei es im Haus geboren oder um Geld erkauft von irgendwelchen Fremden, die nicht von deinem Samen sind. So soll mein Bund an eurem Fleisch sein, ein ewiger Bund. Und ein unbeschnittener Mann, einer, der sich nicht beschneiden läßt am Fleisch seiner Vorhaut, dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat!
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Der heilige Samen und die heilige Vorhaut,müßten eigentlich jede Frau abschrecken an die Fantastereien männlicher Einfältigkeit zu glauben.Heute würde man solche wegen Paranoia therapieren.
Politik wird sich nicht wagen,Jungen vor ihren Eltern zu
schützen,welche die Tradition religiös begründen.
Jesus selbst am achtem Tag beschnitten,sprach sich
gegen diesen barbarischen Akt aus.
http://www.way2god.org/de/bibel/1_mose/17/

Gwenda

15.07.2012, 14:54 Uhr

Wenn eine Religion die Macht besitzt, am empfindlichsten Teil des Mannes, das hoch emotional besetzt ist für ihn, etwas zu schneiden, ist dies natürlich eine ihn sehr prägende Demonstration religiöser Dominanz fürs Leben. Es ist über den physischen Eingriff hinaus auch eine psychische Inbesitznahme. Wenn der körperliche Eingriff der Selbstentscheidung und Selbstbestimung desjenigen Menschen entzogen wird, an dem er vorgenommen wird, ist das ein Mittel, den Menschen unter Umgehung seiner Kompetenzen als aufgeklärter mündiger Bürger zu zeigen, dass man ihn in der Gewalt hat - von den Rabbinern natürlich deklariert als einzige Möglichkeit, von Gott eine Eintrittskarte zu erhalten. Was muss das für ein kleinlicher Gott aber sein, der nur die männlichen Menschen zulässt, an denen dieses überkommene Ritual praktiziert wurde: das vielleicht einmal in ganz früher Zeit in die Religionen eingebunden wurde als Hygienemaßnahme in Gesellschaften in heißen und trockenen Klimazonen, denen heutige Hygienemittel und Wissen über Körperhygiene noch nicht so zur Verfügung standen. Über Religion aber konnten alle Menschen damals erreicht werden.
Das heute noch zu verherrlichen, ist absurd und eine reine Machtdemonstration solcher Menschen, die einen solchen Gott wollen, der die Menschen mit starren Regeln synchronisiert und ihnen das eigene Denken und eigene Gewissensentscheide, diese Mittel eines mündigen Bürgers - nicht gewährt.
Ich habe Verständis dafür, dass das Thema hochemotional besetzt ist und so einem alten Rabbiner das Herz bricht, wenn er dieses Brandmal nicht mehr den Jungen aufdrücken kann und ihnen nicht im heiligen Ort jemand mehr am Penis schneiden darf - denn er glaubt ja, es ist der einzige Weg zu Gott für die Jungen. Aber dennoch. Wir haben hier unsere menschlichen Grundrechte im Staat - auf körperliche Unversehrtheit. Und das ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Fällt das weg, ist der Willkür brachialer religiöser Kulte Tür und Tor geöffnet.

Account gelöscht!

15.07.2012, 15:48 Uhr

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
Artikel 2, Absatz 2
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In
diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Von einem bundesdeutschen Beschneidungsgesetz, weder für jüdische (Vorhaut), muslimsche (Vorhaut), afrikanische (Klitoris und Schamlippen), oder weiterführende Gesetze wie z.B. indische (Witwenverbrennung), arabische (Steinigung oder Erschießung von hinten) oder ähnliches ist mir nichts bekannt.
Nun, diese Dinge sind alle religiös begründet.

Also WAS, DEUTSCHE REGIERUNG ???????

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