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09.11.2015

15:08 Uhr

Verdi und der Stress am Arbeitsplatz

Schaffst Du deine Arbeit? Oder schafft sie Dich?

VonFrank Specht

Die Gewerkschaft Verdi präsentiert eine neue Umfrage, die die wachsende Belastung am Arbeitsplatz belegen soll. Für die Gewerkschaft ist klar: Mit Entspannungsübungen im Büro ist es nicht länger getan.

Die Gewerkschaft Verdi meint, die Belastungen in vielen Jobs ist zu groß. Imago

Stress im Büro?

Die Gewerkschaft Verdi meint, die Belastungen in vielen Jobs ist zu groß.

BerlinSchaffst Du deine Arbeit? Oder schafft sie Dich? Immer mehr Beschäftigte beantworten die erste Frage mit Nein. Dafür steigen die Zustimmungsraten bei der zweiten Frage an, zumindest, wenn man Verdi glaubt. Im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft haben die Meinungsforscher von TNS Infratest 540 Beschäftigte nach ihrer beruflichen Situation befragt. Mehr als zwei Drittel der Befragten leiden demnach unter hoher Arbeitsbelastung, die in den zurückliegenden Jahren noch zugenommen hat. Die Befragung zeige, dass es bei der Bekämpfung von Stress und Druck in den Betrieben „deutlichen Handlungsbedarf“ gebe, kommentierte Verdi-Chef Frank Bsirske die Ergebnisse der nach seiner Aussage repräsentativen Untersuchung.

Die ganze Woche lang wird die Gewerkschaft im Rahmen der Aktionswoche „Gute Arbeit ohne Druck“ Beschäftigte sensibilisieren und „Gegendruck“ aufbauen. Helfen soll dabei eine kleine Broschüre, in der Verdi über Meilensteine des Arbeitsschutzes informiert, Betriebsräten Handlungsempfehlungen gibt und Beschäftigten Entspannungstipps fürs Büro. Aber damit, so die Gewerkschaft, sei es nicht getan. Denn: 77 Prozent der Befragten wünschten sich verbindliche Regelungen, um Arbeitsbelastung, Stress und Entgrenzung einzudämmen, sagte Bsirske. So gebe es zwar vorbildliche Betriebsvereinbarungen wie beim Autobauer BMW, die ein Recht auf Nichterreichbarkeit festschrieben. Doch mehr als die Hälfte der befragten Beschäftigten könnten sich bisher nicht auf solche Regelungen berufen.

Was in Firmen alles schief läuft

Warten auf die IT-Jungs

„Der Arbeitsplatz einer Kollegin war für ihre neue Aufgabe ungeeignet: Sie musste abwechselnd auf den Tisch und dann 45° nach oben schauen. Dort war ihr Monitor im Regal untergebracht. Also standen alle ratlos ums Regal herum und beklagten sich, dass die IT-Jungs, die für solche Umbauten eigentlich zuständig sind, nicht endlich kommen, um den Monitor umzubauen. Während alle anderen rumstanden und klagten, haben ein Kollege und ich einfach den Monitor aus dem Regal genommen und auf den Tisch gestellt. War deutlich besser als auf die IT-Jungs zu warten. Seltsam, dass sonst keiner auf die Idee kam …“

(Quelle: Klaus Schuster, „Wenn Manager Mist bauen“ )

Mach einfach!

„Das Blöde an ›Mach einfach!‹ ist: Seit alle wissen, dass unsere Abteilung´ einfach mal macht, lösen wir auch die Probleme aller anderen Abteilungen, die gerne jede Verantwortung von sich schieben und sich nur noch Routineaufträge zutrauen.“

Entscheidungen treffen

„Leider trauen sich nur sehr wenige Manager, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen haben den kleinen Haken, dass sie eventuell falsch sein könnten, weshalb viele leider die falsche Entscheidung treffen – nämlich keine.“

Reportings ohne Ende

„Ich kenne Vertriebsorganisationen, bei denen die Account Manager vier Tage die Woche Reports verfassen und folgerichtig nur einen Tag die Woche beim Kunden sind. Desaströs.“

Die geliebte Routine

„Es besteht ein Hang dazu, sich in Routine zu vergraben, um keine unangenehmen Entscheidungen fällen zu müssen.“

Verhalt dich mal ruhig!

„Ich glaube, dass Action Management bei uns nur so lange funktioniert, wie das Unternehmen in Notlage ist. Der Satz ›Verhalt dich mal ruhig!‹ fällt bereits, sobald wir irgendwie eine schwarze Null schreiben.“

Erfolge machen einsam

„Action Management funktioniert bei uns nicht, weil Action Manager Erfolg haben und jeder Erfolg bei uns die Neider auf den Plan ruft. Sie fürchten, dass jeder merkt, dass sie keine solchen Erfolge vorweisen können. Erfolge machen einsam.“

Bloß keine Action

„Action Manager sind oft erfolgreich, aber meist nicht beliebt, weil die anderen sich dann auch schneller bewegen müssen. Schwache Chefs finden den Action Manager auch eher unbequem …“

Weniger Anerkennung

„Action Manager ernten bei uns meist weniger Anerkennung als diejenigen, die sich mehr aufs Schwafeln konzentrieren.“

Sie haben auch ein Beispiel?

Dann schreiben Sie mir: c.groh@vhb.de

Bsirske wünscht sich deshalb zusätzlich eine Antistressverordnung vom Gesetzgeber. Die Politik müsse dafür sorgen, dass bei der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz etwa auch die permanente Erreichbarkeit über das Smartphone angemessen berücksichtigt werde. Allerdings ist Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) schon kurz nach Amtsantritt mit ihrem Vorstoß für eine Antistressverordnung bereits am Widerstand von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gescheitert.

Verdi ist optimistisch, dass ein zweiter Anlauf erfolgversprechender würde. Die Gewerkschaft sieht Handlungsbedarf, weil sich laut TNS Infratest mehr als ein Fünftel der Befragten (22 Prozent) durch ihre Arbeitssituation oftmals überfordert fühlen. Fast sechs von zehn gaben an, für ihren Arbeitgeber auch außerhalb der regulären Arbeitszeit per Mail oder Telefon erreichbar zu sein. 42 Prozent fühlen sich dadurch gestresst. Bsirske verwies auf eine Erhebung der Krankenkasse DAK, der zufolge heute schon knapp 15 Prozent der krankheitsbedingten Fehlzeiten psychische Ursachen haben.

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