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08.01.2014

12:32 Uhr

Väter-Teilzeit

Gabriels Papa-Placebo

VonDietmar Neuerer

Die SPD will mehr Väter in die Teilzeit locken. Vizekanzler Gabriel geht voran, einmal pro Woche nimmt er Papa-frei. Sein Vorstoß dürfte kaum Nachahmer finden. Die Wirtschaft stellt sich quer. Viele Väter wollen nicht.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel: Der Mittwoch ist für Tochter Marie reserviert. dpa

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel: Der Mittwoch ist für Tochter Marie reserviert.

BerlinVatersein ist in aller Munde. Zumindest ist nicht zu übersehen, dass die Vätermonate beim Elterngeld die Bereitschaft der Väter erhöht haben, Elternzeit zumindest zwei Monate zu nutzen. Der SPD ist das zu wenig. Sie will, dass sich Eltern generell die Kinderbetreuung teilen. „Familienarbeitszeit“ nannten die Sozialdemokraten das in ihrem Wahlprogramm. Im Koalitionsvertrag findet sich die Idee in Teilen wieder.

Damit Formulierungen wie „Elternzeit flexibler gestalten“ oder „Rolle des aktiven Vaters in der Kindererziehung und Familie weiter stärken“ keine leeren Worthülsen bleiben, stellt sich Sigmar Gabriel in der Öffentlichkeit als gutes Beispiel dar. Öffentlichkeitswirksam kündigte der SPD-Chef via „Bild“-Zeitung an, auch als stellvertretender Regierungschef und Superminister für Wirtschaft und Energie einen Nachmittag für seine Tochter freihalten zu wollen.

Im Koalitionsvertrag sind dafür gleich mehrere Verbesserungen für teilzeitarbeitende Eltern vorgesehen. Wer wegen der Kinderbetreuung von Vollzeit auf Teilzeit wechselt, soll die Möglichkeit bekommen, seine Stunden später wieder aufzustocken. Zudem ist beim Elterngeld ein Zuschlag von zehn Prozent geplant, wenn Mutter und Vater ihre Arbeitszeit auf 25 bis 30 Stunden pro Woche reduzieren. Das soll vor allem Väter in die Teilzeit locken. Ein hehrer Wunsch, der wohl nicht in Erfüllung gehen wird.

Das hat damit zu tun, dass unter Vätern die Bereitschaft relativ gering ausgeprägt ist, über die Vätermonate hinaus der Familie Vorrang vor dem Beruf einzuräumen. Eine Vier-Tage-Woche zu Gunsten der Familie à la Gabriel steht nicht im Fokus. In Führungsetagen neigt man auch deshalb nicht zur Papa-freien Zeit, weil man befürchtet, dass das der Karriere schaden könnte. In Deutschland hat nur etwa jeder Hundertste männliche Chef einen Teilzeitvertrag von 30 oder weniger Stunden, wie aus einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) hervor geht. Unter den Managern in Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern ist die Quote sogar noch deutlich niedriger.

So funktioniert die Kinderbetreuung im Ausland

USA

Von einem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuungsplätze sind Eltern in den USA weit entfernt. Viele haben nicht einmal eine Garantie auf unbezahlte Elternzeit. Landesweiter gesetzlicher Mindeststandard sind zwölf Wochen unbezahlte Freistellung rund um die Geburt - aber nur für Eltern in Firmen mit mehr als 50 Angestellten. Mütter in Kleinbetrieben haben überhaupt keinen gesetzlichen Schutz. Wenn sie nicht sofort nach der Geburt wieder arbeiten, können sie ihren Job verlieren. Einige Bundesstaaten haben aber großzügigere Gesetze.

Schweden

In Schweden gingen im vergangenen Jahr 77 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in einen Kindergarten. Auch hier gibt es einen Rechtsanspruch ab dem ersten Jahr, vorausgesetzt beide Eltern arbeiten oder studieren. Die Kommunen haben Schwierigkeiten, dem hohen Bedarf an Betreuungsplätzen gerecht zu werden. Vielerorts dienen Containermodule als provisorische Kindergärten. Eltern zahlen für den Kindergarten maximal 137 Euro im Monat. Die Vorschule im letzten Jahr vor der Einschulung ist gratis. Das Betreuungsgeld wird kaum angenommen. 81 Prozent der schwedischen Mütter arbeiten.

Großbritannien

In Großbritannien haben Kinder ab dem dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf 15 Stunden kostenlose Betreuung pro Woche in einer staatlichen Kita. Wer sein Kind privat unterbringt, bekommt einen finanziellen Ausgleich. Für Kinder von Eltern mit wenig Geld gilt der Rechtsanspruch bereits ab dem zweiten Lebensjahr. Ab drei Jahren gehen sie kostenlos in die Vorschule.

Frankreich

Frankreich gilt in Europa als Kinderbetreuungsparadies. Es gibt umfassende staatliche Förderungen wie etwa Geburtsbeihilfe, Steuererleichterungen und Kindergeld. Hinzu kommen Zuschüsse für Lernmittel, Wohngeld oder Hilfen für Alleinerziehende. Familien mit zwei und mehr Kindern können Steuererleichterungen und weitere Zulagen bekommen. Krippen nehmen Kleinkinder ab zwei Monaten auf.

Belgien

In Belgien gibt es kein verbrieftes Recht auf einen Krippen- oder Kitaplatz – die Chancen der Eltern auf einen Platz für ihr Kind sind aber durchwegs gut. Landesweit sind etwa 40 Prozent der unter Dreijährigen untergebracht. Eltern müssen für den Krippenplatz ihres ersten Kindes mit rund 250 Euro pro Monat rechnen. Mit zweieinhalb Jahren wechseln praktisch alle belgischen Kinder in die Vorschule.

Russland

Die russische Verfassung garantiert Kindern einen Platz in einer Krippe oder einem Kindergarten. Experten kritisieren allerdings, mit der Realität habe das wenig zu tun. Derzeit warten rund 1,3 Millionen Kinder auf einen Betreuungsplatz. Um einen der begehrten Plätze zu bekommen, zahlen manche Eltern Schmiergeld – geschätzt rund 2.500 Euro. In vielen Kommunen gibt es allerdings eine Art Betreuungsgeld: monatlich 5.000 Rubel (rund 125 Euro).

Tschechien

Die Zahl der Kitas ist wegen mangelnder Nachfrage seit dem Ende des Sozialismus dramatisch gesunken. Anfang der 1990er Jahre gab es landesweit noch 1.000 Krippen für unter Dreijährige, inzwischen sind es nur noch 45. Einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gibt es erst im letzten Jahr vor Schulbeginn.

Österreich

In Österreich gibt es eine Kindergartenpflicht: Alle fünfjährigen Kinder müssen in der Alpenrepublik für ein Jahr an mindestens vier Tagen pro Woche in den Kindergarten gehen. Der Besuch ist dann landesweit gratis.

Griechenland

In Griechenland hat jedes Kind ab sechs Monaten einen Anspruch auf einen Kitaplatz. Bei der Vergabe der Plätze werden das Einkommen und andere soziale Kriterien berücksichtigt. Wer mehr verdient und sein Kind in einen öffentlichen Kindergarten schicken will, muss je nach Einkommen einen Beitrag von 50 bis 500 Euro im Monat zahlen. Um den Bedarf zu decken, werden zusätzliche Kitaplätze mit EU-Mitteln subventioniert.

Australien

Kinderbetreuung in Down Under ist sehr teuer. Ein Kita-Platz kostet im Schnitt umgerechnet 1.650 Euro pro Monat. Die Plätze sind trotzdem knapp. Neben einer Einmalzahlung zur Geburt überweist der Staat viereinhalb Monate den Mindestlohn als Elterngeld. Das sind immerhin rund 1.700 Euro im Monat.

Frauen in Managementpositionen arbeiten dagegen viel häufiger Teilzeit als Männer. In Deutschland sind es 14,6 Prozent der Frauen, aber nur 1,2 Prozent der Männer. In den Niederlanden haben dagegen 31,5 Prozent der Frauen und 4,1 Prozent der Männer im Management ihre Stundenzahl reduziert. Besonders selten kommt Teilzeitarbeit in den Führungsebenen großer Unternehmen und bei Selbstständigen vor. Auch die branchenspezifischen Unterschiede sind beachtlich: Während Teilzeitmanager in Deutschland am häufigsten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und öffentliche Verwaltung vertreten sind (9,3 Prozent), bleiben teilzeitarbeitende Managerinnen und Manager im verarbeitenden Gewerbe mit 1,2 Prozent die Ausnahme.

Die Wirtschaft stößt sich vor allem an Details der von der Koalition beabsichtigten Besserstellung von Teilzeit-Vätern, wie etwa dem geplanten Rechtsanspruch auf befristete Teilzeitarbeit mit einem Rückkehrrecht zur früheren Arbeitszeit. „Wir brauchen keine neuen staatlichen Regulierungen wie zum Beispiel Verschärfungen beim Rückkehrrecht auf Vollzeit“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks, Handelsblatt Online. „Rechtliche Unsicherheiten, geringere personalpolitische Planbarkeit und oft auch Unfrieden in der Belegschaft drohen.“

Kommentare (27)

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HofmannM

08.01.2014, 12:48 Uhr

Der Gabriel soll lieber das EEG einstampfen und diese wohlstandsvernichtende Ethikdiktierte Energiewende stoppen, bevor es keine Zukunft mehr für seine Kinder in Deutschland gibt! Energiewende/EEG = Armut und Mangel!!!

Soziologe

08.01.2014, 12:51 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

tsabo

08.01.2014, 12:58 Uhr

Was ist der nächste Schritt? Ich weis - die Männer werden jetzt dazu verpflichtet Ihre Kinder selbst auszutragen und auf die Welt zu bringen... - Schmunzel -
Aber wer nicht mal in der Lage ist - in staatlichen Kindergärten und Tagesstätten eine 50% Frauen : 50% Männer Qoute zu haben..
So das die Mädels und Jungs mal beiden seiten zu gleich kennen lernen.. Der musst nicht so populistisch wie der Gabriel vorangehen..

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