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30.08.2015

20:41 Uhr

Von Syrien nach Sylt

Asyl auf der Promi-Insel

Sie haben ihr ganzes Hab und Gut verkauft, um dem Terror zu entfliehen. Nun leben sie einer Touristenhochburg. Flüchtlinge auf Sylt müssen sich in einer völlig anderen Welt zurechtfinden. Dabei helfen ihnen Einheimische.

Die syrischen Flüchtlinge Basem Ibrahim, seine Frau Rita Mahran und ihr gemeinsamer Sohn John sind am Strand von Westerland auf Sylt (Schleswig-Holstein) angekommen. dpa

Flüchtlinge auf Sylt

Die syrischen Flüchtlinge Basem Ibrahim, seine Frau Rita Mahran und ihr gemeinsamer Sohn John sind am Strand von Westerland auf Sylt (Schleswig-Holstein) angekommen.

SyltVor fünf Jahren hatte die Familie von Basem Ibrahim noch 90 Mitglieder, die alle in ihrem Heimatland lebten. Inzwischen harren noch 25 in dem von Bürgerkrieg und islamistischem Terror geschundenen Syrien aus. Ibrahim, ein 37 Jahre alter Sportlehrer aus Hasaka, hat es geschafft und sich, seine Frau und seinen Sohn in Sicherheit gebracht. Jetzt leben sie auf Sylt, und in der milden Sommerabendsonne erzählen sie Geschichten aus einer anderen Welt.

Einer Welt, in der Kinder auf der Straße gefragt werden, ob sie Christen oder Muslime sind, und denen bei der „falschen“ Antwort das Messer in den Leib gestoßen wird. Eine Welt, in der Häuser zerstört werden, weil sie Christen gehören. In der Christinnen als Sklavinnen in Aleppo verkauft werden und herzkranke Christen für eine Operation konvertieren sollen, weil der Arzt nur Muslime behandelt. Ibrahim und seine Frau Rita Mahran sind Christen. 18.000 Euro hat den Lehrer die Flucht gekostet.

Wie Menschen in Deutschland Flüchtlingen helfen

Einwohner

Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.

Fahrräder

Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.

Fußballverein

Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.

Garten

In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.

Hilfe beim Einkauf

Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.

Internet

Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.

Online Challenge

Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.

Patenschaften

Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.

Sporttraining

Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.

Theater

Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.

Umweltbelastung

Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.

WG-Börse für Flüchtlinge

Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.

Wissenschaft

Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.

Zuhause

Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.

Zuwanderung

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).

„Auto verkauft, Haus verkauft, alles verkauft“, sagt er auf Deutsch. „Ich habe 20 Jahre gearbeitet, in fünf Minuten – alles weg.“ Zu Fuß ging es von Syrien in die Türkei, mit dem Schiff nach Griechenland und mit dem Flugzeug nach Berlin. Seit Anfang 2015 leben sie mit ihrem fünfjährigen Sohn auf Sylt. Betreut werden sie von „Onkel“ Joachim Leber und dessen Frau, „Mama“ Leah Leber. Die Mitglieder des Vereins Integrationshilfe Sylt stehen der Familie bei, bringen ihnen Deutsch bei, sind Motivatoren und Familienersatz. „Deutschland ist auch geholfen worden“ nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Joachim Leber. „Da hat auch keiner gefragt, was kostet das.“

Und Sylt, ergänzt seine Frau, sei wirklich nicht nur die Insel der Reichen und Schönen. „Die Reichen kriegen Sie schon lange nicht mehr zu sehen.“ Das Klischee mache die Insel eher billig. Die Auswirkungen des Inselbooms hat aber auch Ibrahim schon bemerkt: „Sylt ist teuer“, sagt er, und rechnet vor, dass eine Praktikantin für ein Zimmer 500 Euro bezahle. Einst hatte die Familie ihr eigenes Haus, mit Marmor an den Wänden, erzählt Leah Leber. Auf Sylt wohnen sie in einer ehemaligen Obdachlosen-Unterkunft. „In Not geratene Menschen kommen zu uns, nicht, um sich zu verbessern. Es geht darum, dass sie ihr Leben retten“, sagt Joachim Leber.

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