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25.03.2012

17:07 Uhr

Urheberrechtsstreit

Piraten nennen Kritik „absurd und oberflächlich“

VonBernd Kupilas

In einer Wutrede hat der Musiker Sven Regener der Piratenpartei Verlogenheit in der Urheberrechtsfrage vorgeworfen. Nun gehen die Kritisierten zum Gegenangriff über. Die Vorwürfe seien „absurd und oberflächlich.“

Ein Mitglied der Piratenpartei beim Parteitag in der Halle Münsterland. dpa

Ein Mitglied der Piratenpartei beim Parteitag in der Halle Münsterland.

MünsterFührende Politiker der Piratenpartei haben die Kritik von Rockmusiker Sven Regener an der Gratismentalität im Netz und der „Verlogenheit“ der Piraten entschieden zurückgewiesen. Regeners Kritik sei „absurd und oberflächlich“, sagte Matthias Schrade, Mitglied des Bundesvorstands der Piraten, auf Anfrage von Handelsblatt Online. Regener habe sich die Positionen der Piratenpartei offenbar gar nicht angeschaut.

Der bekannte Musiker („Element of Crime“) und erfolgreiche Buchautor Regener hatte in einem Hörfunk-Interview eine bemerkenswerte Wutrede gehalten und dabei alles verbal verdroschen, was momentan angesagt ist: Gratiskopieren im Netz, Proteste gegen das Urheberrecht und schließlich die Piratenpartei. Regener hatte sich darüber erregt, das auf Musikern herumgetrampelt werde, wenn sie auf ihren Urheberrechten beharrten. „Man pinkelt uns ins Gesicht“, beschwerte sich Regener. Für Musik zu bezahlen sei eine Frage von „Anstand und Respekt“.  Er wolle kein Straßenmusiker sein.

Fakten zur Piratenpartei

Gründung

Die Piratenpartei wurde am 10. September 2006 in den Räumen des Berliner Hackervereins C-Base gegründet und am selben Tag auch beim Bundeswahlleiter registriert. 53 Menschen nahmen an der Gründungsversammlung teil.

Wahlergebnisse

Die Piraten konnten in Deutschland ihre Wahlergebnisse beinahe kontinuierlich steigern. Von 0,3 Prozent bei der Landtagswahl in Hessen 2008 über 0,9 Prozent bei der Europawahl 2009 auf 2 Prozent bei der Bundestagswahl 2009.

2010 wurde es etwas ruhiger im die Piraten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gaben 1,6 Prozent der Wähler ihnen ihre Stimme.

2011 traten die Piraten bei jeder der sieben Landtagswahlen an und konnten zwischen 1,4 und 2,1 Prozent erzielen. Mit Abstand größter Erfolg ist daher das Wahlergebnis in Berlin, wo die Piraten mit 8,9 Prozent die kühnsten Erwartungen übertrafen. Es folgten weitere Wahlergebnisse über der Fünf-Prozent-Hürde im Saarland (7,4 Prozent) und Schleswig-Holstein (8,2 Prozent).

Auch auf kommunaler Ebene waren die Piraten 2011 erfolgreich und erhielten weit über 100 Mandate, vor allem in Berlin und bei den Kommunalwahlen in Hessen und Niedersachsen.

Bundestagserfahrung

Von Juni bis Oktober 2009 stellte die Piraten ein Mitglied des Bundestags: Jörg Tauss trat am 20. Juni aus der SPD aus und in die deutsche Piratenpartei ein. Nach der Bundestagswahl Ende September 2009 schied er aus dem Parlament aus, nach einer Verurteilung wegen Besitzes kinderpornografischen Materials im Mai 2010 trat Tauss aus der Piratenpartei aus. Noch aktiv in der Piratenpartei sind der ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete Herbert Rusche und die frühere Grüne Bundesvorsitzende Angelika Beer.

Mandate

182 Mandate in Kommunal- oder Landesparlamenten bekleiden inzwischen Vertreter der Piraten. Soweit zumindest die Angaben im „Piratenwiki“, einer von allen Mitgliedern veränderbaren Webseite, auf der die politischen Positionen der Piraten diskutiert werden sollen.

Nach Angaben der Piraten entfällt der überwiegende Teil der Sitze auf drei Bundesländer: 66 in Berlin (davon 15 im Landtag - alle Kandidaten, die aufgestellt wurden, zogen auch ins Landesparlament ein), 59 in Niedersachsen, wo am 11. September Kommunalwahlen stattfanden, und 36 in Hessen.

Mitglieder

Die aktuellsten Mitgliederzahlen aus den Landesverbänden Piratenpartei addieren sich auf fast 30.000. Zum Vergleich: Die Mitgliederzahl der FDP sank im September auf unter 65.000.

Durch die Wahl in Berlin und einen Höhenflug bei bundesweiten Umfragen dürfte die Zahl aktuell wieder deutlich ansteigen. Zuletzt war sie jedoch nur schwach gewachsen oder auch stagniert. Von Juni bis Oktober 2009 hatte sich die Mitgliederzahl auf rund 10.000 verzehnfacht. Im April 2010 waren 12.000 Menschen Piraten-Mitglied.

Die wichtigsten Köpfe

Der 41-jährige Sozialwissenschaftler und Kriminologe Bernd Schlömer ist Bundesvorsitzender der Piratenpartei.

Schlömer folgte auf Sebastian Nerz, der nun stellvertretender Vorsitzende der Piratenpartei ist.

Von 2008 bis 2009 war Dirk Hillbrecht Vorsitzender der Piraten. Hillbrecht kandidierte auch für die Bundestagswahl 2009 bei der die Piraten zwei Prozent der Stimmen erhielten. Bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am 11. September 2011 wurde der Diplom-Mathematiker und IT-Experte in den Stadtrat von Hannover gewählt.

Den aktuellen Bundsvorstand der Piraten komplettieren: Markus Barenhoff als weiterer Stellvertreter, Swanhild Goetze (Schatzmeisterin), Johannes Ponader (politischer Geschäftsführer), Sven Schomacker (Generalsekretär). und Klaus Peukert. Matthias Schrade und Julia Schramm waren bis zum 26. Oktober 2012 Beisitzer.

Konkret  sagte Regener über die Piraten: „Der örtliche Chef hier von der Piratenpartei, der hat eine Firma, die machen Apps fürs iPhone – das ist ein geschlossenes System, das ist hundert Prozent Copyright, mit Anwälten, mit allem Drum und Dran.“ Und solche Typen sprächen dann von Freiheit im Internet, echauffierte sich Regener. Die kleinen Plattenlabel seien längst alle tot, für junge Leute gebe es kaum noch eigene Musik.   

Pirat Matthias Schrade  sieht seine Partei hingegen als Vorkämpfer der Künstler. „Gerade die kleinen Künstler haben durch das Internet eine Chance.  Sie können sich dort vermarkten und etwa über iTunes ihre Musik selbst anbieten – und dann auch höhere Erlöse erzielen.“ Das sei doch besser, als sich einem Knebelvertrag mit einer Plattenfirma zu unterwerfen, wo man dann vielleicht fünf Prozent der Einnahmen erhält.

„Herr Regener befindet sich mit seiner Kritik in guter Gesellschaft“, sagte der gerade frisch gewählte NRW-Spitzenkandidat Joachim Paul Handelsblatt Online am Rande des Parteitags in Münster. „Nämlich mit William Shakespeare. Der war damals gegen den Buchdruck, weil er Angst hatte, dass er dann seine Stücke nicht mehr an die Theater verkaufen kann.“

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„Die Rechteverwerter schützen die großen Künstler, wie etwa Madonna“, argumentiert Pirat Schrade. „Die großen Musikfirmen, wie etwa Sony, haben sich den Markt nehmen lassen – von einem marktfremden Anbieter, einem Computerhersteller, nämlich Apple. Es hätte doch genau so gut ein iSony geben können. Aber nein, sie haben die Entwicklung verschlafen“, sagt Schrade. Er selbst sei schon über Youtube auf Künstler gestoßen, von denen er sonst nie erfahren hätte. Und tatsächlich  gibt es ja schon Beispiele von Künstlern, die über eine kluge Selbstvermarktung im Internet groß geworden seien.

Erste Beschlüsse zum Urheberrecht haben die Piraten bereits verabschiedet: So soll dieses Recht mit dem Tod des Urhebers erlöschen, und nicht erst – wie bislang – 70 Jahre danach. NRW-Spitzenkandidat Joachim Paul erklärte auch, er wolle sich für „Open Access“ stark machen: Es könne nicht sein, dass ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität auf Kosten des Steuerzahlers einen Fachaufsatz erstelle, dieser dann an einen wissenschaftlichen Verlag gehe, und die Universität den Aufsatz in Form eines Abdrucks in einer Fachzeitschrift „für teures Geld zurückkauft“. Das werden die wissenschaftlichen Verlage nicht gerne hören.

Kommentare (39)

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Nachwuchs

25.03.2012, 18:41 Uhr

Es geht nicht um Urheberrechte, sondern nur um das Abzocken? Wieso muss eine CD ca. 15 Euro kosten, nur für die Manager und damit ein Lied reicht um Millionär zu werden und nie mehr arbeiten zu müssen?

loehnsberg

25.03.2012, 20:21 Uhr

Das ist Polemik. Es steht jedem frei, den Preis für die von ihm geschaffenen Güter festzulegen.

Im Parteiprogramm der Piratenpartei steht relativ eindeutig, dass sie für die Legalisierung der Privatkopie sind. Jedem der logisch denken kann, ist klar, dass so etwas nicht funktioniert. Da die Anhänger dieser Partei allerdings gerne kostenlos Content beziehen und sich für gute Menschen halten, ist die Privatkopie in Ordnung und das Urheberrecht nicht. Damit beseitigen, sie die so entstandene kognitive Dissonanz. Und nur weil so viele Menschen auf den Zug aufspringen, heißt nicht, dass er auch in die richtige Richtung fährt.

Die viel interessantere Frage ist jedoch, ob es dem Schaffenden freistehen sollte, den Vertriebsweg zu disktieren. Wenn ich etwas nur auf CD bekomme, aber nicht haben möchte, sondern als MP3, dann habe ich ein Problem. Das gleiche gilt im Moment in viel schlimmerem Ausmaß für ebooks.

Fazit: Ein Urheber sollte einen Preis für sein Gut festlegen dürfen, er sollte dafür entlohnt werden, wenn jemand, das von ihm geschaffene Werk nutzt. Jedoch sollte er nicht darüber bestimmen können, wie es vertrieben wird.

Account gelöscht!

25.03.2012, 21:33 Uhr

Andersrum wird ein Schuh daraus. Jahrzehnte waren private Kopien und Mitschnitte von Aufnahmen völlig normal und geduldet. Dank des technischen Fortschritts kann man kaum noch zwischen Original und Kopie unterscheiden. Das ist zweifellos ein Problem für die Phonoindustrie, aber nun die private Kopie als Original zu behandeln, kann auch nicht die Lösung sein.

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