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10.04.2014

10:32 Uhr

Wagenknecht über den Siemens-Chef

„Kaesers Besuch bei Putin war vernünftig“

VonDietmar Neuerer, Nils Rüdel

ExklusivSahra Wagenknecht ist bekannt für Klartext. Im Interview erklärt die Linken-Frontfrau, warum sie den Siemens-Chef verteidigt und Westerwelle als Außenminister vermisst – und spricht über Gemeinsamkeiten mit der AfD.

Sahra Wagenknecht: „Was von uns kommt, ist Druck.“

Sahra Wagenknecht: „Was von uns kommt, ist Druck.“

Sahra Wagenknecht hat einen hektischen Tag. Interviews, Bundestag, und dann ist sie auch noch krank. Vor ihrem Bürofenster im Berliner Jakob-Kaiser-Haus rieselt Aprilwetter-Regen. Die 44-jährige Linken-Fraktionsvize sitzt in einer schlichten Couch-Ecke, im grauen Kostüm und mit schwarz-roter Halskette, und nippt an einem Erkältungstee. Es gibt viel zu besprechen, von Putin über die Euro-Krise bis zur AfD. Und natürlich die Grünen, die Wagenknecht neulich schwer verärgert haben.

Frau Wagenknecht, in der östlichen Ukraine drohen sich die Ereignisse der Krim-Krise zu wiederholen. Für Nato-Generalsekretär Rasmussen ist das ein „Anlass zu größter Besorgnis“. Wie bewerten Sie die Lage?
Die gesamte Entwicklung gibt Anlass zu größter Besorgnis, und dafür trägt der Westen eine beträchtliche Mitverantwortung. Die EU muss jetzt eine Strategie der Deeskalation fahren. Sachliche Gespräche mit Russland sind nötig, und keine Drohgebärden. Letztlich kann die Situation nur entspannt werden, wenn in der Ukraine eine Regierung gebildet wird, die alle Teile der Bevölkerung repräsentiert und auch der russischen Minderheit signalisiert, dass ihre Interessen anerkannt und respektiert werden.

Wer soll die Gespräche mit Russland führen?
Natürlich sollte sich auch die deutsche Regierung einbringen.

Und dann?
Der Westen muss zu einem Politikwechsel gegenüber Russland bereit sein. Über viele Jahre hat man russische Interessen schlicht ignoriert und Moskau gedemütigt. Es fing damit an, dass sich die Nato bis an die russischen Grenzen erweitert hat - entgegen anders lautender Zusagen. Und diese Politik setzte sich fort mit der ultimativen Forderung an die Ukraine, sich zu entscheiden zwischen Russland und einem EU-Assoziierungsabkommen. Selbst ein Nato-Beitritt der Ukraine wurde ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Eine solche Politik provoziert Gegenreaktionen. Das erleben wir jetzt.

Zur Person Sahra Wagenknecht

Studium

Sahra Wagenknecht, 44, stammt aus Jena. In der DDR durfte sie nicht studieren; man befand, sie sei für das Kollektiv „nicht genügend aufgeschlossen“. Nach der Wiedervereinigung studierte sie in Jena, Berlin und Groningen Philosophie und Neuere Deutsche Literatur.

Politische Anfänge

Ein halbes Jahr vor dem Mauerfall trat sie in die SED ein, zwei Jahre später saß sie im Vorstand der SED-Nachfolgepartei PDS. 1992 bezeichnete die erklärte Anti-Kapitalistin die Berliner Mauer als „notwendiges Übel“ und befand, die DDR sei „ein besserer Staat als die BRD“ gewesen.

Ihr Weg in den Bundestag

Seit 2010 ist Wagenknecht stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke. Ihre Mitgliedschaft in der „Kommunistischen Plattform“ ruht seit Februar 2010. Von 2004 bis 2009 war sie Abgeordnete im Europaparlament, seit Oktober 2009 sitzt sie im Bundestag.

Autorin

Wagenknecht ist Autorin zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien von ihr „Freiheit statt Kapitalismus“. 1997 heiratete sie den Filmproduzenten Ralph Niemeyer. Mittlerweile ist sie in zweiter Ehe mit Oskar Lafontaine verheiratet.

Was werfen Sie der deutschen Regierung vor?
Sie hat die Maidan-Opposition blind gestützt, obwohl in dieser Bewegung faschistische Gruppen ein zunehmend relevanter Faktor wurden. Die verfassungswidrig installierte Übergangsregierung in Kiew wurde sofort anerkannt, obwohl mit Swoboda eine Nazi-Partei mit drei Ministern am Kabinettstisch sitzt. Diese Partei hat mit aggressiver antirussischer Propaganda viel zur Eskalation beigetragen. Das sind im Übrigen auch üble Antisemiten, vor denen der jüdische Zentralrat gewarnt hat. Schon das hätte es verbieten müssen, eine solche Regierung anzuerkennen.

Sie sprechen viel von Deeskalation, andererseits sind es derzeit ja vor allem prorussische Gruppen, die für Eskalation sorgen.
Das ist auch eine Gegenreaktion auf die Entwicklungen in Kiew. Der Westen sollte Druck ausüben, dass die Faschisten aus der ukrainischen Regierung und aus einflussreichen Positionen wieder verschwinden. Stattdessen hat auch Außenminister Steinmeier dazu beigetragen, diese Kräfte hoffähig zu machen, indem er sich etwa mit dem Chef von Swoboda getroffen und Gespräche geführt hat. Das war alles daneben. Mit solchen Kräften wird es keine sinnvolle Lösung der Krise geben. Dann ist die Gefahr groß, dass die Ukraine im Chaos versinkt.

Interview in Berlin: Sahra Wagenknecht mit den Redakteuren Nils Rüdel (l.) und Dietmar Neuerer. Butzmann für Handelsblatt

Interview in Berlin: Sahra Wagenknecht mit den Redakteuren Nils Rüdel (l.) und Dietmar Neuerer.

Glauben Sie, dass sich Kreml-Chef Wladimir Putin zum Handeln veranlasst sieht und nach der Krim auch noch die Ost-Ukraine annektiert?
Ich glaube nicht, dass Putin ein Interesse an einer weiteren Eskalation der Lage hat. Andererseits kommt er unter Druck, wenn die Situation immer weiter außer Kontrolle gerät. Deshalb kann es nur eine Lösung geben, die die russische Minderheit mitnimmt.

Kommentare (29)

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10.04.2014, 10:12 Uhr

Leider ist diese Frau ideologisch verbohrt, hat aber sicher weit mehr Grütze unter dem Pony als diese Pfeifen der so genannten Bundesregierung.

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10.04.2014, 10:17 Uhr

Siemens-Chef Kaeser ist ein lobendes Beispiel für unsere weitsichtigen Top Manager aus der Wirtschaft. Aber auch Herr Schröder und selbst altkanzler Schmidt ben eindeutig aufgezeigt, wo unsere Zukunft liegt.

---- Die Karavane zieht weiter --------


Was kümmert es uns, wenn kleine Kläffer am Wegesrand bellen.

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10.04.2014, 10:20 Uhr

Die LINKE ist mir nicht unsympathisch. Die Sara sowieso nicht - eine hübsche Frau. Schade ist nur, daß die LINKE in wirtschaftlichen Fragen so sehr von gestern ist. Vieles in der Analyse ist richtig - aber die Schlußfolgerungen. Sara ist eine glühende Anhängerin von Keynes. Nein, wenn ich daran denke, dann ist mir die hübsche Frau doch nicht sonderlich sympathisch. Aber was sie zur Ukraine und Russland sagt, hat Hand und Fuß. Wider den widerlichen Mainstream!

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