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18.03.2016

21:26 Uhr

Untersuchungsausschuss zur Silvesternacht

Polizei hat von Übergriffen in Köln nichts mitbekommen

VonNils Wischmeyer

Wenig Infos, kaum Notrufe: Polizeivertreter mussten sich vor einem Ausschuss für den Einsatz in der Kölner Silvesternacht rechtfertigen. Von Übergriffen habe man nichts mitgekommen – dafür kam eine Massenpanik ins Spiel.

Günter R., Einsatzleiter der Landespolizei, vor dem Ausschuss in Düsseldorf. dpa

Untersuchungsausschuss „Silvesternacht“

Günter R., Einsatzleiter der Landespolizei, vor dem Ausschuss in Düsseldorf.

DüsseldorfGünter R. ist im Anzug gekommen, die gekachelte Krawatte sitzt straff, die grauen Haare des Einsatzleiters der Landespolizei sind akkurat geschnitten. Immer wieder senkt der 57-Jährige bedächtig den Kopf, legt das Kinn auf die Brust und schaut skeptisch in Richtung des Vorsitzenden des Untersuchungsausschuss. Seine Anspannung ist im ganzen Raum zu spüren.

Was dann folgt gleicht einer Verteidigungsschlacht. Beamter R. gegen die Parlamentarier, die Parlamentarier gegen den Polizisten. Und alles dreht sich um eine Frage: Wie konnte die Landespolizei nichts von den sexuellen Übergriffen auf dem Bahnhofsvorplatz mitbekommen?

R. hat darauf eine simple Antwort: „Diese Dinge sind uns nicht gesagt worden“, sagt der Einsatzleiter. „Es gab auch kaum Notrufe.“ Und viele der Taten seien in der großen Menge nicht zu sehen gewesen. Er wisse, dass das merkwürdig klinge, fügt aber an: „Ich bin der Erste, der das hier sagt, aber sicherlich nicht der Letzte.“

Missbrauch in der Silvesternacht

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. Zeugen und Opfer berichten - laut Polizei übereinstimmend - von Männern, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. So hat es der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf der Pressekonferenz am Montag formuliert. Demnach soll eine Gruppe von Männern auf dem Domplatz gewesen sein, die meisten von ihnen zwischen 15 und 35. In kleineren Gruppen sollen sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in einem Fall auch vergewaltigt. 90 Anzeigen gibt es bis Dienstagmittag. „Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagt ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Zwei Stunden sei er da gewesen und nur ein einziger Mann habe sich beklagt, dass sein Handy gestohlen wurde. „Diese Dinge, die dort passiert sind, sind unglaublich schrecklich für uns“, sagt er und man merkt, dass es ihm Nahe geht. „Das ist ekelhaft, das ist unvorstellbar. Meine Tochter war auch da – und das macht mich wahnsinnig“, sagt er.

Der 57-Jährige ist der mittlerweile dritte Zeuge, der vor dem Untersuchungsausschuss zur Kölner Silvesternacht ausgesagt hat. Der Untersuchungsausschuss soll vor allem die zentrale Frage klären, warum die Polizei die Opfer in der Silvesternacht nicht schützen konnte und ob es Defizite im Zusammenwirken von Landes- und Bundespolizei gab. In der Nacht zum 1. Januar 2016 war es am Kölner Hauptbahnhof zu massiven Übergriffen auf Frauen gekommen. Die Täter stammten laut Berichten von Augenzeugen vor allem aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Die Polizei konnte dies nicht verhindern.

Dabei war der Einsatzleiter, der sich selbst als „sehr erfahren“ bezeichnet, in einer guten Ausgangssituation. Im Vergleich zu Vorjahr sei seine Truppe von 88 auf 142 aufgestockt worden. In die Planung, so berichtet er, sei er aber nicht einbezogen gewesen. Als Einsatzleiter wurde er dem Einsatz lediglich „aufgesetzt“ worden.

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Erstmals sei er um 21 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz gewesen, der zu dieser Zeit schon gut gefüllt gewesen sein soll. Die Anwesenden laut seiner Aussage: „offensichtlich arabische Migranten“. Mehreren Gruppen hätten sich gegenseitig Böller vor die Füße geworfen, Alkohol sei getrunken worden. Er schätzte damals, dass sich knapp 400 Leute auf dem Bahnhofsvorplatz aufhielten. Seine Gedanken als er das sah: „Die sind im Umgang mit Alkohol noch nicht so geübt. Dass das mal nicht in die Hose geht.“

Bis 23 Uhr soll die Gruppe dann auf über 1000 Menschen angewachsen. Als R. dort auftaucht, sei das eingetreten, was er befürchtet hätte: „Die waren alle besoffen und schossen mit Böllern um sich.“ Aus Angst, der Umgang mit den Böllern könnte eine Massenpanik auslöse, gab er den Befehl: auflösen. Daraufhin habe die Landespolizei die Kräfte der Hundertschaft auf dem Bahnhofsvorplatz zusammengezogen. Auch die Bundespolizei wurde zur Unterstützung herangerufen.

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