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18.03.2012

12:53 Uhr

Wahl des Bundespräsidenten

Joachim Gaucks Deutschland-Party

VonDietmar Neuerer

Die Stimmung ist euphorisch wie selten bei dieser Bundespräsidentenwahl. Jedem ist klar, dass Joachim Gauck problemlos gewählt wird. Parteipolitik spielt keine Rolle. Beste Vorzeichen für eine störungsfreie Polit-Party.

BerlinHeute wird Joachim Gauck zum 11. Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt. Dann bekommen die Deutschen den Präsidenten, den sie auch wirklich wollen. Quasi ohne Hindernisse kommt der ostdeutsche Theologe an die Staatsspitze. Die Mehrheit in der Bundesversammlung ist ihm sicher. Entsprechend euphorisch ist die Stimmung in Berlin. Selbst das Wetter spielt mit und gibt am frühen Morgen schon den eindeutigen Hinweis, dass heute ein guter Tag werden wird: Präsidenten-Wetter – noch diesig zwar, aber frühlingshaft. Und das den ganzen Tag. 

Auch an den Gesichtern der Abgeordneten lässt sich ablesen, dass heute nichts schief gehen wird. Eine Denkzettel-Wahl wie damals, am 30. Juni 2010, als Christian Wulff erst im dritten Wahlgang gewählt wurde, wird es nicht geben. Wie geschlossen die Politik hinter Gauck steht, hat sich schon bei seiner Nominierung gezeigt – auch wenn es Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen den Strich ging, nicht einen ihrer Wunschkandidaten damals durchgesetzt zu haben.

Heute ticken die Uhren ausschließlich für Gauck. Nur strahlende Gesichter im Bundestag. Auf Fraktionsebene herrscht reges Treiben. Die Abgeordneten tröpfeln nach und nach in ihre Fraktionsräume. Man stimmt sich ein auf die Wahl, bei der es nur einen Gewinner geben wird. Die Pro-Gauck-Stimmung über Parteigrenzen hinweg bringt der bayerische SPD-Chef Florian Pronold auf den Punkt, als er versehentlich die Unions-Fraktion ansteuert. Als er merkt, dass er hier gänzlich falsch ist, sagt er: „Ist ja heute nicht so dramatisch, wenn wir in die falsche Fraktion gehen.“ 

Die Stimmung ist locker, fast ausgelassen. Abgeordnete flanieren mit ihren Ehefrauen Hand in Hand auf den Terrassen. Einige dürfen dann auch mal den großen Sitzungssaal der eigenen Fraktion betreten. Selbst Kinder dürfen heute in die große Politik eintauchen und dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Es ist fast so, als würde eine große Familie ein großes Fest feiern. Joachim Gauck, eben noch Privatmann, dann Bundespräsident, als Gastgeber – umringt von Fast-Nur-Befürwortern und –Unterstützern.

Das Leben des Joachim Gauck

Neuer Alltag

Joachim Gauck ist auf Empfängen, Eröffnungen und Benefizveranstaltungen ein gern gesehener Gast. Ein schnöder Alltag? Nein, denn der Bundespräsident interpretiert seine Rolle offensiv. Seine Äußerungen zum Islam, Deutschlands Rolle in der Welt und zur Linkspartei haben hitzige Debatten entfacht.

Neue Wohnung

Das Staatsoberhaupt Deutschlands wohnt in der Präsidentenvilla in Berlin-Dahlem. Im Schloss Bellevue gibt es keine Wohnung mehr. Dort ist nur der offizielle Amtssitz des Präsidenten. Zuvor lebte Gauck viele Jahre in einer Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg.

Neuer Beruf für die Lebensgefährtin

Daniela Schadt arbeitet seit Gaucks Ernennung zum Bundespräsidenten nicht mehr. Die 52-Jährige war zuvor als Journalistin tätig und lebte in Nürnberg. Dort war sie Leitende Politikredakteurin bei der „Nürnberger Zeitung“. Als First Lady ist sie oft an Gaucks Seite zu sehen.

Scheidung und Heirat?

Dazu müsste sich Gauck erst einmal von seiner Frau Gerhild scheiden lassen, mit der er seit 1959 verheiratet ist und vier Kinder hat. Seit 1991 leben beide getrennt, seit dem Jahr 2000 ist Gauck mit Daniela Schadt zusammen. „Er macht sich Gedanken über eine Hochzeit, aber er hat wohl noch keine Entscheidung gefällt“, sagte sein Sohn Christian kürzlich der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Hierzulande dürfte seine Art des Zusammenlebens heute nun wirklich kein Problem mehr sein, aber als Präsident kommt er auch in Länder, in denen andere moralische Maßstäbe gelten.“

Wichtigster Mitarbeiter

David Gill ist Staatssekretär und Chef des Präsidialamtes. Damit ist er der wichtigste Mitarbeiter des Präsidenten. Der bisherige Oberkirchenrat im Dienst der Evangelischen Kirche ist seit seiner Zeit als erster Sprecher der Stasi-Unterlagenbehörde ein enger Vertrauter Gaucks. Gill ist SPD-Mitglied.

Neuer Bürgerpräsident

Mit dem Pastor ist ein neuer Stil im Schloss Bellevue eingezogen. Auch wenn das Korsett für das Staatsoberhaupt eng is, spiel Gauck seine Karte als „Bürgerpräsident“ aus. „Ich bin nicht mal gewaschen“, sagte der 72-Jährige, als er am Abend seiner überraschenden Nominierung mit der Kanzlerin vor die Kameras trat. Seinem Sohn Christian war das peinlich. „Aber so ist er, ungeschminkt, ungefiltert“, sagte der Hamburger Arzt der „FAS“.

Auch zahlreiche Prominente geben sich die Ehre. Die Schauspielerin Senta Berger etwa, die schon zwei Stunden vor Beginn der Bundesversammlung mit ihrem Mann durch die Gänge des Reichtags tändelt. „Wir sind ja schon sehr früh dran“, sagt sie. Oder Otto Rehhagel. Der ist heute Gast der Unions-Fraktion. Gestern kassierte er noch mit seinem Verein Hertha BSC Berlin eine 6:0-Heimschlappe gegen Bayern München, heute hilft er mit, Gauck zum Sieger dieser Bundespräsidenten-Wahl zu machen.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

18.03.2012, 12:55 Uhr

Die Spannung der Wahl allein der Schriftführer war nicht auszuhalten. Für Jugendliche die nichts Wissen von der DDR,
ist heute ein guter Zeitpunkt zu sehen wie damals Wahlen in der Volkskammer abgelaufen sind.Man hätte also auch per Briefwahl wählen können und das Geld Suppenküchen spenden können wo Kinder essen müssen, weil die Eltern wenig oder gar nichts verdienen. Trotzdem herzlichen Glückwunsch Herr Gauck im Vorraus.

hg67

18.03.2012, 13:10 Uhr

Die Wahl von Herrn Gauck ist schon okay...das drumherum naja..erinnert mich an Obama..gefeiert wie ein Messias..was daraus geworden ist wissen wir alle, oder?

TSanac

18.03.2012, 13:29 Uhr

T Sanac fragt sich;
Im Rausch des Neo-Messianismus, untersschwellige Sympathie für einen semi-theokratischenStaat, auch in der BRD ?

Na, Glückauf !
Ab heute nähern wir uns hier mit Herrn Gauck stolz an einen
theokratischen Staat wie im Iran, aber diesmal betont nach protestantischer Couleur.

Ein Kölner Stadtbürger

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