Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.03.2013

14:23 Uhr

Vermögensverteilung

Tiefe Kluften zwischen arm und reich

VonMaike Freund, Hans Christian Müller-Dröge

Sind die Deutschen generell arm? Oder sind doch die meisten reich? Eine aktuelle Untersuchung der Bundesbank zeigt: Der Abstand ist noch deutlich krasser als der Armutsbericht der Bundesregierung nahelegt.

Die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland ist groß. dpa

Champagner gekühlt

Die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland ist groß.

Düsseldorf/Eltville Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat schon für Aufregung gesorgt – schließlich zeigte er, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich beim Vermögen zuletzt deutlich geöffnet hat. Eine Studie mit neueren Daten, die die Bundesbank heute vorgelegt hat, zeigt jetzt sogar eine noch stärkere Spreizung bei den Vermögen: Demnach besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte 58 Prozent des gesamten deutschen Privatvermögens. Berücksichtigt wird dabei praktisch alles, was als Anlageform dient: Immobilien, Fonds, Lebensversicherungen, Schmuck und vieles mehr. Abgezogen werden jeweils die Schulden.

Die Bundesregierung hatte in ihrem Bericht einen Wert von 53 Prozent gemeldet, der sich allerdings auf Daten aus dem Jahr 2008 bezog. Zwar sind die beiden Studien methodisch nicht exakt vergleichbar, dennoch dürfte eines klar sein: Anders als bei den Einkommen, bei denen sich die Schere zwischen Gut- und Niedrigverdienern zuletzt wieder etwas geschlossen hat, wird die Spreizung beim Vermögen immer größer.

Neben der Bundesbank haben auch alle anderen Zentralbanken im Euro-Raum zuletzt Daten zum Vermögen ihrer Bürger erhoben. Die europaweiten Ergebnisse werden voraussichtlich in der kommenden Woche veröffentlicht, wie ein Sprecher der Europäischen Zentralbank gestern gegenüber dem Handelsblatt bestätigte.

Wie Arbeitnehmer überwacht werden – spektakuläre Beispiele

Januar 2010

Die Ulmer Drogeriemarktkette Müller muss wegen des rechtswidrigen Umgangs mit Gesundheitsdaten von Mitarbeitern 137 500 Euro Strafe zahlen. Das Unternehmen hatte zwischen 2006 und 2009 Beschäftigte nach Krankheitsgründen gefragt und die Daten rechtswidrig in den Personalakten gespeichert.

Oktober 2009

Für Verstöße gegen den Datenschutz im Unternehmen muss die Deutsche Bahn ein Rekordbußgeld von 1,12 Millionen Euro zahlen. Daten von Mitarbeitern waren zwischen 2002 und 2005 systematisch mit denen von Lieferanten abgeglichen worden, um ohne konkreten Anlass Korruption zu bekämpfen.

April 2009

Es wird bekannt, dass der Lebensmitteldiscounter Lidl Informationen über die Krankheiten von Mitarbeitern systematisch registriert hat. Schon 2008 hatte das Unternehmen für Schlagzeilen gesorgt, weil Mitarbeiter mit versteckten Kameras überwacht wurden. Auch Kunden wurden dabei gefilmt. In Protokollen wurde beispielsweise vermerkt, wann eine Mitarbeiterin zur Toilette ging oder Pause machte. Lidl zahlte insgesamt mehr als 1,5 Millionen Euro Bußgeld.

Mai 2008

Die Deutsche Telekom räumt ein, von 2005 bis 2006 seien Telefondaten von Managern und Aufsichtsräten ausgespäht worden. Der Konzern wollte herausfinden, ob Telekom-Mitarbeiter vertrauliche Informationen an Journalisten weitergegeben haben. Insgesamt sollen etwa 50 Personen bespitzelt worden sein. Das Unternehmen hatte den Fall 2008 mit einer Anzeige selbst ins Rollen gebracht. Quelle: dpa

Die Bundesbank-Studie, für die rund 3.500 Haushalte befragt wurden, zeigt: Im Durchschnitt verfügen die Deutschen über ein Vermögen in Höhe von 195.000 Euro. Fast drei von vier Haushalten liegen allerdings unter dieser Marke. Der Medianwert, also derjenige Haushalt, der genau reicher ist als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, aber ärmer als die obere Hälfte, verfügt lediglich über ein Vermögen von gut 51.000 Euro. Die ärmsten sieben Prozent haben sogar ein negatives Nettovermögen – also mehr Schulden als Vermögen. Oben nimmt das Vermögen dann allerdings schnell zu: So besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung mindestens 442.000 Euro, das reichste Hundertstel dann mindestens 1,9 Millionen Euro. Es sind vor allem die älteren, die Vermögen zur Verfügung haben – nicht verwunderlich, denn sie hatten Zeit, um Vermögen anzusammeln.

Kommentar: Hohe Einkommen müssen stärker besteuert werden

Kommentar

Hohe Einkommen müssen stärker besteuert werden

Die neuen Zahlen der Bundesbank zeigen: Top-Löhne und hohe Kapitaleinkommen müssen stärker besteuert werden. Von einer Vermögensteuer sollte der Staat hingegen die Finger lassen – aus Gründen der Verlässlichkeit.

Kommentare (75)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

ganzewahrheit

21.03.2013, 14:28 Uhr

Es ist einem (gut ausgebildeten, gut verdiendenden) Arbeitnehmer bei der Belastung an Steuern und Sozialabgaben auch kaum möglich, vermögend zu werden, es sei denn, er verzichtet massiv auf Konsum (auch eine Form der Entreicherung) und/oder Nachwuchs. Daher sind die Steuern FÜR ALLE BÜRGER zu hoch. Dass der Staat ärmer wird, liegt vermutlich daran, dass er das Geld seiner Bürger trotz Rekordsteuereinnahmen in 2012/2013 massiv verschwendet (Nürb.ring, Elbphilh., Flughafen Berlin, "EUR-Rettung"). Steuern runter für alle! Stabile Währung mit vernünftiger Verzinsung (d.h. kein EUR in jetziger Form). Dann wäre der Wohlstand im Land ein besserer für alle. In der Darstellung des HB fehlt zudem eine Aufgliederung nach Ausbildungsstand und Herkunft. Es ist ein Unterschied, ob ein ausgebildeter (Meister, Facharbeiter oder Akademiker) nicht mehr zu Wohlstand kommt oder ein ungelernter Arbeiter. Das ist nicht dargestellt, damit wäre eine Empörung über eine "ungerechte bzw. ungleiche" Einkommensverteilung unsachlich. Denn wer wenig(er) kann, der bekommt auch gerechterweise weniger, als einer, der "mehr" kann. Das muss untersucht/dargestellt werden.

aktionaer

21.03.2013, 14:28 Uhr

Bundesbank: Deutsche viel ärmer als Italiener und Spanier
Bewerten
(0)

Von Christian Grimm

Die Haushalte in den Euro-Krisenländern Italien und Spanien sind wesentlich reicher als die Deutschlands. Und auch die Franzosen verfügen über deutlich mehr Vermögen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Deutschen Bundesbank. Demnach besitzt der durchschnittliche deutsche Haushalt ein Nettovermögen von 51.400 Euro.

In Spanien sind es mit 178.300 Euro mehr als drei Mal so viel, in Italien sieht es mit 163.900 ähnlich aus. Die Franzosen haben mit 113.500 Euro immer noch mehr als das Doppelte als die Deutschen. Damit können die Menschen in den von hohen Schulden und fehlendem Wirtschaftswachstum geplagten Ländern den Sparkurs ihrer Regierungen zumindest teilweise verkraften. Zum Nettovermögen zählen zum Beispiel Immobilien, Wertpapiere, Lebensversicherungen und Bankguthaben.

Hauptgrund für den großen Unterschied zwischen den Ländern ist der Besitz von Häusern und Wohnungen. Während Deutschland eher ein Land der Mieter ist, leben Franzosen, Italiener und Spanier viel häufiger in den eigenen vier Ländern. Nur 44 Prozent der deutschen Haushalte sind Eigentümer von Wohnungen oder Häusern, während es in Spanien knapp doppelt so viele sind. Im Vergleich zu den anderen Euro-Schwergewichten sind die Mieten hierzulande immer noch geringer, so dass es weniger attraktiv ist, einen hohen Immobilienkredit abzuzahlen.

HugoControllo

21.03.2013, 14:36 Uhr

Dass man mit 661.000 Euro (oberste 5%) Haushaltsvermögen reich sein soll scheint mir doch stark übertrieben zu sein. Das ist ein besseres Existenzminimum, aber kein Reichtum. Diese ganze Reichtumsrhetorik in Deutschland läuft total schief, Normalbesitzende und -Verdienende werden als reich bezeichnet, nur weil die anderen noch weniger haben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×