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28.10.2014

19:03 Uhr

Vermächtnisse der DDR

Mauer, Männchen und Matthias Sammer

Viele Produkte und Ost-Marken sind nach dem Mauerfall verschwunden. Andere haben überlebt: Die Simson Schwalbe, Knusperflocken und auch Cabinet-Zigaretten gibt es noch. An diese DDR-Vermächtnisse denken wir gerne zurück.

Knäckebrot ersetzte die teuren West-Cornflakes.

Knäckebrot ersetzte die teuren West-Cornflakes.

DüsseldorfWo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel? Jeder, der am 9. November 1989 schon klaren Verstandes war, wird auf diese Frage eine Antwort geben können. Es war der Tag, an dem die DDR zusammenbrach. Manches, was das Leben im Osten prägte, verschwand im Sog der Wiedervereinigung, andere Produkte und Marken erlebten einen Aufschwung.

Was ist das Ost-Produkt Ihrer Wahl? Diese Frage ist schon schwieriger beantworten. Acht Handelsblatt-Redakteure erzählen, an welches Vermächtnis der DDR sie gerne zurückdenken.

Knusperflocken, die unbekannte Schoko-Spezialität

Als gelernter Westdeutscher kannte ich mich in der DDR nicht besonders gut aus. Allenfalls auf den Transitfahrten nach West-Berlin bekam ich ein wenig Gefühl dafür, was sich im Alltag in Ostdeutschland abspielte. Nach der Wende verbrachte ich fast zwei Jahre in Leipzig – und kam in viel engeren Kontakt zu dem, wofür die DDR einstmals stand. Eine Leckerei habe ich aus dieser Zeit nicht vergessen und bin froh darüber, dass sie noch immer existiert.

Bei einem Stück guter Schokolade kann ich selten nein sagen. Die „Knusperflocken“ aus Zeitz mögen nun kein besonderes kulinarisches Highlight für Gourmets sein, aber sie schmecken einfach. Die DDR war ein vergleichsweise armes Land, also mussten die Unternehmen auch bei süßen Leckereien improvisieren. Und das konnten sie bekanntlich sehr gut.

So verschieden sind Ost und West

Wirtschaft

„Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

Verdienst

Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose

Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

Rente

Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

Vermögen

Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

Kinderwunsch

In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

Kinderbetreuung

In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote

Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik

Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe

Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

Studenten

Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche

Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

Stimmung

Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

Im Westen sind sie schon seit Jahrzehnten bekannt, die „Choco Crossies“ aus dem großen Nestlé-Konzern, mit Schokolade überzogene Cornflakes. Cornflakes gab es in der DDR natürlich nicht, was also nehmen? Die findigen Süßwaren-Tüftler aus dem Osten hatten eine Idee und nahmen statt der teuren West-Cornflakes zerbröseltes Knäckebrot, das es natürlich in der DDR gab. Und das Knäckebrot steht den Cornflakes bis heute in nichts nach.

Westlichen Schleckermäulern, die die süße Spezialität aus Sachsen-Anhalt noch nicht kennen, seien die „Knusperflocken“ einfach einmal zum Probieren empfohlen. Sie schmecken mindestens  so gut wie das teurere Westprodukt und lassen sich jederzeit bei Amazon bestellen. Die „Knusperflocken“ aus einer ländlichen Gegend südlich von Leipzig gibt es also auch 25 Jahre nach der Wende immer noch zu kaufen. Es kann doch keinen besseren Beweis dafür geben, dass das mit Schokolade überzogene Knäckebrot tatsächlich ziemlich lecker schmeckt. 

Stefan Menzel

Kommentare (2)

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Sergio Puntila

28.10.2014, 19:07 Uhr

Ob diesseits oder jenseits der deutschen Mauer.

Überlebt hat allemal der deutsche Untertanengeist.

Seien wir stolz drauf, auch wenn sonst nix überlebt haben sollte.

Herr Fred Meisenkaiser

28.10.2014, 19:46 Uhr

Bei dem ganzen Geschwätz um die Friedliche Revolution bleibt die Kardinalfrage auf der Strecke:

Was bedeutet dieses Ereignis für die heutige Zeit?

Dabei sind Parallelen unübersehbar: Auch heute wird wieder über die Machthaber gesprochen, werden sie still kritisiert, aber als unantastbar erkannt.

Auch heute existiert der Machtapparat als Parallelwelt, fernab der Realität der Untergebenen.

Und auch heute ahnt keiner, dass sich vielleicht alles bald ändert???

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