Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.11.2015

03:59 Uhr

Vaterfigur Schmidt

Die SPD trauert im Reichstag

Die SPD und ihr Parteichef Gabriel sitzen gerade in der Fraktionssitzung, als die Nachricht vom Tod Helmut Schmidts kommt. Alle sind bewegt. Die Sozialdemokraten verlieren eine Vaterfigur und einen ihrer ganz Großen.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) am 23.10.2012 aufgenommen. Die SPD verliert mit dem Tod des Altkanzlers eine Vaterfigur. dpa

Helmut Schmidt

Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) am 23.10.2012 aufgenommen. Die SPD verliert mit dem Tod des Altkanzlers eine Vaterfigur.

BerlinFraktionschef Thomas Oppermann erzählt gerade seinen Abgeordneten, was seine SPD in der Flüchtlingskrise und bei anderen Themen so umtreibt, da schauen alle plötzlich auf ihre Smartphones. Dort lesen sie die Eilmeldung, von der viele Genossen bis zuletzt gehofft hatten, sie würde nicht kommen. Helmut Schmidt ist tot. Am Nachmittag ist er im Kreis seiner Familie mit 96 Jahren in Hamburg gestorben. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der seit Tagen engen Kontakt zur Familie des Altkanzlers hielt, erfährt davon nun am Dienstag aus den Nachrichten.

Im Otto-Wels-Saal des Reichstagsgebäudes erheben sich alle für eine Gedenkminute. Nebenan bei der Union ist es genauso. Die Kanzlerin und CDU-Chefin erinnert in der Fraktionssitzung an die Rolle Schmidts als Krisenmanager bei der Sturmflut 1962 in ihrer Geburtsstadt Hamburg - damals hörte Angela Merkel als Kind in der DDR im Radio von der Tatkraft des Hanseaten.

Kaum jemand auch bei der SPD, der in diesem Moment nicht an eine Anekdote, eine persönliche Begegnung mit Schmidt zurückdenkt. Oppermann erzählt später, wie er als Student auf die Straße gegangen sei, um gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen Schmidt, der für die atomare Aufrüstung Europas war, zu protestieren: „Wir haben Helmut Schmidt in dieser Frage kritisiert, aber wir haben ihn doch immer heimlich bewundert.“

Dann wird es auf dem Reichstagsflur etwas hektisch. Draußen warten die Kameras. Gabriel kommt gegen 16 Uhr als Erster aus der Fraktion. Man sieht ihm die Trauer an. Oft war er in Hamburg, um sich mit Schmidt auszutauschen. „Ein wirklich großer Patriot, ein großer Europäer und ein großer Sozialdemokrat ist gestorben“, sagt der Vizekanzler.

Handelsblatt Sonderausgabe:
Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:
+ Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen.
Von Gabor Steingart
+ „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte.
Von Hans-Jürgen Jakobs
+ Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner.
Von Sven Afhüppe
+ Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht.
Von Arnulf Baring

Jetzt lesen: Den Digitalpass vier Wochen gratis testen und die komplette Handelsblatt Sonderausgabe kostenlos als PDF downloaden oder im Einzelverkauf für 2,99 Euro im Kaufhaus der Weltwirtschaft erwerben.

Gabriel erinnert an jenen Auftritt Schmidts, der sich allen in der SPD tief ins Gedächtnis eingebrannt hat. Bundesparteitag am 4. Dezember 2011. Schmidt hält eine Rede zu Europa. Es wird eine Geschichtsstunde und Mahnung, die auch Gabriel tief beeindruckt hat. „Ich glaube, dass sein Vermächtnis Europa ist“, sagt er.

Schmidt habe damals der SPD und dem Land mit auf den Weg gegeben, dass es nichts Wichtigeres gebe als die Freundschaft zu Frankreich. Und: „Dass Deutschland seine Führungsrolle nicht überfordern darf, und dass wir eine Verantwortung haben, Europa zusammenzuhalten“, sagt Gabriel.

Ein paar Minuten nach ihm ist Frank-Walter Steinmeier da. Sehr persönlich erzählt der Außenminister von seinen vielen Begegnungen mit Schmidt. Oft, wenn er in Hamburg gewesen sei, habe er die Chance genutzt, um beim Altkanzler vorbeizuschauen. Immer habe Schmidt vor deutschem Provinzialismus und Nationalismus gewarnt: „Er war einer, der die Internationalisierung des Landes verstanden und gelebt hat.“

Schließlich spricht Steinmeier das aus, was viele in der SPD denken: „Er ist so etwas wie eine Vaterfigur gewesen.“ Kurz nach 18 Uhr geht die Fraktionssitzung zu Ende. In einem Nebenraum können die Abgeordneten symbolisch von Schmidt Abschied nehmen. Auf einem mit schwarzem Tuch umhüllten Tisch steht ein Bilderrahmen mit einem Schwarz-Weiß-Porträt, eine Kerze brennt, daneben ein Kranz mit weißen Gerbera. Eine kleine Schlange bildet sich. Viele Abgeordnete tragen sich in das Kondolenzbuch ein. Nicht wenige haben Tränen in den Augen.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×