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26.09.2015

09:00 Uhr

Volkswirte zu Flüchtlingen

Die Zeiten sinkender Arbeitslosigkeit gehen zu Ende

Jahrelang zeigte sich der deutsche Arbeitsmarkt krisenresistent. Damit dürfte es 2016 erst einmal vorbei sein. Die große Zahl von Flüchtlingen dürfte auch auf dem Arbeitsmarkt ihre Spuren hinterlassen, erwarten Ökonomen.

Für das kommende Jahr rechnen die meisten Volkswirte mit leicht steigenden Arbeitslosenzahlen und führen dies vor allem auf den starken Zustrom von Flüchtlingen zurück. dpa

Flüchtlinge im Flensburger Bahnhof

Für das kommende Jahr rechnen die meisten Volkswirte mit leicht steigenden Arbeitslosenzahlen und führen dies vor allem auf den starken Zustrom von Flüchtlingen zurück.

NürnbergDie Zeiten stagnierender oder sogar sinkender Arbeitslosigkeit in Deutschland gehen nach Einschätzung von Volkswirten allmählich zu Ende. Zwar zeichne sich bis zum Jahresende noch eine stabile Arbeitsmarktlage ab. Für das kommende Jahr rechnen die meisten von ihnen aber mit leicht steigenden Arbeitslosenzahlen, berichteten die Volkswirte deutscher Großbanken in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die Fachleute führen dies vor allem auf den starken Zustrom von Flüchtlingen zurück. Auch der Abgas-Skandal könnte den Arbeitsmarkt treffen, meinen einzelne Volkswirte.

Nach Einschätzung von Allianz-Volkswirt Rolf Schneider dürften wegen der starken Binnennachfrage zwar weiterhin neue Arbeitsplätze entstehen. Dem stehe aber eine ungleich größere Zahl von Zuwanderern gegenüber. Neben Asylbewerbern werden aus seiner Ansicht auch verstärkt EU-Bürger aus Südosteuropa in Deutschland ihr Glück suchen. Wie stark die hohe Migrantenzahl in der Arbeitslosenstatistik ihren Niederschlag findet, hängt nach Auffassung der Volkswirte auch von der Dauer der Asylverfahren ab. Prognosen für 2016 seien daher schwierig.

Bayern-LB-Volkswirt Stefan Kipar sieht auch in der Abgas-Affäre ein gewisses Risiko für den deutschen Arbeitsmarkt. „Da hängt ein Haufen Jobs dran. Denn ich gehe davon aus, dass die vom Autoabsatz abhängigen deutschen Autozulieferer jetzt erst mal mit der Einstellung neuer Arbeitskräfte warten werden“, schätzt Kipar. Die Konjunkturprobleme in China bereiten ihm dagegen weniger Sorgen. „Bisher hat sich die Konjunkturschwäche in China nicht in einer schlechteren Auftragslage der deutschen Industrie niedergeschlagen.“

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

In der Summe hat das die meisten Volkswirte der großen deutschen Geldhäuser dennoch dazu bewogen ihre Arbeitsmarktprognosen für 2015 nach oben zu korrigieren. Statt mit einem Rückgang er Arbeitslosigkeit von 100 bis 110.000 erwarten einige im Schnitt nur noch einen Rückgang von rund 90.000 im Vergleich zu 2014. Für 2016 veranschlagen sie dagegen einen Anstieg der Erwerbslosenzahlen zwischen 70.000 und 100.000. Lediglich Michael Holstein von der DZ-Bank geht davon aus, dass die jahresdurchschnittliche Arbeitslosigkeit 2016 unverändert bei 2,8 Millionen liegen wird.

Für den September erwarten die befragten Volkswirte saisonbedingt einen stärkeren Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Mit rund 2,7 Millionen werde sie um rund 100.000 unter dem Vormonatsniveau liegen, berichteten sie unter Berufung auf eigene Berechnungen. Dies wären 110.000 weniger als vor einem Jahr. Der starke Rückgang geht nach ihren Einschätzung vor allem auf das Konto des Herbstaufschwungs zurück. Nach den Sommerferien stellten viele Firmen wieder verstärkt Arbeitskräfte ein. Auch Ausbildungsabsolventen fänden nach vorübergehender Arbeitslosigkeit einen Job. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen will die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch (30. September) veröffentlichen.

Von

dpa

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