Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.02.2013

12:26 Uhr

Undeklariertes Pferdefleisch

„Das wird nicht der letzte Skandal gewesen sein“

Über Wochen wird die Dimension des Pferdefleischskandals immer größer. Jetzt sollen Konsequenzen gezogen werden. Für die Polizeigewerkschaft kommt der Aufschrei zu spät. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Politik.

Unter Verdacht: Lasagne. In den vergangenen Wochen waren in mehreren Ländern der EU Fertiggerichte entdeckt worden, in denen statt des angegebenen Rindfleischs auch Pferdefleisch verarbeitet worden war. dpa

Unter Verdacht: Lasagne. In den vergangenen Wochen waren in mehreren Ländern der EU Fertiggerichte entdeckt worden, in denen statt des angegebenen Rindfleischs auch Pferdefleisch verarbeitet worden war.

BerlinDie Verbraucherminister von Bund und Ländern wollen Konsequenzen ziehen aus dem Skandal mit falsch deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten. Bei einem Treffen am Montagvormittag in Berlin will Bundesministerin Ilse Aigner den Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan vorlegen. Das Konzept der CSU-Politikerin sieht unter anderem eine europaweite Herkunftskennzeichnung auch für verarbeitete Fleischprodukte vor.

Darüber wird auf Ebene der Europäischen Union (EU) schon länger debattiert. Bisher muss bei rohem Rindfleisch zum Beispiel vermerkt sein, aus welchem Staat und Bundesland es stammt - nicht aber bei Fertigware mit Fleisch. Zudem soll ein Frühwarnsystem geprüft werden. Bundesweit sind zuletzt immer mehr Produkte in Verdacht geraten, entgegen den Angaben auf dem Etikett Pferdefleisch zu enthalten.

Neue Internetseite: Übersicht zu Pferdefleischskandal-Händlern im Netz

Neue Internetseite

Übersicht zu Pferdefleischskandal-Händlern im Netz

Auf einer Internetseite des Landes NRW erfahren Verbraucher, ob die Lasagne im Kühlschrank von einer Rückholaktion betroffen ist. Auch andere Länder wollen eine solche Übersicht bieten. Doch das Angebot hat einen Haken.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) traut dem Aufklärungswillen der Politik nicht und plädiert für einen Einsatz des Bundeskriminalamtes (BKA). Er unterstütze die Forderung des CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach nach zentraler Koordination der deutschen Ermittlungen durch das BKA. Nötig sei auch die „Einbindung von Europol, um die Strukturen der Pferdefleischmafia in Europa aufzudecken“, sagte Verbandschef Rainer Wendt Handelsblatt Online.

Zugleich erhob der DPolG-Bundesvorsitzende schwere Vorwürfe gegen die Politik, die er für Lebensmittelskandale der Vergangenheit mitverantwortlich machte. So seien Kontrollkräfte „massenhaft“ abgebaut worden. „Stattdessen setzte die Politik auf Freiwillige Selbstkontrolle der Wirtschaft, ein verhängnisvoller Fehler“, sagte Wendt. Und statt erst einmal europaweit wirksame Lebensmittelkontrollen zu etablieren, habe man die Kontrolldichte innerhalb Europas „dramatisch“ zurückgefahren, und die kriminelle Energie, die in diesem Milliardenmarkt stecke, weitgehend ignoriert.

Antworten zum Pferdefleisch-Skandal

Wie kam der Skandal ans Licht?

Mitte Januar entdeckten irische Lebensmittelinspekteure bei Routinekontrollen zunächst Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern. Es ging um Fertigprodukte der britischen Supermarktketten Tesco, Iceland, Aldi (UK) und Lidl (UK). Anfang Februar wurde in einer Fertigungsanlage und in einem Fleischlager in Irland weiteres Rindfleisch mit Pferdefleischspuren entdeckt. Daraufhin ordnete die britische Lebensmittelaufsicht umfangreiche Untersuchungen an. In der Folge wurden mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte auch in Frankreich und Schweden entdeckt. Mittlerweile wurden auch in Deutschland in vielen Fällen falsch deklariertes Pferdefleisch gefunden.

Um welche Produkte geht es?

Es geht um Tiefkühl-Fertigkost aus Hackfleisch, die größtenteils bei Discountern verkauft wird, darunter Rindfleisch-Lasagne, Spaghetti Bolognese und fertige Hamburger-Frikadellen. In den Produkten wurden teilweise zwischen 30 und 100 Prozent Pferdefleisch gefunden.

Wie kam Pferdefleisch in den Produktionskreislauf?

Laut britischen Medienberichten handelt es sich um eine kriminelle „Pferdemafia“ in Rumänien. Das Fleisch wird demnach vor Ort verarbeitet und an französische Fleischverarbeitungsfirmen exportiert, die es nach Firmenangaben ohne Wissen darüber, dass es sich eigentlich um etwas Anderes handelt, als Rindfleisch verarbeitet haben. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass in den Pferdefleisch-Skandal europaweit mehr Unternehmen verwickelt sind, als bislang vermutet. Darunter auch deutsche Hersteller.

Welche Firmen sind in welchen Ländern involviert?

In einem Fall geht es um den Tiefkühlhersteller Findus in Großbritannien (der nichts (mehr) mit Nestlé zu tun hat, auch wenn der Konzern eine gleichnamige Tochterfirma in der Schweiz hat). Er vertreibt Fertigkost der französischen Firma Comigel, die wiederum einen Teil ihres zu verarbeitenden Fleischs aus Rumänien bezieht und damit bei der luxemburgischen Firma Tavola produzieren lässt. Zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 kamen mindesten 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland. Comigel gibt an, das Fleisch vom französischen Lieferanten Spanghero bezogen zu haben. Dieser weist wiederum auf einen rumänischen Zulieferer hin. Eine weitere Spur führt laut französischen Regierungsangaben vom französischen Hersteller Poujol zu einem Händler nach Zypern.

Sind die Produkte gefährlich?

Die Behörden sehen keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr durch den Verzehr von Pferdefleisch. Das Fleisch kann jedoch unter Umständen Spuren von Medikamenten enthalten. Es wird auf Rückstände des Schmerzmittels Phenylbutazon getestet. Erste Test-Resultate bestätigen den Verdacht. In französischen Tiefkühlprodukten sind Reste von Phenylbutazon enthalten. Es wird bei Pferden häufig therapeutisch angewendet, teilweise auch als Doping-Mittel im Pferdesport. In der Medizin ist es ein Medikament gegen Rheuma.

Wieso wurden Pferdefleischspuren nicht schon vorher entdeckt?

In Großbritannien wurde Rindfleisch nach Angaben der Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA in den vergangenen zehn Jahren nicht routinemäßig auf Pferdefleischspuren getestet. Eigentlich sollen solche Fälle durch das Passsystem verhindert werden. Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass, der unter anderem über Herkunft und Impfung des Tieres Auskunft geben soll. In Deutschland werden die Pässe auch durch Pferdezüchter- oder Reitsportverbände vergeben, was das System manipulationsfähig macht.

Wie haben die Firmen reagiert?

Die Firmen haben die fraglichen Produkte sofort aus dem Handel genommen. In Deutschland waren bereits Aldi Nord, Aldi Süd, Eismann, Edeka, Kaiser´s, Kosnum Leipzig, Lidl, Metro, Real, Rewe und Tengelmann betroffen.

Wie reagieren die Behörden?

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will Konsequenzen aus dem Skandal mit falsch deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten ziehen. Bei einem Treffen der Verbraucherminister von Bund und Ländern hat sie einen Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan vorgelegt. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg spricht indes von einer dauerhaften Einführung von DNA-Tests für Fleisch auf EU-Ebene.

Wie viel Pferdefleisch ist als Rindfleisch verzehrt worden?

Die Behörden in Frankreich und anderen EU-Staaten wissen bisher nicht, seit wann und in welchem Umfang Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft wurde. „Das kann man nur sehr schwer feststellen“, sagte der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, der Nachrichtenagentur dpa. Vor allem in Frankreich suchten die Behörden ältere Lagerbestände von Tiefkühlkost, um Proben zu entnehmen und auch die möglicherweise verwendeten Mengen von Pferdefleisch abschätzen zu können.

Wie ist Deutschland betroffen?

In Deutschland sind seit Mitte Februar Fälle bekannt, in denen Händler mit Produkten beliefert wurden, die Pferde- statt Rindfleisch enthalten. Auch die britische Regierung gerät weiter unter Druck. Ein früherer Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht FSA will schon im April 2011 geholfen haben, einen Brief des größten britischen Pferdefleisch-Exporteurs High Peak Meat Exports an den damals zuständigen Minister aufzusetzen, in dem auf unzureichende Kontrollen in der Pferdefleischverarbeitung hingewiesen wurde.

„Ich bin sicher, dass wird nicht der letzte Skandal gewesen sein, wenn die EU-Mitgliedsstaaten nicht endlich damit beginnen, mit staatlichem Personal wirksam zu kontrollieren“, warnte der Polizeigewerkschafter. „Wer aber nur die Finanzminister mit Stellenstreichungen wüten lässt, fährt Verbraucherinteressen und letztlich die innere Sicherheit vor die Wand.“

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.02.2013, 11:33 Uhr


Solange kriminelle Bauernverbände EU-weit sich mit der Agrarindustrie und regionalen Mafiastrukturen verbandeln, die Hand aufhalten, wird sich nichts ändern. Zufällig auftauchende Skandale zeigen nur die Hilflosigkeit jahrzehntelanger verfehlter Eu Agrarpolitik auf. Jetzt fliegt der Shit zu den Wahlen in Deutschland trotteligen Wählern um die Ohren. Die Grünen profitieren, obwohl die Kerls und Öko-Ladies während Ministerzeiten ebenfalls kläglich, aus welchen Gründen auch immer, versagten.

Guten Appetit weiterhin.

Account gelöscht!

18.02.2013, 11:41 Uhr

Weil unsere Politiker(innen) jahrelang kriminelle Machenschaften geduldet haben, kommt es nun zu solchen Handlungen. Bei Veruteilungen kann durcaus das gesamte Vermögen kassiert werden, jedoch darf keine Sippenhaftung daraus entstehen. Ein lebenslanges Berufsverbot würde weiterhelfen und zwar EU-weit!!!
Ansonsten wird in anderen Ländern weiter betrogen.

Account gelöscht!

18.02.2013, 11:52 Uhr

Pferdefleisch ist gesund! Der Rest ist Hysterie.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×