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26.09.2011

07:38 Uhr

„Unkontrollierbar“

Merkel und EU schüren Angst vor neuer Bankenkrise

Dass Staatsschuldenkrisen kombiniert mit Schwächen im Bankenbereich ein gefährliches Gemisch sind, haben Europas Top-Krisenmanager erkannt – und warnen jetzt eindringlich vor falschen Weichenstellungen.

Bankentürme in der Frankfurter Innenstadt. dpa

Bankentürme in der Frankfurter Innenstadt.

BerlinNach dem Internationalen Währungsfonds (IWF) hat auch die Brüsseler EU-Kommission vor einer neuen Bankenkrise in Europa gewarnt. Der zuständige EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte der Zeitung „Die Welt“: „Die derzeitige Krise ist eine ernsthafte Kombination aus einer Staatsschuldenkrise und Schwächen im Bankenbereich. Wir können das eine nicht ohne das andere lösen - wir müssen beides lösen.“ Nötig sei „eine stärkere Rekapitalisierung der Banken, um das Risiko einer Kreditklemme zu reduzieren und damit eine weitere Eintrübung der Konjunktur, wie sich gerade in Europa und in den USA zeigt, zu verhindern“.

Der Brüsseler Währungskommissar kündigte an, dass sich die EU-Finanzminister bei ihrem nächsten Treffen in Luxemburg in einer Woche mit einem gemeinsamen europäischen Plan zur besseren Kapitalausstattung der Banken beschäftigen werden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich besorgt über die Lage der Banken. In der Debatte um eine Insolvenz Griechenlands warnte sie daher vor den unkontrollierbaren Folgen einer stärkeren Beteiligung der Institute. Es sei sicher notwendig, mit dem dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM einen Mechanismus zu schaffen, mit dem man auch Insolvenzen von Staaten in der Euro-Zone bewältigen könne - nur dürfe man nicht vorher die Spielregeln ändern. „Was wir nicht machen dürfen, ist mitten auf dem Weg das Vertrauen aller Anleger zu zerstören“, sagte Merkel in der ARD-Sendung „Günther Jauch“ am Sonntagabend. Sonst würden Investoren denken, dass die Europäer nach einem Schuldenschnitt für Griechenland diesen auch in Spanien, Belgien oder einem anderen Land vornehmen könnten. „Dann legt kein Mensch mehr sein Geld irgendwo in Europa an“, warnte die CDU-Politikerin.

Welche Großbanken im Visier der Ratingagenturen sind

Italien

Standard & Poor's hat am Mittwoch den 21. September die langfristige Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Instituten herabgestuft und deren Ausblick mit negativ bewertet. Darunter sind auch Größen wie Mediobanca und Intesa SanPaolo, die von der Bonitätsstufe „A+“ auf „A“ rutschten. Die Ratingagentur drohte, dass noch acht weitere Häuser abgewertet werden könnten - unter anderem die größte italienische Bank Unicredit. Die Herabstufung der Geldhäuser ist in diesem Fall eng verknüpft mit der Bewertung der Staatsbonität. Anfang der Woche stufte S&P Italien ebenfalls von „A+“ auf „A“ ab.

Frankreich

Ins Visier der Ratingagentur Moody's gerieten am 14. September zwei der drei französischen Großbanken. Die Kreditwürdigkeit der Crédit Agricole und der Société Générale wurde jeweils um eine Stufe auf „Aa2“ beziehungsweise auf „Aa3“ herabgestuft. Das entspricht immer noch einer sehr guten bis guten Bonität. Begründet wurde die Entscheidung mit den Engagements der Banken in Griechenland. Die Ratingagentur erwägt wegen der angeschlagenen Finanzmärkte eine weitere Abstufung der Noten. Beim Marktführer BNP Paribas wurde die Frist für die Überprüfung verlängert.

Griechenland

Während italienische und französische Banken trotz Herabstufung noch über eine gute Bonität verfügen, steht die Kreditwürdigkeit griechischer Geldhäuser seit dem Sommer auf „Ramschniveau“. Am Donnerstag den 22. September hat Moody's acht Institute nochmals um zwei Stufen herabgestuft - sie stehen aufgrund der Schuldenkrise und drohende Pleite des Landes kurz vor einem Zahlungsausfall. Die EmporikiBank, eine Tochter der französischen Credit Agricole, und die General Bank notieren nun bei „B3“, die National Bank, die EFG Eurobank, die Alpha-Bank, die Piräus Bank, die Attica Bank und die ATE bei „Caa2“.

USA

Nach Einschätzung von Moody's würde die US-Regierung eine aktuelle Bankenpleite möglicherweise nicht auffangen. Mit der Warnung ging eine Herabstufung einher: Die Ratingagentur attestierte der Bank of America, dem größten Geldhaus der USA, statt eines guten Ratings („A2“) nur noch ein befriedigendes („Baa1“). Auch Konkurrent Wells Fargo rutschte leicht von „A1“ auf “A2“ - immer noch eine gute Bonität.

Deutschland

DDie französische Société Générale rutschte im Moody's-Rating auf „Aa3“ - das entspricht der Bonität der Deutschen Bank. Von Standard & Poor's erhält Deutschlands größtes Geldhaus ein „A+“, von Fitch ein „AA-“. Die Einstufungen sprechen für eine gute bis befriedigende Bonität. Die Commerzbank als Nummer zwei erhält von den drei Ratingagenturen jeweils eine „befriedigende“ Beurteilung. Keine private deutsche Großbank wurde während der Zuspitzung der Euro-Krise in diesem Jahr in ihrer langfristigen Bonität herabgestuft.

Spanien, Portugal, Irland

SPANIEN, PORTUGAL und IRLAND: In den drei anderen PIIGS-Staaten neben Italien und Griechenland ist die Situation unterschiedlich. Moody's senkte die Bewertung der Anleihen von 30 spanischen Instituten im März dieses Jahres um eine oder mehr Stufen. Die beiden Großbanken Santander und BBVA waren von der Abstufung aber nicht betroffen. Ihre Bonität ist nach wie vor gut. Die größte portugiesische Bank, Caixa Geral de Depósitos, wurde dieses Jahr dagegen von allen drei Ratingagenturen jeweils zweimal abgestuft. Ihre Bonität wird durchgehend als befriedigend bewertet.

Die Kreditwürdigkeit mehrerer großer irischer Institute wie der Bank of Ireland oder der Allied Irish Banks wurde durch die Fast-Pleite des Landes 2010 von Moody's auf „Ramschniveau“ herabgestuft.

Ökonomen stehe es frei, andere Vorschläge zu machen, die sie auch prüfe. Aber ihre Verantwortung als Kanzlerin sei trotz aller Ratschläge, so vorzugehen, „dass der Schaden am Ende nicht größer ist als vorher“. Ausdrücklich verwies Merkel auf die Folgewirkungen der Lehman-Brothers-Pleite in den USA. Deshalb müsse sie selbst eine Politik verfolgen, die nur Schritt für Schritt vorgehen könne.

Rehn forderte das hoch verschuldete Griechenland auf, die getroffenen Vereinbarungen umzusetzen, um die nächste Milliarden-Tranche von den Europäern und dem IWF zu erhalten. Zugleich warnte er vor einer Insolvenz des Landes: „Eine ungeordnete Insolvenz würde in Griechenland einen schmerzhaften wirtschaftlichen und sozialen Schaden anrichten.“ Ein solcher Schritt würde aber auch gravierende politische und wirtschaftliche Folgen für Europa haben. „Eine Ansteckung würde schwer einzudämmen sein. Deutschlands Reichtum stützt sich auf einem stabilen Euro und auf stabile Partner.“

Kommentare (21)

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der-oekonomiker

26.09.2011, 07:53 Uhr

Nette Überschrift. Nur gibt es keine "neue" Bankenkrise, es ist immer noch die alte. Eine Bankenrettung hat es nie gegeben. Wie soll das auch gehen, wenn alleine der Derivate-Müll in der Welt 700 Billionen USD ausmacht, mehr als das 10fache des Welt-BIP. Ein paar Billiönchen Liquidität und Bilanztricks, die jeden Unternehmer vor Gericht bringen würden, sind nun mal keine Rettung. Die Welt wird daran ersticken, früher oder später. Der Kampf um den/gegen den Euro dient doch nur der Ablenkung.

Allendorf

26.09.2011, 08:00 Uhr

Das was die Zuschauer bei Jauch geboten bekommen haben, war ein Skandal. Für die Kanzlerin ein Propagandaheimspiel!
Ein Armutszeugnis für Jauch als Moderator. Jauch wurde mit seinen Fragen nicht wirklich unangenehm. Wo in aller Welt hat man das Publikum hergeholt die bei jeder Frage und bei jeder Antwort klatschten. Das sich der öffentlich rechtlichen Sender ARD für sowas hergibt, wirft ein Licht auf die fehlende unabhängigkeit. Noch schlimmer auf die fehlende Merhheiten und die Verzweiflung der Politik Merkels!

GeKo

26.09.2011, 08:07 Uhr

Allmählich nähern sich die Äußerungen unserer Bundskanzlerin der Realität. Ich gehe davon aus, daß sie den neutralen Beratern besser als zuvor zuhört - und partiepolitische Überlegungen etwas mehr zurücktreten.

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