Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.07.2014

00:38 Uhr

„Vernünftiges Risikomanagement“

Ruf nach Konsequenzen aus Primark-Skandal

In Kleidung eingenähte Zettel mit vermeintlichen Hilferufen von Arbeitern haben einen Sturm der Entrüstung gegen die Billig-Modekette Primark entfacht. Ein Menschenrechtler sieht weitere Firmen im Zwielicht.

Die Tüten von Primark dominieren die Innenstädte. Doch hinter der billigen Mode stecken oft niedrige Löhne und widrige Arbeitsbedingungen, wie Etiketten in einigen Kleidungsstücken vermuten lassen. dpa

Die Tüten von Primark dominieren die Innenstädte. Doch hinter der billigen Mode stecken oft niedrige Löhne und widrige Arbeitsbedingungen, wie Etiketten in einigen Kleidungsstücken vermuten lassen.

BerlinNachdem die britische Billigmodekette Primark erneut wegen der Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ihrer Produkte in die Kritik geraten ist, fordert der frühere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Lönung, Konsequenzen. „Das Beispiel Primark zeigt, welche Abgründe sich in globalen Wertschöpfungsketten auftun können. Alle Unternehmen mit weltweiten Zulieferern sollten die Berichte über Menschenrechtsverletzungen bei Lieferanten sehr ernst nehmen“, sagte Löning Handelsblatt Online. Das betreffe nicht nur den Textilsektor. „Kinderarbeit bei der Kakaoernte in West-Afrika, Sklavenarbeit beim Garnelenfang in Thailand, erbärmliche Bedingungen in Bergwerken - viele Branchen sind betroffen.“

Löning sieht die Unternehmen in der Pflicht auf diese Entwicklung zu reagieren. „Ein vernünftiges Risikomanagement schaut sich die Lieferkette an bevor es zu solch einer Reputationskrise (wie bei Primark) kommt“, sagte der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete. „Jeder Bericht über schlechte Arbeitsbedingungen oder andere Menschenrechtsverletzungen beschädigt mühevoll aufgebaute Markenwerte.“ Die Verbraucher erwarteten immer stärker verantwortungsvolles, nachhaltiges Handeln von den Firmen, bei denen sie einkaufen. „Gleichzeitig steigen auch die Transparenzanforderungen von institutionellen Anlegern und Firmenkunden“, fügte Löning hinzu. „Die gerade erweiterte EU-Bilanzrichtlinie schreibt ebenfalls neue Berichtspflichten in Bezug auf Arbeitsbedingungen in der Lieferkette fest.“ Auch von dieser Seite werde der Druck weiter zunehmen.

Warum Primark so erfolgreich ist

Masseneinkauf

Primark kauft seine Kleidungsstücke in sehr hohen Stückzahlen und nur in gängigen Größen ein. Das bringt Mengenrabatte.

Verzicht auf Marge

T-Shirts für 2,50 Euro und die Jeans für 8 Euro: Um die Kunden in den Laden zu locken, setzt Primark auf Kampfpreise. Das Motto: „Look good, pay less“. Konsequent versuchen die Iren, die Konkurrenten von H&M oder Zara zu unterbieten, und dennoch modisch aktuell zu sein. Damit verbindet Primark Eigenschaften der Premiumkonkurrenz mit Discountern wie Kik oder Takko.

Schlanke Organisation

Das Unternehmen versucht, unnötigen Verwaltungsaufwand zu sparen. Es gibt wenige Hierarchiestufen und die Manager organisieren vieles selbst, wofür andere Unternehmen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Der Chef für Deutschland und Österreich, Wolfgang Krogmann, hat keine Sekretärin. Auf Werbung verzichtet das Unternehmen weitestgehend – abgesehen von Plakatwerbung vor der Neueröffnung von Filialen.

Erfolgreiches Nicht-Marketing

Trotz eines quasi nicht vorhandenen Werbebudgets wird über Primark gesprochen: Vor allem im Internet, in den sozialen Netzwerken und auf Youtube. Durch den hohen Faktor der Mund-zu-Mund-Propaganda verschafft sich Primark Coolness, auch ohne Hochglanzplakate.

Löning beschäftigte sich seit seinem Ausscheiden aus der Bundesregierung im Herbst vergangenen Jahres schwerpunktmäßig mit dem Thema „Menschenrechte und Wirtschaft“. Dazu hat er ein Experten-Netzwerk aufgebaut – mit den Schwerpunkten Unternehmensberatung, Entwicklungsarbeit, Menschenrechtsorganisationen und Kommunikation.

Auch aus Sicht der Mitarbeiter sei es „außerordentlich wichtig, dass die eigene Firma sich verantwortlich verhält“, betonte Löning. „Wer möchte schon für eine Firma arbeiten, die Menschen in Gefängnissen ausbeutet oder zu Hungerlöhnen arbeiten lässt?“ Sowohl bei der Motivation der eigenen Angestellten als auch beim Recruiting hätten Unternehmen, die verantwortungsvoll und nachhaltig arbeiteten, „klare Vorteile“, ist der Menschenrechtler überzeugt. „Niemand möchte schlechte Arbeitsbedingungen, Ausbeutung oder Sklavenarbeit in seiner Lieferkette.“ Aber um das sicher zu stellen müssten Unternehmen genau hinschauen. „Die Hoffnung, dass alles schon in Ordnung sein wird, ist zu wenig“, sagte Löning. „Gerade bei den komplexen, globalisierten Wertschöpfungsketten von denen deutsche Unternehmen heute profitieren gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×