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16.08.2013

11:08 Uhr

Verbote in Deutschland

Willkommen in der Nanny-Republik

VonDietmar Neuerer

Für ihre Veggie-Day-Idee ernteten die Grünen viel Kritik. Tatsächlich berührt der Vorstoß ein sensibles Thema: die staatliche Bevormundung und die Frage: Sind wir schon eine Verbotsrepublik – und, falls ja, ist sie grün?

Verbotsschilder: In Deutschland ist so einiges verboten. Doch nicht nur die Grünen sind für die staatliche Gängelung verantwortlich. ap

Verbotsschilder: In Deutschland ist so einiges verboten. Doch nicht nur die Grünen sind für die staatliche Gängelung verantwortlich.

BerlinAls einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, dass die Grünen einen fleischlosen Tag in Kantinen durchsetzen wollen, um so den Fleischkonsum in Deutschland zu senken, war die Aufregung groß. Selbst die Linke wendete sich dagegen, obwohl die Idee lediglich im Wahlprogramm der Ökopartei steht und noch gar nicht ausgemacht ist, ob der „Veggie-Day“ jemals den Weg in ein Regierungsprogramm finden wird. Von einem „gruseligen Freiheitsverständnis“ sprach Linksparteigeschäftsführer Matthias Höhn. „Ich jedenfalls will nicht in einer grünen Erziehungsdiktatur leben, und ich glaube, viele Wählerinnen und Wähler auch nicht.“ Ob sich Höhn da mal nicht täuscht.

Zwar gibt es keine aktuellen Erhebungen, wie es die Bürger in Deutschland mit staatlichen Regeln und Verboten halten. Eine spezielle Umfrage aus dem vergangenen Jahr lässt aber dennoch aufhorchen. Das Heidelberger John-Stuart-Mill-Institut hat einen „Freiheitsindex“ konstruiert, der neben der Umfrage auch Zeitungen analysiert und bewertet, wie oft Bürger und Journalisten für staatliche Verbote plädieren oder freie Entscheidung bevorzugen. Das Ergebnis überrascht: Bei der Abwägung gegen Sicherheit und Gleichheit liegt die Freiheit im Hintertreffen. Die Mehrheit der Bürger fordert ausdrücklich eine Ausweitung der Staatsaufgaben. Der "betreuende", "sich kümmernde Staat" wird demnach im Unterschied zum liberalen Staat, der wenig eingreife, als der gerechtere gesehen, in dem es menschlicher zugehe und der mehr Wohlstand ermögliche.

Freiheit wird zwar hochgeschätzt, viele Bürger befürworten aber gleichzeitig viele Verbote. Die Mehrheit findet laut dem Index, der Staat solle Drogen verbieten, Klonen von Menschen, rechtsradikale Parteien, Filme mit Gewaltdarstellungen, Kredite für Personen, die schon verschuldet sind und: ungesunde Lebensmittel. Liegen dann also die Grünen mit ihrem Veggie-Day gar nicht so falsch? Da die Wahrnehmung der Bürger keine feste Größe ist, die sich nie verändert, lässt sich das nicht eindeutig sagen.

Oft sind Meinungen Momentaufnahmen. So wohl auch im aktuellen Fall. Die Forderung nach einem vegetarischen Tag in Kantinen stößt jedenfalls auch bei der Mehrheit der Bundesbürger auf Ablehnung, wie jüngst eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der „Welt am Sonntag“ ergab. Im Wahlkampf sind solche Erhebungen eine willkommene Steilvorlage für den politischen Gegner. Kein Wunder also, wenn der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle den Ball dankbar aufnimmt und lospoltert: „Die Grünen lechzen geradezu danach, aus Deutschland eine Verbotsrepublik zu machen.“ Aber, und das ist die eigentlich spannende Frage, hat er mit seiner Behauptung Recht.

Fleischkonsum in Deutschland

Fleischproduktion

Die weltweite Fleischproduktion ist nach Angaben des WWF um 400 Prozent angestiegen: Von 1961 bis 2009 ist die Produktion von 70 Millionen Tonnen auf 300 Millionen Tonnen gewachsen.

Quelle: WWF

Jahresverbrauch

Durchschnittlich lag der Fleischbrauch pro Kopf in Deutschland im Jahr 2010 bei 88,2 Kilogramm.

Tagesverbrauch

Durchschnittlich verzehren die Deutschen pro Tag rund 166 Gramm Fleisch.

Empfohlene Tagesmenge an Fleisch

Aus ernährungspsychologischer Sich liegt die empfohlene Tagesmenge an Fleisch bei rund 86 Gramm.

Risiken beim Fleischkonsum

Bereits wenn die empfohlene Tagesdosis an Fleisch um 50 Gramm überschritten wird, erhöht sich das Risiko an Diabetes Typ II zu erkranken um 25 - 40 Prozent.

Welche Tiere essen die Deutschen?

Durchschnittlich verzehrt ein Deutscher in seinem Leben vier Kühe und Kälber, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner.

Geflügel

Im Jahr 2010 wurden 683.114.084 Hühner, Truthähne und anders Geflügel geschlachtet.

Schweine

Im Jahr 2010 wurden in Deutschland rund 58.413.677 Schweine geschlachtet.

Artgerechte Tierhaltung

Der Anteil des Schweinefleisches auf dem deutschen Markt, dass aus artgerechter oder ökologischer Tierhaltung stammt, beträgt laut WWF 0,5 Prozent.

Genutzte Fläche

Wenn der Fleischkonsum in den OECD-Ländern um 30 Prozent reduziert werden würde, stünden 30 Millionen Hektar Fläche mehr zur Verfügung.

Quelle: WWF

Steuern wir auf eine durchregulierte Republik zu – und sind die meisten Verbote tatsächlich auf grünem Mist gewachsen? Ja und Nein. Der „Nanny-Staat“ ist längst schon Realität, zu verantworten haben ihn aber auch die anderen Parteien, vor allem auch die derzeitige Bundesregierung. Der „Spiegel“ hat einige Beispiele zusammengetragen, die das Bild der Verbotsrepublik treffend illustrieren.

Kommentare (71)

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Freidenker

16.08.2013, 11:20 Uhr

Man kann davon halten was man will. Fakt ist doch aber, dass die wenigsten Menschen mit dem Kapitalismus, wo unendlich viel sinnloses Zeugs produziert wird, vernünftig umgehen kann. Mit Freiheit können die meißten schon gar nicht umgehen. Sie prekäre Beschäftigung und Hartz 4! Diese werden schamlos von Menschenfeindlichen Narzissten ausgenutzt. Von Privatunternehmern genauso wie vom STAAT, den Kommunen selber!!

Die Menschen leiden echt an Schizophrenie!! An RASSISMUS SOWIESO!

Peterpan

16.08.2013, 11:35 Uhr

Deutschland war doch schon immer eine Erlaubnis-Republik.
Will heißen, in anderen Ländern ist alles erlaubt was nicht
verboten ist, in DE ist alles verboten was nicht ausdrücklich erlaubt ist.

pit

16.08.2013, 11:45 Uhr

Warum glauben wir noch solchen Untersuchungen und deren Ergebnissen. Fakt ist doch, dass die Verbotsmanie unserer Politiker auf die Freiheitsrechte der Bürger ausgerichtet ist. Warum werden wir mit Pinkelverboten in Köln drangsaliert? Viel wichtiger wäre doch chemische Stoffe zu verbieten, deren eineindeutige Schadlosigkeit nachgewiesen ist. Bisher wird doch alles zugelassen das auch verdächtig ist aber der Nachweis der Schädlichkeit nicht eindeutig nachweisbar ist. Diese Einstellung ist zu ändern! Dann braucht es keine Verbote. Nehmen wir als Beispiel Hundekot: Wer reintritt sollte beim nächsten Hundehalter seine Schuhe sofort reinigen und desinfizieren lassen können - oder finanziellen Ausgleich für neue Schuhe verlangen können. Ich bin mir sicher das Hundekotproblem wäre inert 1 Jahr gelöst. Eine Fabrik die stinkt, müsste den Geruchsbeläastigten sofort Schadensersatz zahlen. Bei giftigen Gerüchen sollte der Schadensersatz ohne Nachweis eines Schadens jedem zustehen der sich im betroffenen Bereich aufhielt. Bei Personenschäden sind das Management und die ursächlich Verantwortlichen in Haft zu nehmen und zwar nicht auf Bewährung! Wir hätten eine sehr nachhaltige Republik.

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