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01.03.2006

15:25 Uhr

Vizekanzler Müntefering

Der Geheimstratege

VonKarl Doemens

Eigentlich hätte er längst aufhören können. Das offizielle Rentenalter hat er schon vor einem Jahr erreicht. Kurz darauf hat der Körper dem Zigarilloraucher ein ernstes Warnsignal geschickt: Kreislaufkollaps.

Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD): Große Koalition als 'List der Demokratie'. Foto: dpa

Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD): Große Koalition als 'List der Demokratie'. Foto: dpa

BERLIN. Über Nacht verlor der Workaholic wenig später seinen Traumjob, der ihm „fast so schön“ wie das Papst-Amt erschien. Am Ende dieser Legislaturperiode wird Franz Müntefering 69 Jahre alt sein. So lange muss nach dem Willen des Sozialministers selbst in fernster Zukunft niemand in Deutschland arbeiten – wenn er nicht will.

Aber Franz Müntefering will. Unbedingt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit hat sich der spröde Sauerländer, der lange als Prototyp des sozialdemokratischen Parteisoldaten galt, in seiner neuen Rolle als Vizekanzler zurechtgefunden. „Man muss jetzt springen. Wir müssen den Mut haben, in diese große Koalition zu gehen und zu überzeugen“, hat er auf dem Karlsruher SPD-Parteitag im vergangenen November vom Rednerpult aus gefordert. Kurz darauf muss er, gestützt durch ein überwältigendes Votum der Delegierten, den alten „Münte“ beerdigt haben, der kapitalistische Heuschrecken jagte und gegen die „Merkel-Steuer“ wetterte.

Seit diesem Tag regiert der neue Franz Müntefering „auf Augenhöhe“ mit Merkel. Nicht nur persönlich haben die beiden Politiker einen Draht zueinander gefunden. Auch politisch fühlen sich beide dem schwarz-roten Bündnis gleichermaßen verpflichtet. Schon bei den Koalitionsverhandlungen traf Münteferings Arbeitsgruppe vor allen anderen die ersten konkreten Absprachen. Als Minister arbeitet der Sozialdemokrat in ähnlichem Tempo weiter: Steuerimpulse für das Handwerk, Kürzungen bei den jugendlichen Langzeitarbeitslosen und Anhebung des Rentenalters bilden nur den Auftakt. Bis zur Sommerpause will er ein Programm für bessere Chancen älterer Arbeitnehmer vorlegen und danach einen Masterplan für die Reform des Niedriglohnsektors. „Wir haben keine Zeit zu verplempern“, mahnt Müntefering.

In Windeseile hat sich der ehemalige SPD-Chef mit seiner Eulen-Sammlung im provisorischen Büro in der Berliner Mohrenstraße eingerichtet. Nicht eben zur Freude seiner Ministerkollegin Ulla Schmidt hat er große Stücke aus dem Apparat des alten Gesundheitsministeriums herausgebrochen und eine Gruppe enger Vertrauter um sich geschart. Unter der Regie von Staatssekretär Kajo Wasserhövel, den Müntefering einst zum SPD-Generalsekretär machen wollte, ist der frühere Amtssitz der Patientenbeauftragten zur Kommandozentrale für den sozialdemokratischen Teil der schwarz-roten Regierung mutiert.

Müntefering sieht die große Koalition als ungeplante „List der Demokratie“, mit deren Hilfe politische Blockaden und „Meckeritis“ in Deutschland überwunden werden können. Diese Chance will er nutzen. „Wir müssen vier erfolgreiche Jahre hinkriegen“, warb er kürzlich bei der SPD-Fraktion. Für „Psychologisiererei“ und „Kikifax“ ist nach seiner Überzeugung keine Zeit. Einigen Genossen, die sich in Interviews um das eigenständige Profil der SPD gesorgt hatten, attestierte der Freund kurzer Sätze im Parteivorstand kurzerhand „Kreisklasse“-Niveau.

Kaum etwas hasst Müntefering so wie Indiskretionen und Geschwätzigkeit. „Politik ist Organisation“, lautet seine Überzeugung. Effizient und lautlos will er den Erfolg von Schwarz-Rot organisieren. Über Strategie zu reden, findet er lächerlich: „Strategie macht man.“ Nicht nur die Vorliebe für grünen Tee teilt Müntefering mit der Kanzlerin: Als wichtige Gemeinsamkeit stellt er heraus, „dass wir beide, wenn wir Stillschweigen vereinbart haben, auch den Mund halten können“.

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