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12.09.2014

17:51 Uhr

Versorgungssicherheit

Bayern fordert nationale Gasreserve

EU-Staaten melden, dass weniger Gas aus Russland nach Westen geliefert werde. Die bayerische Staatsregierung sieht die deutsche Energiesicherheit bedroht – und macht sich erneut für eine nationale Gasreserve stark.

Bayern hatte bereits im Juli eine Initiative in den Bundesrat eingebracht, die eine nationale Erdgasreserve vorsieht. Reuters

Bayern hatte bereits im Juli eine Initiative in den Bundesrat eingebracht, die eine nationale Erdgasreserve vorsieht.

BerlinNach dem Verkauf der Gasspeicher der früheren RWE -Tochter Dea an internationale Investoren dringt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) auf den Aufbau einer nationalen Gasreserve. „Das aktuelle Szenario zeigt, dass wir dringend Mechanismen schaffen müssen, um mögliche Lieferausfälle zumindest vorübergehend zu kompensieren“, sagte Aigner am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters.

Bayern hatte bereits im Juli eine Initiative in den Bundesrat eingebracht, die eine nationale Erdgasreserve vorsieht. Die Bundesregierung hatte daraufhin eine Prüfung zugesagt. Bayern fordert, dass die Gasreserve den Verbrauch in Deutschland mindestens für 45 Tage decken soll. In den vergangenen Tagen hatten etliche EU-Staaten gemeldet, dass weniger Gas als sonst aus Russland nach Westen geliefert werde.

Die Bundesregierung hatte Ende August die Zustimmung für den Verkauf des Öl- und Gas-Unternehmens Dea an eine Investorengruppe um den russischen Oligarchen Michail Fridman gegeben. Dea mit Sitz in Hamburg hält Anteile an rund 190 Öl- und Gaslizenzen in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika.

Auch der Hinweis auf die derzeit gut gefüllten Gasspeicher in Deutschland sieht Aigner nicht als Grund zur Entwarnung. „Selbst wenn Deutschlands Speicher derzeit ausreichend befüllt sind, können wir nicht weitere Zeit verstreichen lassen“, sagte die Wirtschaftsministerin mit Blick auf die unklare weitere Entwicklung des Verhältnisses zu Russland. „Für eine sichere Versorgung mit Gas ist eine vorausschauende Politik nötig. Dass weiterhin die Gashändler allein entscheiden, ob sie Gasvorräte anlegen oder nicht, kann nicht im Interesse der gesamten deutschen Wirtschaft sein.“

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Zudem hält die CSU-Politikerin auch die geltende Rechtslage in Deutschland nicht für ausreichend, nach der der Staat bei Versorgungsstörungen die dann noch vorhandenen Energiemengen bewirtschaften kann. „Allerdings läuft diese Regelung ins Leere, wenn nicht gleichzeitig sichergestellt wird, dass die strategischen Vorräte ausreichen“, warnte Aigner. „Bundeswirtschaftsminister Gabriel muss jetzt dringend Krisenvorsorge treffen.“

Zugleich übte Aigner indirekt Kritik daran, dass das Bundeswirtschaftsministerium keinen Einwand gegen den Verkauf von Dea erhoben hatte. „Wir können nicht ausschließen, dass ein solches Unternehmen in Zukunft der Einflussnahme anderer Staaten ausgesetzt ist“, kritisierte sie.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Herr Manfred Zimmer

12.09.2014, 18:06 Uhr

Das hat zwei Seiten.

Erstens ist es kein Problem, die Heizungen werden nicht ausfallen.

Zweitens wird es ein Riesengeschäft für die Versorger.

Es ist eine lang in der Praxis erprobte Variante. Lässt der Gasdruck nach, fallen die Heizungsanlagen aus. Damit das nicht passiert wird der Druck durch Einspeisung von Luft erhöht. Da diese Luft bekanntlich keinen Heizwert ergibt, rasen die Gaszähler um doch noch etwas Wärme zu produzieren.

Die Gewinne der Gasversorger schießen durch die Decke.

Warten wir ab was passiert und wieviel heiße Luft im anstehenden Winter verkauft wird.

Herr Ronald Bernard

12.09.2014, 18:14 Uhr

Aha, die Chaoten machen sich bemerkbar.

Mal schaun welche Vorschläge noch kommen. Vielleicht dickere Pullover anziehen?

Herr Peter Spiegel

12.09.2014, 19:35 Uhr

Gasspeicher haben wir doch, ich kann mich nur noch wundern.

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