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21.03.2017

19:40 Uhr

Versorgung in Gefahr?

Diabetes-Gesellschaft schlägt Alarm

VonAndreas Neuhaus

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft sieht die Versorgung von Diabetikern in Gefahr und wünscht sich Änderungen im Gesundheitssystem. Würden diese umgesetzt, wären aber nicht unbedingt die Patienten die größten Profiteure.

Nach Angaben der DDG sind in Deutschland 6,7 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jährlich werden es etwa 300.000 Patienten mehr. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von etwa zwei Millionen Menschen. dpa

Diabetes

Nach Angaben der DDG sind in Deutschland 6,7 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jährlich werden es etwa 300.000 Patienten mehr. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von etwa zwei Millionen Menschen.

BerlinAn diesem Dienstagabend lädt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) zu ihrem Jahresempfang. Das Ambiente in den Räumen der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft ist exklusiv: Kronleuchter, Marmor, Kassettendecken – das gut 100 Jahre alte Haus wurde zur Jahrtausendwende aufwendig renoviert. Nur die Stimmung, die könnte gedrückt sein. Denn die DDG schlägt Alarm: Sie befürchtet, dass die „gute Versorgung von Diabetikern“ dem Rotstift zum Opfer fällt. Eine These, die unter Experten allerdings auch Widerspruch hervorruft.

Diabetes ist eine Volkskrankheit. Nach Angaben der DDG sind in Deutschland 6,7 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jährlich werden es etwa 300.000 Patienten mehr. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von etwa zwei Millionen Menschen. Für die Pharma-Industrie bedeutet das ein fettes Geschäft, für die Krankenhäuser und -kassen ist Diabetes ein Kostentreiber: Patienten mit Zuckerkrankheit kosten Deutschland nach Expertenberechnungen jährlich 33 Milliarden Euro.

Zucker – der süße Energielieferant

Kohlenhydrat

Zucker ist ein Kohlenhydrat und hat einen hohen Kaloriengehalt. Der Energielieferant kommt in der Natur in verschiedenen Formen vor.

Quelle: dpa/zentrum-der-gesundheit.de

Haushaltszucker

Der Haushaltszucker (Saccarose) wird hauptsächlich aus Zuckerrohr und wie in Deutschland aus Zuckerrüben gewonnen.

Zucker hat viele Namen (1)

Es gibt verschiedene Sorten wie Kristallzucker, Puderzucker, Würfelzucker oder Kandis. In westlichen Gesellschaften ist der Konsum von raffiniertem Zucker zur täglichen Sucht geworden.

Zucker hat viele Namen (2)

Der Zuckergehalt eines Produktes wird häufig absichtlich vor dem Konsumenten „versteckt“. In der Zutatenliste des Etiketts wird der Zucker nämlich nicht unbedingt auch als solcher deklariert. Da steht vielleicht Saccharose oder Glukosesirup (als billiger Ersatz für Haushaltszucker, der nicht minder gefährlich ist).

Zucker hat viele Namen (3)

Oft enthalten Produkte auch reinen Traubenzucker (Glucose), Fruchtzucker (Fructose), Milchzucker (Laktose) oder Malzzucker (Maltose). Bei all diesen Zuckerarten handelt es sich um raffinierte Industriezucker – ganz egal, ob sie nun aus der Milch oder aus Früchten gewonnen wurden.

Fruchtzucker

Fruchtzucker, auch Fruktose genannt, klingt gesünder, hat aber keinen geringeren Energiegehalt als Kristallzucker. So müssen Diabetiker den Fruchtzucker wie normalen Zucker berechnen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass ein Übermaß an Fruktose in der Ernährung die Entwicklung von Fettleibigkeit begünstigt.

Künstliche Süßstoffe

Aspartam ist ein bekannter Süßstoff, der synthetisch hergestellt wird. Er ist in Softdrinks und Kaugummi weit verbreitet. Es gibt immer wieder Debatten, ob künstliche Süßstoffe gesundheitsgefährdend sind. Aspartam wurde in Deutschland 1990 zugelassen, die erlaubte Tagesdosis beträgt 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Natürliche Süßstoffe (Stevia)

Das zerkleinerte Stevia-Blatt ist 30-mal süßer als Kristallzucker. Wird der Süßstoff aus dem Blatt isoliert, erhält man den Süßstoff Steviosid, der 250- bis 300-mal süßer als Zucker ist. Ein weiterer Stoff, der aus der Pflanze gewonnen werden kann, ist das Rebaudiosid-A – 300- bis 450-mal süßer als Zucker.

Gesundheitsrisiko

Heute wird darüber diskutiert, ob Zucker ein Gesundheitsrisiko ist. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker ist in Deutschland und den USA mit mehr als 30 Kilogramm jährlich ähnlich hoch.

Maissirup

Die Amerikaner konsumieren aber mehr Maissirup, der häufig in Softdrinks verwendet wird. Er trägt möglicherweise zu Fettleibigkeit und einigen Erkrankungen bei.

Um diese Kosten wird gerungen. „Schleichend und leise“ würden Krankenhäuser geschlossen und Betten der diabetologischen Fachabteilung abgebaut, berichtet der ehemalige DDG-Vorstandsmitglied Erhard Siegel auf der Jahrespressekonferenz der Fachgesellschaft. Er ist Chefarzt für Innere Medizin in Heidelberg und weiß: „Kliniken machen mit internistischen und diabetologisch-multimorbiden Patienten nicht ausreichend Gewinn.“

Als Beispiel nennt Siegel einen Patienten, der infolge eines diabetischen Fußes mit einem entzündeten Zeh ins Krankenhaus komme. Würde dieser mit Antibiotika behandelt und dem Patienten Bettruhe verordnet, könnte das Krankenhaus für den gut dreiwöchigen Aufenthalt bestenfalls 3.000 Euro abrechnen. Würde der Zeh amputiert und der Patient nach fünf Tagen entlassen, gäbe es 6.000 Euro.

Hintergrund ist die Abrechnung der Kosten über Fallpauschalen. Diese wurden 2004 verbindlich eingeführt, damit die erbrachte Leistung und nicht die Verweildauer im Krankenhaus honoriert wird. Technische Leistungen wie chirurgische und interventionelle Eingriffe sind dadurch lukrativ und werden entsprechend vergütet, die sogenannte sprechende Medizin (also die Kommunikation mit dem Patienten) nicht. Von der lebt allerdings die Diabetologie. Siegel machte den Krankenhäusern keinen Vorwurf. „Krankenhäuser sind mittlerweile Unternehmen geworden und müssen auch so denken“, sagt Siegel. Die sprechende Medizin müsse deshalb im Fallpauschalen-System adäquat abgebildet werden.

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Die Forderung nach höheren Fallpauschalen für die Behandlung von Diabetes ruft allerdings auch Verwunderung hervor. „Das wäre aus meiner Sicht ein Schritt zurück, weil wir eine flächendeckende ambulante Versorgung haben“, erklärt der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. Eigentlich sollen Diabetes-Patienten ambulant so behandelt und eingestellt werden, dass mögliche Folgeerkrankungen gar nicht auftreten. „Zugespitzt heißt das: In vielen Fällen landen die Patienten im Krankenhaus, weil die ambulante Versorgung nicht funktioniert hat“, erklärt Glaeske. Das Ziel müsse demnach sein, die ambulante Versorgung so zu verbessern, dass noch mehr Betten im diabetologischen Fachbereich abgebaut werden könnten.

Allerdings sieht der DDG auch in einem weiteren Feld Handlungsbedarf: beim Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (Amnog). Dieses sollte die rasant steigenden Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen eindämmen. Seit der Einführung im Januar 2011 müssen Pharma-Hersteller den Zusatznutzen eines neuen Produktes nachweisen, den der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bewertet. Auf dieser Basis verhandeln Hersteller und Spitzenverband im ersten Jahr nach dem Markteintritt über den Preis.

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