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16.01.2009

18:04 Uhr

Wachablösung

Beste Nebenrolle: Peer Steinbrück

VonSven Afhüppe, Andreas Rinke

Peer Steinbrücks Heldengeschichte scheint vorbei. Mit dem Anschwellen der Bankenkrise zu einer weltweiten Wirtschaftskrise hat SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier den Finanzminister als obersten Krisenmanager verdrängt. In der SPD weiß man jedoch, wie wichtig der Retter der deutschen Banken noch in Wahlkampfzeiten sein wird. Also wird Steinbrücks Kandidatur für die „beste Nebenrolle“ fleißig unterstützt.

Ganz glücklich scheint Finanzminister Peer Steinbrück mit seiner neuen Rolle noch nicht zu sein. Foto: dpa Quelle: dpa

Ganz glücklich scheint Finanzminister Peer Steinbrück mit seiner neuen Rolle noch nicht zu sein. Foto: dpa

BERLIN. Die Preisverleihung der Golden Globes wird Peer Steinbrück in diesen Tagen mit Neid verfolgt haben. Denn der britischen Schauspielerin Kate Winslet gelang dabei das seltene Kunststück, sowohl als „beste Hauptdarstellerin“ wie auch für die „beste Nebenrolle“ ausgezeichnet zu werden. Und bis vor wenigen Wochen durfte der Finanzminister noch hoffen, dass ihm auf politischer Bühne der gleiche Coup gelingen könnte. Da spielte Steinbrück neben Bundeskanzlerin Angela Merkel unangefochten die Hauptrolle in dem Politthriller „Wege aus der Weltwirtschaftskrise“. Daneben war er eben noch ein normaler Finanzminister einer Industrienation.

Mittlerweile aber hat die SPD die Hauptrolle neu besetzt. Seit Beginn des Jahres steht Steinbrücks Parteifreund Frank-Walter Steinmeier (SPD) bevorzugt vor der Kamera – und zwar mindestens bis zur Bundestagswahl Ende September. Der Kanzlerkandidat hat den Finanzminister als obersten Krisenmanager verdrängt.

Dabei hatte Steinbrück drei Monate lang im Mittelpunkt der politischen Bühne gestanden. Der Finanzminister war das Gesicht der staatlichen Bankenrettung in Deutschland. Steinbrück und seine Beamten arbeiteten das 500-Mrd.-Euro schwere Rettungspaket für die angeschlagenen Kreditinstitute aus. Steinbrück geißelte wie kein anderer mit verbalen Brandsätzen die Finanzmanager, denen er Übertreibungen, Maßlosigkeit und Exzesse vorwarf. „Was da stattfand, war ein Rattenrennen um Rendite“, schäumte Kapitalismuskritiker Steinbrück – und sonnte sich im öffentlichen Applaus. Selbst die Genossen umjubelten ihren „Supeer“, der mit seiner arroganten Art doch für viele Sozialdemokraten lange eine Zumutung war. In der Beliebtheitsskala der Bürger konnte für kurze Zeit nur noch ein Politiker Steinbrück das Wasser reichen: Kanzlerin Merkel.

Nun scheint Steinbrücks Heldengeschichte vorbei zu sein – nicht nur, weil sein Stern als Haushaltskonsolidierer sinkt. Die SPD hat ihn schlicht aus dem Hauptprogramm genommen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Wahlkampf-Strategen im Willy-Brandt-Haus den SPD-Kanzlerkandidaten ins mediale Rampenlicht schieben wollen. Vielmehr fällt Steinmeier als Vizekanzler fast zwangsläufig die Rolle der Zentralfigur zu. Denn jetzt geht es nicht mehr um Bankenhilfen, jetzt muss die gesamte Wirtschaft gerettet werden. Mit anderen Worten: Es geht um das große Ganze – und da ist Steinmeier als Koordinator der SPD-Seite in der Regierung gefragt. Er muss nämlich zwischen unterschiedlichen Interessen seiner Parteifreunde Steinbrück, Umweltminister Sigmar Gabriel und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee vermitteln.

Offiziell vollzogen hat die SPD-Spitze den Rollentausch mit der Vorlage des „Stabilitäts- und Wachstumspakts für Deutschland“. Das 19-seitige Konjunkturpapier bündelt nicht nur die in der Parteispitze abgestimmte Antwort zur Bekämpfung der Rezession in Deutschland, es trägt bereits unverkennbar die Handschrift Steinmeiers. Verkauft wird es zudem als „Steinmeier-Plan“. Der Außenminister war es deshalb, der per Zeitungsinterview das Konjunkturprogramm der SPD verkündete. Steinmeier hält in der Generaldebatte über das zweite Konjunkturpaket auch die „Gegenregierungserklärung“ zur Kanzlerin.

Ganz glücklich scheint Steinbrück mit seiner neuen Rolle noch nicht zu sein. Als Steinmeier am Mittwoch dieser Woche am Rednerpult im Bundestag „eine gemeinsame Kraftanstrengung der Gesellschaft“ gegen die Wirtschaftskrise anmahnt, wirkt Steinbrück reichlich unkonzentriert. Mal schiebt er seinen Parlamentshocker so weit nach hinten, dass er hinter dem Rücken von Bundesgesundheitsministerin Ursula Schmidt (SPD) aus dem Blickfeld verschwindet, mal blickt er gelangweilt in die Reihen der Bundestagsabgeordneten, mal blättert er geistesabwesend in einem Stapel von Unterlagen aus seinem Ministerium. Dem Finanzminister fällt das Leben im Schatten des Kanzlerkandidaten sichtbar schwer. Einmal Star, immer Starallüren, frotzelt ein Genosse.

Dabei soll Steinbrück gar nicht von der Bildfläche verschwinden. Solange die internationale Wirtschaftskrise das beherrschende Thema bleibt, ist der kluge Finanzminister unverzichtbar für die SPD, das weiß auch Kanzlerkandidat Steinmeier. Steinbrücks guter Ruf aus den Zeiten der Bankenkrise ist ein Pfund, mit dem die Sozialdemokraten im Wahlkampf wuchern können. Auf der Position ist die Union vergleichsweise schwach besetzt.

Also wird Steinbrücks Kandidatur für die „beste Nebenrolle“ fleißig unterstützt. Deshalb war es der SPD-Oberfinanzer, der Ende vergangener Woche mit einer überraschenden Idee an die Öffentlichkeit gehen und die Senkung des Eingangssteuersatzes fordern durfte. Der Vorschlag des Finanzministers produzierte nicht nur viele Schlagzeilen, er kam auch bei den SPD-Wählern gut an. In Zukunft werden solche Auftritte Steinbrücks dennoch seltener zu beobachten sein. Denn für die „beste Hauptrolle“ will sich Frank-Walter Steinmeier am Tag der Bundestagswahl auszeichnen lassen.

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