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24.05.2011

17:20 Uhr

Vulkanasche bedroht Flugverkehr

Asche auf Ramsauers Haupt

Offenbar hat die Politik nichts aus dem Ascheregen nach dem Vulkanausbruch im vergangenen Jahr gelernt. Den Passagieren droht jetzt ein erneutes Verkehrschaos, den Verkehrsministern die nächste Blamage.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer: "Wir brauchen verbindliche Grenzwerte." Quelle: dapd

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer: "Wir brauchen verbindliche Grenzwerte."

DüsseldorfFür Geschäftsreisende werden quälende Erinnerungen an das Luftverkehrschaos im vergangenen Sommer wach: Lufthansa sagt erste Flüge ab, der Luftraum über Schottland ist bereits gesperrt, der Deutsche Wetterdienst hat angekündigt, dass voraussichtlich morgen früh um 8 Uhr in Norddeutschland die Grenzwerte für die Aschekonzentration in der Luft über Norddeutschland überschritten werden.

Und was macht Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer? Er schimpft auf Brüssel. „Wir brauchen nach wie vor internationale einheitliche und verbindliche Grenzwerte und ein europaweit harmonisiertes Krisenmanagement, für den Fall, dass ein Verkehrsträger erneut komplett ausfällt“, sagt Ramsauer. Hier sei seitens der EU-Kommission bisher zu wenig passiert.

Und er schiebt die Schuld auf die Triebwerkshersteller. Sie hätten bisher keine wirklich fundierten Erkenntnisse vorgelegt, wie viel Asche ihr Motor verträgt. Ramsauer verlangt, dass dazu auf dem nächsten EU-Verkehrsministerrat im Juni ein umfassender Bericht vorgelegt wird. Doch bis dahin kann die Politik zunächst nur auf gute Windverhältnisse hoffen.

Der Ascheregen und die Folgen für den Flugverkehr

Ist ein Luftverkehrs-Chaos wie im vergangenen Jahr zu befürchten?

Genau kann das niemand sagen, doch bisher sieht es nicht so aus.
EU-Verkehrskommissar Siim Kallas spricht von einer „Woche voller Herausforderungen“, die den Passagieren bevorsteht. Alle hoffen auf das Wetter: Die Aschepartikel des Grímsvötn sind dicker und
sinken leichter zu Boden, zudem ist der Wind stärker. Europa hat aber auch politisch seine Lehren aus dem Chaos von 2010 gezogen. Das neue Drei-Zonen-Modell erlaubt Flüge in Gebieten mit
geringer Aschekonzentration in der Luft - das war vor einem Jahr anders.

Wer entscheidet in Europa über Flugverbote?

Ob ein Luftraum dichtgemacht wird, ist souveräne Entscheidung jedes Einzelstaates. Die nationalen Flugsicherheitsbehörden bewerten die Lage und können sich auf Empfehlungen eines
EU-Krisenstabes stützen, der aus Experten von EU-Kommission, Eurocontrol und Airlines besteht.
Je nach Land gibt es Unterschiede, wer in der Zwischenzone - mit mäßiger Aschekonzentration - Flüge mit Auflagen erlaubt. In den meisten EU-Ländern dürfen die Fluggesellschaften in diesem Fall
selbst entscheiden, ob sie fliegen oder nicht.

Die Grenzwerte für Asche-Partikel

Auf allgemein gültige Grenzwerte für Vulkanasche-Partikel konnten die EU-Staaten sich bislang nicht einigen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) legte im Zuge des neuerlichen Vulkanausbruchs am Montag Asche-Grenzwerte für eine Sperrung des Luftraumes fest. So soll ab einer Konzentration von mehr als zwei Milligramm Aschepartikeln pro Kubikmeter Luft ein Flugverbot für Düsenflugzeuge gelten. Bei einem Wert unter 0,2 Milligramm darf dagegen geflogen werden. Auflagen gibt es bei Konzentrationen von 0,2 bis zwei Milligramm pro Kubikmeter Luft.

Wie groß waren die Auswirkungen für den Flugverkehr 2010?

100 000 Flüge fielen laut EU-Behörde in Europa aus - mehr als 10 Millionen Passagiere konnten nicht reisen. Nach Schätzung des Weltluftfahrtverbandes IATA kostete die Luftraumsperre allein die
Fluggesellschaften 1,7 Milliarden Dollar (1,27 Mrd Euro) Umsatz.

Welches Risiko besteht in einer Aschewolke?

Grundsätzlich ist Vulkanasche hochgefährlich für Flugzeuge mit Düsen-Triebwerken. Die Hauptgefahr besteht darin, dass sich Aschepartikel in den Triebwerken festsetzen und diese zum Stillstand bringen können. Außerdem können sie das Staudruckrohr („Pitot“) des Flugzeuges verstopfen, so dass die Geschwindigkeitsanzeige im Cockpit nicht mehr funktioniert. Außerdem wirken die Partikel wie Schleifpapier für Außenhaut und Kabinenfenster, die schnell undurchsichtig werden.

Was genau passiert in einer Flugzeug-Turbine?

In Düsentriebwerken können wegen der starken Luftmassenströme nach Angaben des DLR auch bei geringen Partikelkonzentrationen Schädigungen auftreten. Oberflächen der Verdichter- und Turbinenschaufeln können angegriffen werden, wodurch der Wirkungsgrad der Turbine abnimmt. In der Brennkammer einer Flugzeug-Turbine herrschen Temperaturen von über 1400 Grad, Vulkanasche schmilzt aber schon bei etwa 1100 Grad. Schmelzen Aschepartikel in der Turbinen-Brennkammer, setzen sie sich auf den kühleren Turbinenschaufeln ab. Es folgt ein Leistungsverlust der Turbine, die Turbineneintrittstemperatur nimmt zu und im Verdichter steigt der Druck. Dies kann Fehlfunktionen auslösen und schließlich zum kompletten Ausfall der Turbine führen.

Wie schädigend sind die Partikel?

Eine im April 2011 veröffentlichte Studie der Universität Island und der Universität Kopenhagen kam zu dem Schluss, dass vor allem Asche-Partikel aus der frühen Phase des Vulkanausbruchs tatsächlich besonders gefährlich für Flugzeuge waren. Die Forscher fanden heraus, dass diese Teilchen in allen Größen besonders scharfe Kanten aufwiesen, so dass sie Flugzeuge schädigen könnten. Selbst nach Wochen in Wasser gerührt hätten sie nicht ihre spitzen Kanten verloren.

Gab es schon Flugzeugabstürze infolge von Aschewolken?

Der Verband Europäischer Fluglinien AEA kennt nur zwei Vorfälle aus den vergangenen 20 Jahren, bei dem eine Aschewolke der Auslöser war - einen in Indonesien, einen in Alaska.

Brechen Vulkane in Europa immer häufiger aus?

Nein, sagt der Vulkanologe Donald Bruce Dingwell von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Es ist normal, was passiert. Die Annahme, dass immer mehr Vulkane ausbrechen, ist rein subjektiv.“ Es sei reiner Zufall, dass die beiden isländischen Vulkane so kurz hintereinander aktiv seien, sagt auch der Chef der Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol, Brian Flynn. „Es gibt alle 123 Jahre einen vergleichbaren Vulkanausbruch. Das ist ganz schön selten“, räumt er allerdings auch ein.

Kommentare (6)

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AndereMeinung

24.05.2011, 17:47 Uhr

Dieser Artikel überrascht michdoch. Gerade erst hat Deutschlandradio über ein abgestimmtes vierstufiges Verfahren in Europa berichtet. Wird hier wieder Stimmung gemacht um schlechte Recherche zu kaschieren?

Adenauer

24.05.2011, 17:58 Uhr

"Offenbar hat die Politik nichts aus dem Ascheregen nach dem Vulkanausbruch im vergangenen Jahr gelernt"
.
Lasst doch mal die griechischen Politiker dran. Die legen einen Grenzwert fest und der gilt dann für den ganzen Euro-Raum. Natürlich Staub pro Kubikmeter, nicht etwa heiße Luft pro BIP.

Niko27

24.05.2011, 18:49 Uhr

So einen absurden Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen, entweder werden hier vom Handelsblatt bewusst Lügen verbreitet, oder man ist einfach nur unfähig, in beiden Fällen sollten die Redakteure über einen Berufswechsel nachdenken. Es existieren klare Richtlinien, bis 0,2 mg pro m3 Luft gibt es keinerlei Einschränkungen, bis 2 mg erhöhte Wartungsintervalle der Triebwerke und von 2 bis 4 mg darf geflogen werden, wenn die Triebwerke das nachweißlich aushalten!

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