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19.07.2012

10:25 Uhr

Ungereimtheiten

Mannheimer BWL-Professor im Zwielicht

VonOlaf Storbeck

In Arbeiten des Mannheimer Ökonomen Ulrich Lichtenthaler sind gravierende Fehler aufgetreten. Zeitschriften ziehen Studien zurück. Die Privathochschule, an der Lichtenthaler habilitierte, ist über die Vorwürfe schockiert

Die Universität Mannheim prüft derzeit Plagiatsvorwürfe gegen einen ihrer Professoren. picture-alliance/ dpa

Die Universität Mannheim prüft derzeit Plagiatsvorwürfe gegen einen ihrer Professoren.

Einer der erfolgreichsten deutschen Betriebswirte muss sich unangenehmen Fragen stellen: Der Mannheimer Professor Ulrich Lichtenthaler ist in den Verdacht geraten, seine Publikationsliste mit unlauteren Mitteln aufgebläht zu haben. Einige Arbeiten enthalten offenbar zudem schwere inhaltliche Fehler und Ungereimtheiten. Fachzeitschriften haben seit Anfang Juni drei Arbeiten widerrufen. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagte ein Wissenschaftler, der mit dem Vorgang vertraut ist.

Lichtenthaler selbst räumt Versäumnisse ein. Er habe die Universität Mannheim "schon vor Wochen umfassend über die unbeabsichtigten Fehler informiert", teilte er dem Handelsblatt mit. Er bedauere die Fehler, die nicht bewusst entstanden seien, und habe "ein großes Interesse daran, alle Aspekte zügig zu klären".

Der 33-jährige ist der Shootingstar der deutschen BWL. In den vergangenen acht Jahren hat er so viel publiziert wie kaum einer seiner Kollegen, zeigt das Handelsblatt-Ranking Betriebswirtschaftslehre. Der Verein der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre zeichnete ihn 2009 mit seinem Nachwuchspreis aus.

Jetzt stellt eine Gruppe von rund 20 Wissenschaftlern die Güte seiner Forschung grundlegend infrage. Nach Handelsblatt-Recherchen haben sie in den vergangenen sechs Monaten mehr als 50 seiner zahlreichen Arbeiten auf den Prüfstand gestellt. "In einer großen Anzahl von Papieren gibt es Ungereimtheiten", sagte ein Beteiligter. In den nächsten Wochen sei mit einer Reihe weiterer Widerrufe zu rechnen.

Ins Rollen kam die Untersuchung, weil Forscher den Verdacht hatten, Lichtenthaler veröffentliche identische Studie ohne Querverweise mehrfach, was gegen wissenschaftliche Ethikstandards verstößt.

Der Züricher Ökonom Bruno Frey war im vergangenen Jahr wegen ähnlicher Vorfälle von mehreren Fachzeitschriften öffentlich gerügt worden, seine Hochschule schickte ihn deswegen gegen seinen Willen in den Ruhestand.

Kommentare (32)

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19.07.2012, 11:05 Uhr

Warum macht Lichtenthaler sowas? Im Gegensatz zu anderen (Guttenberg läßt grüßen!) hat er es doch nicht nötig?! Ist der Publikationsdruck sooo stark?? Ist das die Spitze eines Eisbergs?

Prof.

19.07.2012, 11:11 Uhr

Man soll nicht so tun, als ob statistische Konzepte wie Signifikanztests für die Wirtschaftswissenschaften eine nennenswerte Relevanz hätten. Es gibt nur selten die Möglichkeit der Datengewinnung mithilfe wissenschaftlich sauberer Experimente. In wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen dient häufig die Verwendung naturwissenschaftlicher Test-Terminologie dazu, reiner Spekulation eine Atmosphäre der Glaubwürdigkeit und Objektivität zu verleihen.

Ähnliche Einschränkungen ließen sich auch gegenüber der Klimaforschung ins Felde führen, die es ja - wie die Wirtschaftswissenschaften - mit einer Empirie zu tun haben, deren Kausalstruktur unbekannt ist.

Und was die Mehrfachpublikation von Aufsätzen mit geringer Variation der Variablen betrifft, so ist dies eine weitverbreitete Krankheit an deutschen Hochschulen. Unter anderem liegt die Wurzel des Übels in der Bevorzugung der Forschung gegenüber der Lehre auch in Disziplinen, bei denen es nicht viel zu forschen gibt.

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19.07.2012, 11:14 Uhr

Das Kernproblem ist der extreme Zwang zu immer mehr Publikationen. Will man eine Hochschulkarriere machen, muss man so viel wie möglich veröffentlichen.

Dabei ist klar, dass auch wirklich gute Wissenschaftlicher in ihrem Leben wohl kaum mehr als ein knappes Dutzend genuiner Ideen haben, die es wirklich lohnt zu veröffentlichen und die die Wissenschaft tatsächlich voranbringen. Bei B-Klasse Wissenschaftlern - und das sind die meisten - dürften es auch nur 2-3 wirklich neue Ideen sein.

Dass bei einer Publikationsliste von 50 und mehr Veröffentlichungen das meiste völlig redundant ist, kann man sich denken...

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