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08.07.2011

16:02 Uhr

Wagenknechts Buch

Sozialismus, aber bitte liberal!

VonFrank Wiebe

Linkenpolitikerin Sarah Wagenknecht entwirft in ihrem Buch einen "kreativen Sozialismus" - und beruft sich dafür auf liberale Grundfeste. Sie lobt Wettbewerb, Gewinne und den "echten" Unternehmer.

Linkspolitikerin Wagenknecht: "Wettbewerb und Gewinne sind wichtig" Quelle: dpa

Linkspolitikerin Wagenknecht: "Wettbewerb und Gewinne sind wichtig"

DüsseldorfDer Staat soll die Banken weitgehend verstaatlichen und dafür sorgen, dass sie günstige Kredite an Gründer und kleine Unternehmer vergeben. Wenn die Unternehmen dann wachsen, werden sie Schritt für Schritt ins Eigentum der Beschäftigten überführt, aber mit einer Sperrminorität für die öffentliche Hand. Insgesamt werden hohe Einkommen und große Vermögen stark besteuert, um den Reichtum möglichst gleichmäßig zu verteilen und so auch eine breite Nachfrage für die Wirtschaft zu sichern. Die Staatsschulden sind zu streichen, nur Kleinanleger werden dabei geschont.

So etwa stellt die Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht sich den „kreativen Sozialismus“ der Zukunft vor. Nachdem sie früher vor allem erklärt hat, was sie nicht gut findet, packt sie in ihrem neuen Buch aus und skizziert deutlicher ihre Vorstellungen, wie es besser werden soll.

Der Fehler der real existierenden DDR war ihrer Meinung nach, dass sie die Wirtschaft zentral planen wollte. Wagenknecht betont dagegen, dass sie Wettbewerb und Gewinne wichtig findet und lobt den „echten“ Unternehmer im Sinne des Ökonomen Joseph Schumpeter.

Als Zeugen dafür, dass der Staat zu große wirtschaftliche Macht eindämmen sollte, zieht sie die Ordoliberalen der Nachkriegszeit heran, vor allem Walter Eucken. Ihren „kreativen Sozialismus“ sieht sie als Fortsetzung dessen an, was die Liberalen damals gewollt haben. Daher lautet der clevere Titel ihres neuen Buchs „Freiheit statt Kapitalismus“. Großzügig reklamiert sie dann gleich noch Ludwig Erhard als geistigen Vorfahren und fordert „Wohlstand für alle“. Was Karl Marx wohl von diesem kleinbürgerlichen Sozialismus gehalten hätte?

Insgesamt kommt das Buch mit einem recht hohen theoretischen Anspruch daher, der auch über weite Strecken eingelöst wird. Die praktischen Vorschläge – mehr Umverteilung, Vergesellschaftung – wirken dagegen eher wie sozialistische Ladenhüter. In weiten Teilen wiederholt Wagenknecht zudem Analysen des heutigen Kapitalismus und der Finanzkrise, die sie schon in früheren Büchern geliefert hat. Dabei zeigt sie, trotz eines sicherlich einseitigen Blickwinkels, ein tieferes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge als viele Politiker aus Parteien, denen man gemeinhin Wirtschaftsnähe und -kompetenz zuspricht. Ihr süffiger, beißender Schreibstil ist amüsant, auf Dauer aber auch ermüdend.

Auffallend ist, dass Wagenknecht sehr sorgfältig andere Autoren zitiert. Das lässt vermuten, dass ihre Doktorarbeit in VWL, die sie laut Klappentext ihres Buchs gerade schreibt, eine solidere wissenschaftliche Qualität erreicht als die einiger „bürgerlicher“ Politiker.

Wie seine Vorgänger zeigt auch dieses Buch ein großes Foto der Autorin auf dem Cover. Aber etwas hat sich geändert: Der Terminatorblick ist verschwunden – sie lächelt.

Das Buch "Freiheit statt Kapitalsimus" (Frankfurt 2011, 368 Seiten) ist im Eichborn-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.


Kommentare (16)

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Kackbolzen

10.07.2011, 18:32 Uhr

Der Sozialismus kommt sympathisch daher, ist aber auf dem falschen Dampfer.
Diejenigen, die sich fragen, was schief läuft, sollten lieber mal Hayek, Mises, etc. lesen. Die Protagonisten der österreichischen Nationalökonomie, die leider immer noch unter den Teppich gekehrt wird, da die Politiker nicht mehr ihre Wahlversprechen über ungedeckte Kredite, ober Geldschöpfung aus dem Nichts, einlösen könnten.

Der_Emigrant

10.07.2011, 18:34 Uhr

Das Problem war, dass wir Stasiopfer ueberhaupt diesen Neostalinismus in Deutschland zugelassen haben. Auf einmal faengt Wagenknecht an, "mittelstaendisch" su denken. Wir Stasiopfer in Uebersee werden mit Vergnuegen zusehen, wie es den Bach runter geht, wenn Rot-Rot-Gruen erstmal die Regierungsgeschaefte uebernimmt.

schorschi

10.07.2011, 18:36 Uhr

kurz und knapp:
"der Markt regelt's - allen gehört's".

Wer tatsächlich etwas leistet - der soll auch profitieren.

Wer dagegen nur besitzt, und nur aufgrund seines Eigentums abkassieren will, der wird geschröpft bis nichts mehr da ist.
Steht ja so auch im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet.
Dieser Automatismus sorgt dann auch für eine bessere Ressourcenallokation: nur wer wirklich etwas leistet kann es dann noch schaffen,
überproportional Besitz auf sich zu vereinen.

... wir müssen endlich weg von dieser Eigentumsgesellschaft,
und hin zu einer Leistungsgesellschaft.

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