Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2009

09:51 Uhr

Umverteilung

Löhne steigen schneller als Kapitaleinkommen

VonDietrich Creutzburg

Hohe Tarifabschlüsse, sinkende Preise - erstmals seit Jahren steigen die Löhne in Deutschland schneller als die Kapitaleinkommen. Im Superwahljahr bekommen die Gewerkschaften für ihre Lohnforderungen Rückenwind aus der Politik. Die Arbeitgeberverbände hoffen dagegen auf tarifliche Entlastungsklauseln.

Die hohen Lohnabschlüsse könnten die Metallbranche in Bedrängnis bringen. Foto: dpa dpa

Die hohen Lohnabschlüsse könnten die Metallbranche in Bedrängnis bringen. Foto: dpa

BERLIN. Die Tariflöhne in Deutschland sind 2008 zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder schneller gestiegen als Verbraucherpreise und Arbeitsproduktivität. Dies ergibt sich aus einer aktuellen Analyse des Tarifarchivs der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Die Tarifpolitik hat damit nach längerer Zeit der Lohnzurückhaltung erstmals wieder den sogenannten neutralen Verteilungsspielraum überschritten, den die Gewerkschaften für sich als wichtigen Gradmesser nutzen. Im Ergebnis haben sie nach dieser Definition nun wieder eine leichte Umverteilung von Kapital- zu Arbeitseinkommen erreicht.

Im laufenden Jahr dürfte es ausgerechnet die Rezession den Gewerkschaften erleichtern, erneut eine solche Umverteilung herbeizuführen: Die Krise drückt auf Preise und Produktivität - die Größen nach denen sich der so berechnete Verteilungsrahmen bemisst. Hinzu kommt allerdings: Im Superwahljahr können die Gewerkschaften zugleich auch auf neuen lohnpolitischen Rückenwind aus der Regierung hoffen.

Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) stellte sich gestern nach einem Treffen mit DGB-Chef Michael Sommer gegen Forderungen nach Lohnverzicht. In der Lohnpolitik liege "sicherlich kein Grund für die Krise", betonte er. Ursache seien vielmehr fehlende Regeln für die Finanzmärkte. Damit kann sich aktuell etwa die Gewerkschaft Verdi bestärkt sehen, die im öffentlichen Dienst der Länder erneut mit einer Acht-Prozent-Forderung angetreten ist. Am Abend traf sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der DGB-Spitze.

Die Lohnpolitik des vergangenen Jahres hat nach Berechnung des Böckler-Tarifarchivs im Mittel zu Tariferhöhungen von 2,9 Prozent geführt. Der Anstieg ging damit um 0,4 Prozentpunkte über die Summe aus Inflationsrate und Veränderung der Arbeitsproduktivität hinaus. Dies ist mehr als im Jahresverlauf lange Zeit erwartet worden war. Die Erklärung: Zum einen blieb die jahresdurchschnittliche Inflationsrate mit 2,6 Prozent erheblich unter den Höchstwerten im Jahresverlauf - die Rezession drückte den Verbraucherpreisanstieg zum Jahresende auf nur noch 1,1 Prozent. Zum anderen stieg die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität erstmals seit Jahren nicht mehr an, sondern ging um 0,1 Prozent zurück. Neben dem Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit, mit dem viele Geringqualifizierte wieder Arbeit fanden, dürfte auch dahinter die Rezession stehen: Eine sinkende Auslastung der Betriebe drückt die Arbeitsproduktivität, solange beim Personaleinsatz nicht gespart wird.

Wirklich zufrieden können die Beschäftigten mit dem lohnpolitisch Erreichten nach Ansicht von Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs, ohnehin nicht sein: Denn die Tarifzuwächse von 2,9 Prozent wurden in gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht voll in höhere Effektivlöhne umgesetzt. Die tatsächlichen Bruttolöhne lagen 2008 im Mittel nur 2,3 Prozent höher als 2007, ihr Anstieg bleib unter der Inflationsrate.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×