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06.03.2013

16:49 Uhr

Vorwurf der Bestechlichkeit

Wulffs Ex-Sprecher Glaeseker wird angeklagt

Mehr als elf Jahre waren Ex-Bundespräsident Christian Wulff und sein Sprecher Olaf Glaeseker untrennbar. Das ist lange her. Schon bald könnte es aber ein unfreiwilliges Wiedersehen geben – vor Gericht.

Der ehemalige Sprecher von Bundespräsident Christian Wulff, Olaf Glaeseker. dapd

Der ehemalige Sprecher von Bundespräsident Christian Wulff, Olaf Glaeseker.

HannoverSeit neun Monaten herrscht Funkstille zwischen Christian Wulff und Olaf Glaeseker. Im Juni 2012 haben sich der Ex-Bundespräsident und sein Ex-Sprecher zuletzt gesehen – Wulff hatte seinen „siamesischen Zwilling“, wie er ihn einmal nannte, in Hannover zu seiner Feier zum 53. Geburtstag eingeladen. Wenn es nach dem Willen der Justiz geht, könnte es aber schon bald ein unfreiwilliges Wiedersehen geben. Nach der am Mittwoch erfolgten Anklageerhebung gegen Glaeseker wegen des Verdachts der Bestechlichkeit könnte Wulff – ungeachtet seines eigenen Verfahrens wegen möglicher Vorteilsnahme – als Zeuge vor Gericht geladen werden.

„Ob er geladen wird, müssen die Richter entscheiden“, sagt Oliver Eisenhauer von der federführenden Staatsanwaltschaft Hannover. Wie immer ist die Behörde bedacht, das mediale Feuer klein zu halten. Kurz zuvor hatten die Ermittler per Fax die 134 Seiten umfassende Anklage zugestellt. „Das ist extrem ungewöhnlich“, findet Glaesekers Anwalt Guido Frings.

Ein Jahr nach Wulffs Rücktritt: Tiefer Sturz und noch kein Ende

Ein Jahr nach Wulffs Rücktritt

Tiefer Sturz und noch kein Ende

Vor einem Jahr ist Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten.

Obwohl Wulff nur einer von 47 Zeugen in der umfangreichen Aktensammlung der Staatsanwaltschaft ist, dürfte sein Auftritt vor Gericht ein bedeutender Moment im Prozess werden. Wulff hatte – wie es heißt – übrigens vier Tage nach der besagten Geburtstagsfeier erstmals gegen Glaeseker ausgesagt.

Glaesekers Erscheinen bei Wulffs Geburtstag war somit wohl nicht mehr als ein Höflichkeitsbesuch, geschuldet der mehr als elfjährigen Freundschaft. Denn der Bruch ist spätestens seit dem 20. Dezember 2011 ein offenes Geheimnis. Die Entlassung Glaesekers als Präsidentensprecher vier Tage vor Weihnachten war nur anfangs überraschend. Inzwischen ist bekannt, dass die Freundschaft schon in den Monaten zuvor nach Wulffs Wahl zum Staatsoberhaupt gelitten hatte - menschliche Enttäuschungen inklusive.

Chronologie Christian Wulff

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

18. Februar 2010

Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

21. März 2010

Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

17. August 2011

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

13. Dezember 2011

Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

22. Dezember 2011

Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

4. Januar 2012

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

18. Januar 2012

Im Auftrag Wullfs stellt sein Anwalt nun doch Journalisten-Anfragen und Antworten auf knapp 240 Seiten online.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht keine Anhaltspunkte gegen Wulff wegen seines Hauskredites bei der BW-Bank zu ermitteln.

19. Januar 2012

Die Staatsanwaltschaft durchsucht das Haus und Büro von Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker und die Räumlichkeiten des Eventmanagers Manfred Schmidt. Ermittelt wird wegen Korruptionsverdacht. Glaeseker soll die private Lobby-Veranstaltung Nord-Süd-Dialog „gefällig gefördert“ haben.

8. Februar 2012

Die Bild-Zeitung berichtet, dass der Filmunternehmer David Groenewold für Wullf und seine spätere Frau Bettina einen Urlaub auf Sylt gebucht und bezahlt habe. Wulffs Anwalt erklärt, der damalige Ministerpräsident habe die Kosten später in bar beglichen habe. Groenewold soll vor drei Wochen das Sylter Hotel angerufen und zum Stillschweigen verpflichtet haben. Im gleichen Jahr gab das Land Niedersachsen dem Filmunternehmen eine Bürgschaftszusage.

16. Februar 2012

Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt beim Bundestag die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten. Es bestehe ein Anfangsverdacht auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung, so die Staatsanwaltschaft. Der Bundestag entscheidet nun, ob gegen Wulff strafrechtlich ermittelt wird.

Wulff soll als Ministerpräsident Kontakte zu dem Filmfonds-Manager David Groenewold gehabt haben. Auch gegen Groenewold wird ermittelt. Der Antrag zur Aufhebung der Immunität gegen einen Bundespräsidenten ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

17. Februar 2012

Wulff erklärt seinen Rücktritt, woraufhin die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen beginnt.

2. März 2012

Fünf Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts und ein Staatsanwalt durchsuchen das Wohnhaus von Wulff in Großburgwedel.

8. März 2012

Wulff wird mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Viele Prominente bleiben der Zeremonie fern.

22. Juli 2012

Neue Vorwürfe werden bekannt: Wulff soll sich als Ministerpräsident dafür eingesetzt haben, der Versicherungswirtschaft Vorteile zu verschaffen. 2008 verbrachten die Wulffs ihre Flitterwochen im Haus eines Versicherungsmanagers in Italien.

8. September 2012

Bettina Wulff geht gegen die Verbreitung von Gerüchten und Denunziationen vor. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, Wulff habe eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, alle Behauptungen über ihr angebliches Vorleben als Prostituierte oder Escort-Dame seien falsch.

10. September 2012

Das ursprünglich erst für November angekündigte Buch der früheren First Lady, „Jenseits des Protokolls“, ist bereits in vielen Buchhandlungen erhältlich. Darin setzt sie sich nun auch publizistisch gegen die Gerüchte zur Wehr.

11. September2012

In mehreren Interviews erhebt Wulff Vorwürfe auch gegen ihren Mann. Sie beklagt unter anderem, an seiner Seite habe sie eigene Bedürfnisse unterdrücken müssen. Um die ganze Situation zu verarbeiten, habe sich das Paar therapeutische Hilfe gesucht.

15. September 2012

Nach heftiger öffentlicher Kritik an ihrem Buch und ihren Interviews sagt Bettina Wulff mehrere geplante Auftritte in Fernseh-Talkshows ab. Das bestätigen die betroffenen Sender.

9. Oktober 2012

Die Flitterwochen der Wulffs im Haus eines Versicherungsmanagers rechtfertigen keine Ermittlungen wegen Vorteilsannahme, teilt die Staatsanwaltschaft Hannover mit.

14. November 2012

Die Staatsanwaltschaft kann nach eigenen Angaben noch nicht absehen, wie lange die Ermittlungen gegen Christian Wulff noch dauern werden.

7. Januar 2013

Die Wulffs haben sich „einvernehmlich räumlich“ getrennt, wie der Anwalt der Eheleute bestätigt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf „hochrangige Kreise der CDU“ über die Trennung berichtet.

Weder Glaeseker noch Wulff haben sich bislang offiziell zu dem Bruch geäußert. Einzig ihre Anwälte kommunizieren miteinander – das aber eher wortkarg und nie direkt, sondern nur auf Anfrage in Artikeln von Journalisten.

Eine Zeugenaussage Wulffs hätte möglicherweise aber nicht nur für Glaeseker Konsequenzen, sondern auch für ihn selbst. Immerhin war Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident nicht nur Schirmherr des Nord-Süd-Dialogs, sondern auch einer der Initiatoren der umstrittenen Lobby-Party – und dürfte daher bestens informiert gewesen sein.

Kommentare (4)

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06.03.2013, 13:32 Uhr

Herr Glaeseker wird auspacken, denn diesmal geht es um die Rettung seiner eigenen Haut. Folglich wird es für Herrn Wulff wieder eng, da Herr Glaeseker nicht das Bauernopfer spielen wird, nur um Herrn Wulff zu schonen. Es bleibt spannend.

Account gelöscht!

06.03.2013, 13:50 Uhr

irgendwie wird in der WULLF Affaire alles ziemlich kleinlich behandelt, da gibt es doch ganz andere gravierende Sachen im Banker - und Unternehmensmilieun hier aber hoert man reichlich wenig, schade !

Zarakthuul

06.03.2013, 14:39 Uhr

Enge Freunde, Ehrenmänner usw.. In dubio pro reo, und schon geht es aus wie die Schäublesche Kofferaffaire. Ein bischen verhandeln, dann vertagen und am Ende gibts einen kleinen Strafbefehl, wenns hoch kommt. Die korrupte Polit-Bande hat doch bis jetzt noch nicht die EU-Richtlinie zur Korruptionsbekämpfung umgesetzt. Weil sie dann nämlich auch für ihre Bestechlichkeit in den Knast müsste.

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