Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.04.2012

10:00 Uhr

Wahlkampf live

Willkommen im Piraten-Hauptquartier

VonJan Mallien

Vor einer Woche haben die NRW-Piraten ihre Wahlkampfzentrale in Essen bezogen. Ein anonymer Spender hat der Partei die Räume bis zur Wahl überlassen. Handelsblatt Online hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Ein Laptop mit einem Totenkopf und gekreuzten Säbeln. dpa

Ein Laptop mit einem Totenkopf und gekreuzten Säbeln.

EssenDie Piratenpartei kann sich derzeit vor den Anfragen von Lobbyisten kaum retten. „Wer von euch möchte denn zur Podiumsdiskussion beim Bundesverband deutscher Milchbauern“, fragt NRW-Landeschef Michele Marsching seine Parteikollegen. Die kleine Runde um Spitzenkandidat Joachim Paul und Wahlkampfmanager Lukas Lamla ist nicht grade begeistert. „Ich habe eine Laktose-Allergie“, murmelt Paul. Ob es nun die Milchbauern sind oder der Interessenverband Jagd - alle interessieren sich für die Meinung der Piraten. Die Wahlkämpfer haben jede Menge Arbeit. 

Vor einer Woche haben sie ihre neue Wahlkampfzentrale im Essener Stadtteil Steele bezogen. Ein anonymer Spender hat den Piraten die Räume bis zu den Wahlen am 13. Mai überlassen. Und so haben sie im obersten Stockwerk des Hauses, in dem sonst Anwälte und Ärzte ihre Praxen haben, Quartier bezogen. Eigentlich sollten die Räume renoviert werden – doch für den Wahlkampf wurden die Renovierungsarbeiten unterbrochen.

Fakten zur Piratenpartei

Gründung

Die Piratenpartei wurde am 10. September 2006 in den Räumen des Berliner Hackervereins C-Base gegründet und am selben Tag auch beim Bundeswahlleiter registriert. 53 Menschen nahmen an der Gründungsversammlung teil.

Wahlergebnisse

Die Piraten konnten in Deutschland ihre Wahlergebnisse beinahe kontinuierlich steigern. Von 0,3 Prozent bei der Landtagswahl in Hessen 2008 über 0,9 Prozent bei der Europawahl 2009 auf 2 Prozent bei der Bundestagswahl 2009.

2010 wurde es etwas ruhiger im die Piraten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gaben 1,6 Prozent der Wähler ihnen ihre Stimme.

2011 traten die Piraten bei jeder der sieben Landtagswahlen an und konnten zwischen 1,4 und 2,1 Prozent erzielen. Mit Abstand größter Erfolg ist daher das Wahlergebnis in Berlin, wo die Piraten mit 8,9 Prozent die kühnsten Erwartungen übertrafen. Es folgten weitere Wahlergebnisse über der Fünf-Prozent-Hürde im Saarland (7,4 Prozent) und Schleswig-Holstein (8,2 Prozent).

Auch auf kommunaler Ebene waren die Piraten 2011 erfolgreich und erhielten weit über 100 Mandate, vor allem in Berlin und bei den Kommunalwahlen in Hessen und Niedersachsen.

Bundestagserfahrung

Von Juni bis Oktober 2009 stellte die Piraten ein Mitglied des Bundestags: Jörg Tauss trat am 20. Juni aus der SPD aus und in die deutsche Piratenpartei ein. Nach der Bundestagswahl Ende September 2009 schied er aus dem Parlament aus, nach einer Verurteilung wegen Besitzes kinderpornografischen Materials im Mai 2010 trat Tauss aus der Piratenpartei aus. Noch aktiv in der Piratenpartei sind der ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete Herbert Rusche und die frühere Grüne Bundesvorsitzende Angelika Beer.

Mandate

182 Mandate in Kommunal- oder Landesparlamenten bekleiden inzwischen Vertreter der Piraten. Soweit zumindest die Angaben im „Piratenwiki“, einer von allen Mitgliedern veränderbaren Webseite, auf der die politischen Positionen der Piraten diskutiert werden sollen.

Nach Angaben der Piraten entfällt der überwiegende Teil der Sitze auf drei Bundesländer: 66 in Berlin (davon 15 im Landtag - alle Kandidaten, die aufgestellt wurden, zogen auch ins Landesparlament ein), 59 in Niedersachsen, wo am 11. September Kommunalwahlen stattfanden, und 36 in Hessen.

Mitglieder

Die aktuellsten Mitgliederzahlen aus den Landesverbänden Piratenpartei addieren sich auf fast 30.000. Zum Vergleich: Die Mitgliederzahl der FDP sank im September auf unter 65.000.

Durch die Wahl in Berlin und einen Höhenflug bei bundesweiten Umfragen dürfte die Zahl aktuell wieder deutlich ansteigen. Zuletzt war sie jedoch nur schwach gewachsen oder auch stagniert. Von Juni bis Oktober 2009 hatte sich die Mitgliederzahl auf rund 10.000 verzehnfacht. Im April 2010 waren 12.000 Menschen Piraten-Mitglied.

Die wichtigsten Köpfe

Der 41-jährige Sozialwissenschaftler und Kriminologe Bernd Schlömer ist Bundesvorsitzender der Piratenpartei.

Schlömer folgte auf Sebastian Nerz, der nun stellvertretender Vorsitzende der Piratenpartei ist.

Von 2008 bis 2009 war Dirk Hillbrecht Vorsitzender der Piraten. Hillbrecht kandidierte auch für die Bundestagswahl 2009 bei der die Piraten zwei Prozent der Stimmen erhielten. Bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am 11. September 2011 wurde der Diplom-Mathematiker und IT-Experte in den Stadtrat von Hannover gewählt.

Den aktuellen Bundsvorstand der Piraten komplettieren: Markus Barenhoff als weiterer Stellvertreter, Swanhild Goetze (Schatzmeisterin), Johannes Ponader (politischer Geschäftsführer), Sven Schomacker (Generalsekretär). und Klaus Peukert. Matthias Schrade und Julia Schramm waren bis zum 26. Oktober 2012 Beisitzer.

Hier in der Dachgeschosswohnung laufen nun alle Fäden im Wahlkampf zusammen: Fast die gesamte Führungsriege der NRW-Piraten ist versammelt - neben Spitzenkandidat Paul, Wahlkampfmanager Lamla und Parteichef Marsching zum Beispiel Simone Brand (Listenplatz 5).  Auch Ines Schorsch packt kräftig mit an. Sie ist die Büroleiterin und bis zum Wahltag ehrenamtlich für die Piraten im Einsatz. „Wir haben das hier auch ein bißchen gemütlich eingerichtet, um Leute zu empfangen“, erzählt sie.

Die 31-Jährige hat zuvor als Beamtin im gehobenen Dienst gearbeitet. Für ihre Parteiarbeit muss sie nun auch Nachtschichten schieben. Ständig klingelt ihr Telefon – bis spät Abends. Um ab und zu wenigstens ein kleines bisschen Ruhe zu haben, will sie sich eine neue Handynummer zulegen. „Ich brauch auch mal Schlaf. Ich habe seit sieben Tagen nicht mehr warm gegessen,“ sagt Schorsch.

Derzeit geht es für die Piraten vor allem darum, genug Unterstützer-Unterschriften für ihre Direktkandidaten zu finden. Die Piratenpartei hat diesmal in allen 128 Wahlkreisen von NRW eigene Direktkandidaten bestimmt – und jeder von ihnen braucht für die Zulassung zur Wahl 100 Unterstützerunterschriften.

Kommentare (48)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

mensur

09.04.2012, 10:13 Uhr

wenn die piraten im bundestag hocken wird auch dem handelsblatt chef ein licht aufgehn.

das aussetzen der kommentarfunktion in der berichterstattung zum thema grass israel iran ist peinlich.

Harlemjump

09.04.2012, 10:34 Uhr


Da die Piraten nichts programmatisches zu bieten haben, sehe ich sie als Sammelbecken für unzufriedene Wähler.

Der positive Effekt könnte (hoffentlich9 sein, dass die anderen im Bundestag vertretenen Parteien endlich aufwachen und wieder Bürgerpolitik betreiben.

Beobachter

09.04.2012, 10:57 Uhr

Die Piraten sind wie eine leere Hülle, in die die Füllung erst kommt, wenn sie in den Parlamenten sitzen:
Man würde sagen die Katze im Sack gekauft
man könnte auch sagen:
das Volk wählt sich offensichtlich seine Knechtschaft selbst

man könnte auch sagen:
Geschichte wiederholt sich nicht aber sie reimt sich.

Die Generation der Piraten hat - falls sie überhaupt noch ein Geschichtsbewusstsein hat - eben Weimar, die Nazi-Diktatur und die Diktatur im Osten nur als ferne Abstrakta vor Augen:
offenbar ist es wieder an der Zeit, neue Erfahrungen der Knechtschaft zu machen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×