Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2015

11:16 Uhr

Verdi-Urabstimmung

Unbefristeter Kita-Streik beginnt am Freitag

VonFrank Specht

An den Kitas in Deutschland soll ab Freitag unbefristet gestreikt werden. Das kündigte Verdi-Chef Frank Bsirske nach einer Urabstimmung an. Rund 93 Prozent der Beschäftigten sprachen sich für den Arbeitskampf aus.

„Achtung! Kita bleibt zu“ – denn ab Freitag streiken die Erzieher. dpa

„Achtung! Kita bleibt zu“ – denn ab Freitag streiken die Erzieher.

BerlinEltern müssen sich ab Freitag deutschlandweit auf unbefristete Streiks in Kindertagesstätten, Behindertenwerkstätten und anderen Erziehungseinrichtungen einstellen. „Es kann nicht angehen, dass für den gekonnten Umgang mit Maschinen deutlich mehr verdient wird als für den gekonnten Umgang mit unseren Kindern“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske am Mittwoch vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Zuvor hatten 93,4 Prozent der Verdi-Mitglieder in einer Urabstimmung für den Ausstand gestimmt. Auch die Erziehungsgewerkschaft GEW und der Beamtenbund rufen ihre Mitglieder zum Streik auf. Das Votum sei ein klarer Beleg, „dass die Beschäftigten nicht länger bereit sind, sich mit schönen Worten abspeisen zu lassen“, sagte der Verdi-Chef.

Die kommunalen Arbeitgeber seien auch nach fünf Verhandlungsrunden nicht zu einer generellen höheren Eingruppierung für 240.000 Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsberufe bereit, die den Beschäftigten im Durchschnitt zehn Prozent und in der Spitze sogar 21 Prozent mehr Geld bringen würde. Stattdessen habe die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) lediglich eine Aufwertung einzelner Gruppen, etwa von Kita-Leitungen, angeboten, die zu Gehaltsverbesserungen zwischen 27 bis 39 Euro im Monat geführt hätte.

Kita-Streik lähmt Eltern: Wir müssen zu Hause bleiben

Kita-Streik lähmt Eltern

Wir müssen zu Hause bleiben

Ab Freitag bleiben die Kindergärten in vielen deutschen Städten wahrscheinlich geschlossen – und das auf unbestimmte Zeit. Viele Eltern sind da sauer. Aber nützt es etwas, die Kita-Gebühren zurückzufordern?

In den Kindertagesstätten seien die Anforderungen aber insgesamt gestiegen, für jedes Kind werde heute etwa ein eigener Bildungsplan erstellt, erläuterte Bsirske. Die Erzieherinnen hätten es mit Kindern von Eltern zu tun, die schon genug Schwierigkeiten mit sich selber hätten. Auf der anderen Seite aber auch mit Eltern, die ihr Kind mit zwei Jahren in der Kita abgeben und erwarten, es mit 18 wieder aus dem Bildungssystem abholen zu können. Diese Spannbreite der Anforderungen müsse sich endlich auch in der Bezahlung widerspiegeln. Der Qualifikationsrahmen entspreche mittlerweile dem Niveau eines Bachelor-Abschlusses, das habe aber beim Gehalt leider keine Entsprechung gefunden.

Fakten zur Betreuung

Was tun, wenn Eltern für ihr Kleinkind leer ausgehen?

Man kann vor dem Verwaltungsgericht (VG) auf einen Platz klagen. Gerade erst hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Eltern geraten, von diesem Klagerecht Gebrauch zu machen. Weil eine Klage vielen aber zu langwierig ist, empfehlen Rechtsanwälte, ein Eilverfahren anzustrengen. So ist die Stadt Köln vor zwei Wochen per Eilentscheid verpflichtet worden, zwei Kleinkindern einen Platz zu verschaffen. So manche Kanzlei scheint ein Geschäft zu wittern und wirbt: „Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!“ Andere Anwälte halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind privat - oft teurer - unterzubringen und die Mehrkosten via Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern.

Können Eltern immer zwischen Kita und Tagesmutter wählen?

Laut Gesetz besteht ein Recht auf Frühförderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Manche Rechtsexperten bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht sagt dagegen, man müsse auch die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Und das wird nach Ansicht des Städtetags definitiv nicht überall der Fall sein. Laut Kölner VG-Eilentscheid ist der Elternwille entscheidend. Die unterlegene Stadt Köln hat aber Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Viele glauben, dass dieses die VG-Entscheidung kassieren wird.

Welche Variante ist denn besser?

Kita und Tagespflege stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Tageseinrichtung und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern bereitstehen. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Gruppengröße und Betreuer-Kind-Schlüssel legen die Länder fest. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Qualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.

Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?

Die umfassende und viel beachtete Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen.

Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu. Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung gelten als nicht förderlich.

In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?

In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Das Angebot soll dem Eltern-Bedarf entsprechen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden.


Was gilt als zumutbar?

Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das überwiegend definiert mit rund einer halben Stunde Zeitaufwand für eine Strecke. Bei speziellen Wünschen wie einer integrativen Gruppe oder Montessori-Pädagogik sind Absagen wohl angesichts geringer Kapazitäten hinzunehmen.

Bsirske erwartet starken gesellschaftlichen Rückhalt für die Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe. Wenn das Bundesfamilienministerium auf seiner Homepage schreibe, dass die frühkindliche Betreuung in Kitas zentral für die weitere Entwicklung eines Kindes sei, dann müsse sich das auch in einer besseren Wertschätzung des Berufsbildes widerspiegeln.

62 Prozent der Jobs in den Kitas seien heute Teilzeitarbeitsplätze „mit eingebautem Zwang zum Zweit- oder Drittjob“, kritisierte Bsirske. Es könne aber nicht sein, dass eine Erzieherin abends noch Putzen oder Kellnern gehe, um über die Runden zu kommen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Heinz Keizer

06.05.2015, 11:12 Uhr

erst setzt man die Mütter (Väter weniger) moralisch unter Druck ihre Kleinstkinder in die Kita abzugeben, weil ja nur eine berufstätige Mutter eine gute Mutter ist. Jetzt werden die Kitas bestreikt und die Eltern können zusehen, wie sie das geregelt bekommen. Die Forderungen richten sich gegen den Staat, also gegen die Steuerzahler. Selbstverständlich sollen Erzieherinnen gerecht (?) entlohnt werden, aber sind die Gehälter im Vergleich zu anderen Berufen wirklich so schlecht? Man wird ja nicht Fussballspieler oder Showmaster als Vergleich nehmen wollen. Bevor es nicht eine Schlichtung gegeben hat, solle im öffentlichen Bereich überhaupt nicht gestreikt werden dürfen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×