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23.10.2015

13:47 Uhr

Umweltschutz

Plastiktüten sollen teurer werden

EU-Mitgliedsstaaten müssen den Plastiktüten-Verbrauch verringern. Kunden müssen deshalb künftig wohl tiefer in den Geldbeutel greifen. Eine gesetzliche Regelung soll aber vermieden werden.

Eine Plastiktüte liegt am Straßenrand in Berlin. Die EU will den Verbrauch von Plastiktüten eindämmen. dpa

Eine Plastiktüte liegt am Straßenrand in Berlin. Die EU will den Verbrauch von Plastiktüten eindämmen.

FrankfurtKunden müssen an der Supermarktkasse künftig wohl mehr für Plastiktüten zahlen. Der Handelsverband (HDE) und das Bundesumweltministerium beraten derzeit über eine freiwillige Vereinbarung für den Handel, wie der HDE am Freitag in Berlin erklärte. Durch die Initiative soll eine gesetzliche Regelung vermieden werden. Wie tief Kunden künftig in die Tasche greifen müssen, will der HDE aber nicht festlegen.

Ein Entwurf des HDE für das Bundesumweltministerium sehe einen „angemessenen Beitrag“ für Plastiktüten vor, den jedes Unternehmen individuell festlegen könne, erklärte ein Verbandssprecher. Eine „einheitliche Gebühr in Höhe von 20 Cent“ solle es nicht geben. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte zuvor berichtet, dass voraussichtlich mindestens 20 Cent pro Tüte an der Supermarktkasse fällig würden.

Hintergrund der Initiative des HDE ist eine EU-Richtlinie zum Verbrauch von Plastiktüten. Danach sind die Mitgliedsstaaten verpflichtet, den Verbrauch ab 2020 auf 90 Tüten pro Einwohner und Jahr zu verringern, ab 2026 auf 40 Stück. Im EU-Vergleich liegt Deutschland mit einem Verbrauch von 71 Plastiktüten pro Kopf und Jahr deutlich unter dem Durchschnittsverbrauch von 198 Stück und erfüllt die Vorgabe für 2020 schon heute.

Der Kampf gegen die Plastiktüten

Warum will die EU den Verbrauch von Plastiktüten drücken?

Plastiktüten sind für ihr Gewicht ganz schön stabil. Doch was Verbraucher freut, kann der Umwelt schaden. Hunderte Jahre kann es dauern, bis die praktischen Tragetüten sich in der Natur zersetzen. Kleinteile werden von Seetieren wie Fischen und Vögeln gefressen.

Wie viele Tüten werden denn pro Jahr genutzt?

Nach Zahlen aus dem Jahr 2010 kommen jedes Jahr etwas weniger als 100 Milliarden Plastiktüten in Europa in Umlauf. Das entspricht 198 Tüten pro Jahr und Bürger, die meisten davon Einwegtüten. Deutschland steht laut Handelsverband Deutschland (HDE) gut da. Das sei auch dem durch den grünen Punkt bereits weit verbreiteten Recyclingsystem zu verdanken. In Deutschland liege der Verbrauch bei jährlich 76 Tüten pro Kopf, die EU-Kommission spricht mit Blick auf das Jahr 2010 von 64 Einwegtüten.

Diese Zahlen sollen also sinken?

Genau. Nach derzeitigem Stand soll jeder EU-Bürger Ende 2019 nur noch 90 Einwegtüten verbrauchen pro Jahr, Ende 2025 nur noch 40 Tüten. Ganz dünne Tüten, die es etwa an der Gemüsetheke gibt, wären aber ebenso wie stabile Mehrfachtüten nicht betroffen. Genauso gut könnte es Abgabegebühren geben oder Steuern für den Einzelhandel. Die Regierungen hätten die Wahl - Hauptsache, die Tüte wäre nicht mehr kostenlos. Auch andere Maßnahmen mit ähnlicher Wirkung wären möglich.

Was halten Umweltschützer davon?

„Das bedeutet für die Verbraucher und Verbraucherinnen und insbesondere den Einzelhandel eine Neuausrichtung zu bewussterem und ökologischerem Konsum“, meint Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Die Umweltschutzorganisation European Environmental Bureau (EEB) ist zwar grundsätzlich ebenfalls erfreut. Allerdings hätte sich die Organisation auch ein Verbot spezieller neuartiger Tüten gewünscht. Diese geben aus Sicht von Kritikern vor, biologisch abbaubar zu sein, obwohl sie es nicht sind. Dies soll nun aber die EU-Kommission erst einmal untersuchen.

Was sagt die Plastikindustrie?

Der Branchenverband Plastics Europe argumentiert, man unterstütze zwar eine Gebühr für alle Taschen, egal aus welchem Material. Doch die Möglichkeit nationaler Verbote könne zu Handelshemmnissen in Europa führen. Das bemängelt übrigens auch die FDP-Europaabgeordnete Gesine Meißner.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Pläne waren im Grundsatz bereits Anfang der Woche von Unterhändlern der EU-Staaten und des Europaparlaments vereinbart worden. Nachdem die EU-Botschafter nun das Vorhaben abgesegnet haben, ist am Montagabend der Umweltausschuss des Parlaments am Zug. Ein Ja dort kann aber als sicher gelten, weil viele Abgeordnete gegen die Tüten vorgehen wollen. Danach stehen noch formale Bestätigungen durch das Plenum und die EU-Minister an. Bis zum Frühjahr dürfte dies alles geschehen sein.

Rolf Buschmann von der Umweltschutzorganisation BUND forderte eine Abgabe auf alle Einwegtaschen – unabhängig davon, aus welchem Material sie gemacht sind. Taschen für den Einmalgebrauch aus Plastik oder Papier müssten „zur Notlösung“ werden, Einkaufskörbe oder Stofftaschen gefördert werden.

Ähnlich sieht es auch Katharina Istel, Referentin beim Naturschutzbund Nabu. Grundsätzlich befürworte sie den Vorstoß des HDE, sagte Istel, es sei aber wichtig, dass alle Einweg-Tragesysteme mit Abgaben belegt würden. Papiertüten etwa hätten eine schlechtere Umweltbilanz als Plastiktüten. Sie hätten nur den Vorteil, dass sie besser abgebaut würden, wenn sie in die Umwelt gelangten.

Um eine Wirkung auf die Verbraucher zu haben, müsste der Preis pro Einwegtasche im Supermarkt wohl bei „mindestens 50 Cent“ liegen, erläuterte Istel. Auch Buschmann spricht sich dafür aus, dass der Preis „so hoch wie möglich“ angesetzt werde. Die zehn bis 20 Cent, die Verbraucher schon heute im Supermarkt für Tüten zahlten, sind demnach zu wenig, um den Verbrauch deutlich zu reduzieren.

Der Nabu fordert Politik und Handel außerdem auf, über Plastikverpackungen grundsätzlich zu reden. Denn Plastiktüten würden in Deutschland „nur drei Prozent des Plastikmülls“ insgesamt ausmachen, sagte Istel.

In England, wo seit Anfang Oktober in Supermärkten fünf Pence pro Plastiktüte (etwa sieben Cent) fällig werden, muss der Handel vier Pence pro Tüte an Wohltätigkeitsorganisationen abgeben, der verbliebene Penny kommt in die Staatskasse. Der Nabu fordert für Deutschland ein ähnliches System, damit die Gewinne aus dem Verkauf der Tüten nicht beim Handel bleiben.

Von

afp

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