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24.08.2012

16:12 Uhr

Verbraucherschutz-Chef

„Strom darf kein Luxusgut für Reiche werden“

VonJan Mallien

ExklusivDer Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Gerd Billen, fordert einen Kurswechsel bei der Energiewende. Außerdem plädiert er im Interview für ein verpflichtendes Schulfach Verbraucherbildung.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Gerd Billen, fordert die Politik beim Strompreis zum Handeln auf.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Gerd Billen, fordert die Politik beim Strompreis zum Handeln auf.

Handelsblatt: Herr Billen, die Verbraucher stöhnen über steigende Strompreise.  Gibt es ein Mittel dagegen?
Gerd Billen: Die Politik ist gefordert. Sie muss darauf achten, dass Strom nicht zum Luxusgut für Reiche wird. Es kann nicht sein, dass viele große Unternehmen von den Kosten der Energiewende ausgenommen werden und die Verbraucher die Zeche zahlen.

Die Energiewende kostet aber Geld, das irgendwie herein kommen muss. Ist es nicht logisch, dass die Stromproduzenten die Kosten auf den Verbraucher umlegen?

In den letzten zehn Jahren war das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) kein entscheidender Faktor für den Strompreis. Jetzt wird es immer wichtiger. Wir sind in einer Phase, wo viel Geld in neue Techniken investiert werden muss. Leider fließen die Mittel aber häufig nicht in die effektivsten Lösungen. Deshalb sind wir für eine Reform des EEG-Gesetzes.

Inwiefern?

Die Mittel müssen in sinnvolle Energien, Speichertechnologien und den Netzausbau fließen. Bisher gibt es starke Unterschiede bei der Förderung  verschiedener Techniken. Bei der Offshore-Windkraft wird zum Beispiel das Risiko komplett auf den Verbraucher und den Mittelstand umgelegt. Chancen und Risiken gehören aber zusammen. Wir wünschen uns einen fairen Wettbewerb zwischen verschiedenen Techniken, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. Für die Verbraucher muss klar sein, wo das Ende der Fahnenstange ist.

Auch auf dem Strommarkt gibt es Wettbewerb. Wer unzufrieden mit seinem Stromanbieter ist, kann wechseln. Das tun aber nur wenige. Sind die Verbraucher nicht selbst Schuld an den hohen Preisen?

Die Verbraucher können durch einen Wechsel in aller Regel Geld sparen. Eine vierköpfige Familie zum Beispiel etwa 100 bis 150 Euro im Jahr. Diese Möglichkeit nutzen jedoch viele nicht. 40 Prozent der Verbraucher sind in der so genannten Grundversorgung. Das ist der Tarif, in den jeder Stromkunde automatisch eingestuft wird, wenn er sich nicht aktiv um einen Wechsel bemüht. Grade ältere Menschen scheuen  einen Wechsel. Verbraucherzentralen helfen ihnen, einen Wechsel zu realisieren.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Kommentare (9)

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sgk_10

24.08.2012, 17:45 Uhr

Die Energiewende kostet aber Geld, das irgendwie herein kommen muss. Ist es nicht logisch, dass die Stromproduzenten die Kosten auf den Verbraucher umlegen?

Der Verbraucher soll zahlen. Gern! Aber erst mal die zahlen lassen die Grund allen übels sind.

Bitte erst diejenigen zahlen lassen, die Milliardengewinne jedes Jahr an Spekulanten und Aktionäre ausbezahlt haben, anstatt zu investieren.

Account gelöscht!

24.08.2012, 18:13 Uhr

-- Blödsinn --

Account gelöscht!

24.08.2012, 18:15 Uhr

Schneller Atomausstieg treibt Strompreis in die Höhe
Autor: dpa-AFX | 20.03.2011, 17:14


http://www.wallstreet-online.de/nachricht/3120288-roundup-regierung-schneller-atomausstieg-treibt-strompreis-in-die-hoehe

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