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15.04.2012

15:20 Uhr

Verkehrspolitik

Der Radfahrer als neuer Sündenbock im Verkehr

Verkehrsminister Ramsauer sieht eine Verrohung der Sitten bei Radfahrern. Bund und Länder prüfen daher schärfere Strafen. Doch viele Städte sind auf die wachsende Zahl an Radlern gar nicht eingestellt.

Bundesverkehrsminister Ramsauer sieht eine Verrohung der Sitten bei Radfahrern. Bund und Länder prüfen daher schärfere Strafen. dpa

Bundesverkehrsminister Ramsauer sieht eine Verrohung der Sitten bei Radfahrern. Bund und Länder prüfen daher schärfere Strafen.

BerlinDer Tourist aus Ecuador ist überrascht. „Ich dachte, hier herrschen preußische Tugenden“, sagt der Mann aus dem südamerikanischen Land, als er in Berlin an der roten Ampel steht, die Radfahrer aber einfach an ihm vorbeirauschen. „Im Verkehr benehmen sich die Leute ja schlimmer als bei uns“, meint er.

Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat ähnliche Erfahrungen gemacht - er spricht vom Phänomen der Kampfradler. Daher gibt es Rufe nach härteren Strafen - das Problem ist aber auch, dass die Infrastruktur vielerorts auf immer mehr Radler nicht ausgelegt ist.

Bußgelder für Radfahrer

Die „Höchststrafe“ fällt an, wenn…

… ein Bahnübergang trotz geschlossener Schranke überquert wird. 350 Euro Bußgeld sind das Resultat.

Wird eine rote Ampel überfahren …

… und kommt es dadurch zum Unfall, sind 180 Euro zu zahlen. Ist die Ampel länger als eine Sekunde rot, gibt es immer obendrauf noch einen Punkt in Flensburg.

Das Telefonieren …

… auf dem Fahrrad kostet 25 Euro.

Die Nichtbenutzung eines vorhandenen, ausgeschilderten Radwegs …

… und das Fahren gegen die Einbahnstraße schlagen mit jeweils 15 Euro zu Buche.

Die Missachtung des Zebrastreifens …

… kostet 40 Euro.

Freihändig fahren…

… ist günstig zu haben und kostet fünf Euro.

Wer in der Hauptstadt den Verkehr beobachtet, kann die Analyse des Ministers durchaus teilen. Ein Großteil der Radler scheint eine akute Farbenschwäche zu haben, Rot ist gleich Grün.

Hätte die Berliner Polizei das entsprechende Personal, könnten wohl Millionen eingenommen werden. Schließlich müssten eigentlich 100 Euro fürs Weiterfahren bezahlt werden, wenn die Ampel länger als eine Sekunde rot ist. Aber auch Busse und Taxis sind nicht gerade zimperlich, wenn es gilt, Radler abzudrängen - die ruppige Berliner Lebensart schlägt sich auch im Verkehr nieder.

Hinzu kommt das Alkoholproblem, Radler werden erst ab 1,6 Promille belangt. Die Polizei in Münster beschäftigt sich seit langem mit betrunkenen Radfahrern, die plötzlich auf der Straße liegen. 2011 waren 51 Radler, die zu tief ins Glas geschaut hatten, in der Fahrradhochburg an Unfällen beteiligt. 30 hatten mehr als 1,6 Promille. Von acht in den letzten fünf Jahren getöteten Radfahrern waren fünf alkoholisiert.

Bei Unfällen mit Autos hätten zu etwa 50 Prozent die Radfahrer Schuld, sagt Jan Schabacker von der Polizei Münster. Mit mehr Kontrollen und der Drohung mit Führerscheinverlust versucht man das Problem in den Griff zu bekommen.

Kommentare (56)

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lekarl

15.04.2012, 15:37 Uhr

Das entspricht den allgemeinen Leitlinien der Koalition: Stimmung machen gegen Schwächere. Fahrradfahrer, die über einen Bruchteil des Gefährdungspotentials von Autos verfügen, als Urheber von Problemen auszumachen, gleichzeitig den bundesweiten Etat für Fahrradwege drastisch zu reduzieren (so geschehen September 2011) und den Testbetrieb von so genannten "Gigalinern" zu genehmigen, gibt ein stimmiges Gesamtbild von der Fähigkeit dieser Koalition, Probleme zu erkennen und zu lösen: Nämlich null Prozent.

Huskychef

15.04.2012, 15:50 Uhr

Ramsauer versteht es zwar, sich mit populistischen Themen in die Medien zu katapultieren, aber hier hat er recht.
Es nicht die fehlende städtische Infrastruktur, die das Problem Radfahrer begründet, sondern die weit verbreitete Eistellung der Zweiradfahrer, Verkehrsregeln würden für sie nicht gelten und der Autofahrer hätte gefälligst Rücksicht zu nehmen. Studentische Fahradhochburgen wie Karlsruhe und Freiburg sind Plätze des Grauens für Verkehrsteilnehmer. Hier herrscht Anarchie. Rote Ampeln werden ignoriert, schnell und rücksichtslos wechseln Radfahrer zwischen Gehweg und Fahrbahn, Einbahnstraßen (für wen?). In den betreffenden Städten sehen die Verantwortlichen tatenlos zu. Das Abkassieren an Parkuhren klappt dagegen mühelos. Die Polizei zuckt mit den Schultern.

forenfux

15.04.2012, 15:52 Uhr

Dem kann ich mich nur anschließen. Herr Ramsauer fährt selbst sicherlich eher selten mit dem Rad durch die Stadt. Da fällt ihm der Vorstoß sicher leicht. Ich meine gelesen zu haben, dass der neue Punktekatalog Alkohol am Steuer weniger hart bestraft; ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Natürlich soll man auch als Radler nicht über Rot fahren, gerade wenn Kinder in der Nähe sind. Und auch in Fußgängerzonen wird bisweilen etwas schnell gefahren. Aber seien wir doch mal ehrlich und Realist. Als Radler - zumindest ohne Musik im Ohr und Alkohol im Blut - hat man einen deutlich besseren Überblick über das Geschehen an Kreuzungen, und kann das Gefährdungspotenzial seines Verhaltens einschätzen. Wären alle Radler zu einer strikten Beachtung aller Verkehrsregeln gezwungen, so verlöre mit Sicherheit für viele dieses Verkehrsmittel an Attraktivität, und man stiege womöglich aufs Auto um.

Wollen wir das in den Innenstädten wirklich? Und wären diese dann etwa sicherer?

Mehr Augenmaß, Rücksichtnahme und neutrale Betrachtung von allen Seiten würde ich mir wünschen. Ich wundere mich hier in Frankfurt immer sehr über die vielen, wohl bequemen Kurzstreckenpendler, die mit dem Auto unterwegs sind, obwohl es echt gute Alternativen für den Radler gibt.

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