Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.08.2016

17:27 Uhr

Union und SPD üben Kritik

Muslimischer Verband soll sich von Erdogan distanzieren

Abgeordnete von Union und SPD sehen die weitere Zusammenarbeit mit dem deutschen Moscheen-Dachverband kritisch – die Muslime sollen sich von Erdogan distanzieren. Die Grünen finden das „hilflos und naiv“.

Union und SPD fordern den Moscheen-Dachverband Ditib auf, sich vom türkischen Präsidenten Recep Tayyp Erdogan zu distanzieren. dpa

Islam in Deutschland

Union und SPD fordern den Moscheen-Dachverband Ditib auf, sich vom türkischen Präsidenten Recep Tayyp Erdogan zu distanzieren.

BerlinAngesichts der Repressionen gegen Regierungskritiker in der Türkei fordern Abgeordnete von Union und SPD, dass sich der deutsche Moscheen-Dachverband Ditib von der Politik des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan distanziert. Eine Zusammenarbeit könne nur fortgesetzt werden, wenn sich der Verband nicht von Erdogan „als unkritisches Sprachrohr instrumentalisieren lässt“, sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer am Wochenende. Die Grünen nannten einen Abbruch der Kooperation mit Ditib „nicht sinnvoll“.

Mayer forderte in der Zeitung „Welt“, dass Ditib seine Eigenständigkeit unter Beweis stellen müsse, „bevor weitere Kooperationsgespräche“ geführt würden. Die religionspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kerstin Griese, sagte der Zeitung, sie erwarte von Ditib, dass der Verband „die Verhaftungswelle sowie die Einschränkungen von Demokratie und Meinungsfreiheit in der Türkei nicht rechtfertigt oder gar unterstützt“.

„Wir können nicht dulden, dass Erdogans Politik in deutsche Moscheegemeinden hineingetragen wird“, sagte Griese. „Gerade Ditib muss man kritische Fragen stellen, zumal wegen problematischer Freitagspredigten oder in den Fällen, in denen zu Hass und Gewalt aufgerufen wird“, sagte die SPD-Politikerin. „Da müssen notfalls auch Imame ausgewiesen werden.“

Griese sprach sich zugleich dafür aus, weiterhin „mit Ditib im Gespräch“ zu bleiben. Das gelte schon deshalb, weil der Islam in Deutschland bislang keine repräsentativen Vertretungsformen herausgebildet habe und Verbände wie Ditib die einzigen Gesprächspartner seien, „die wir beim Thema Islam hier haben“.

Muslime in Deutschland

Religion in Deutschland

Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Damit ist der Islam hierzulande die drittwichtigste Religionsgemeinschaft – wenn auch mit großem Abstand zur römisch-katholischen Kirche (23,94 Millionen) und der evangelischen Landeskirche (23,04 Millionen). Andere Gemeinschaften sind wesentlich kleiner: Orthodoxe und orientalische Kirchen vereinen in Deutschland 1,53 Millionen Mitglieder, daneben gibt es etwa 270.000 Buddhisten, 100.000 Hindus und 100.000 Juden.
(Quelle: REMID, Zahlen von 2015)

Muslime in Deutschland

Von den insgesamt vier Millionen Muslimen in Deutschland gehört mit 2,64 Millionen die Mehrzahl der Glaubensrichtung der Sunniten an. Daneben leben 500.000 Aleviten in Deutschland, 225.500 iranische Imamiten und türkische Schiiten sowie Alawiten/Nusairier, Ahmadiyya, Sufi-Gemeinschaften, Salafiyya, Ismailiten und osmanische Ibaditen.
(Quelle: Bamf, Zahlen von 2015)

Entwicklung von 1945 bis 2015

Lebten nach Ende des Zweiten Weltkriegs nur rund 6000 Muslime in Deutschland, stieg die Zahl ab den 1970ern rasant in die Höhe: Allein zwischen 1972 und 1976 von 500.000 auf 1,2 Millionen. Bis 1995 leben 2,7 Millionen Muslime in Deutschland, bis 2002 sind es 3,5 Millionen. Ab den 2000ern schwankt die Zahl: 2009 sind es etwa 4,25 Millionen, 2015 noch etwa 4 Millionen.
(Quelle: Bamf, Zahlen von 2015)

Asylbewerber nach Religionszugehörigkeit

Muslime stellen in Deutschland zudem eine Mehrheit der Asylbewerber dar: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zählte 2014 63,3 Prozent muslimische Asylbewerber. Knapp ein Viertel der Asylbewerber sind Christen, 3,7 Prozent Jesiden, 1,3 Prozent Hindus.
(Quelle: Bamf, Zahlen von 2014)

Einstellung der Deutschen zum Islam

Der Islam hat auf unsere Gesellschaft zu viel Einfluss, finden aktuell laut ZDF-Politbarometer 49 Prozent der Deutschen. Gerade richtig finden 38 Prozent der Befragten den Einfluss des Islams, drei Prozent finden, er nimmt zu wenig Einfluss.
Der Ansicht, Deutschland werde „zunehmend islamisiert“ sind laut einer Umfrage von TNS Emnid von 2014 aber lediglich 34 Prozent, 57 Prozent sehen das anders.
Und 52 Prozent der Deutschen sind aktuell laut ZDF-Politbarometer der Ansicht, dass die meisten Muslime in Deutschland die Werte des Grundgesetzes akzeptieren.

Auch der religionspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, wandte sich gegen einen Abbruch der Gespräche und Kooperationen mit Ditib. Dies sei „nicht sinnvoll“, erklärte er am Samstag. Es müsse nur klar sein: „Wer mit Ditib redet, redet auch mit Ankara.“ Es sei „hilflos und naiv“, von dem Verband „irgendwelche Unabhängigkeitserklärungen zu verlangen“, sagte Beck mit Blick auf die Forderung des CSU-Politikers Mayer.

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der größte islamische Verband in Deutschland. Laut Selbstdarstellung gehören der Ditib bundesweit rund 900 Moscheegemeinden an. Der Dachverband ist personell und organisatorisch eng mit der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara verwoben.

Die türkische Regierung geht seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli massiv gegen Armeeangehörige, Staatsbedienstete, Journalisten und Wissenschaftler vor, die der Nähe zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen bezichtigt werden. Ankara macht den in den USA im Exil lebenden Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich. Gülen, einst enger Verbündeter Erdogans und nun dessen erbitterter Feind, weist eine Verwicklung in den Putschversuch entschieden zurück.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×