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13.09.2013

14:07 Uhr

Wahlkampf

Wie Ude drei neue Wähler gewann

VonMaike Freund

Der direkte Vergleich: In Nürnberg tritt SPD-Herausforderer Ude vor das Wahlvolk, in Würzburg empfängt Ministerpräsident Seehofer Kanzlerin Merkel. Allen macht das Wetter zu schaffen – und doch gibt es einen Punktsieger.

Wahlkampfendspurt für SPD-Spitzenkandidat Christian Ude. dpa

Wahlkampfendspurt für SPD-Spitzenkandidat Christian Ude.

Würzburg/NürnbergWer ist besser? Ude und Steinmeier oder Seehofer und Merkel? Ich habe mich auf den Weg gemacht, um die beiden Wahlkampfauftritte zu vergleichen. Denn erst sind die SPDler in Nürnberg, ein paar Stunden später das Duo aus CSU und CDU in Würzburg auf Wahlkampftour. Doch die Reise verläuft nicht ganz so wie geplant.

Nürnberg, 18:15 Uhr: Er kommt auf die Bühne und hat schon gewonnen – wenigstens die Herzen der vielleicht 800 bis 1.000 Menschen, die im Regen und Kälte seinetwegen ausgeharrt haben: „Politik geht nur mit Humor“, sagt Christian Ude, der SPD-Kandidat, der in Bayern Ministerpräsident werden will. Und die Zuhörer lachen. Und klatschen.

Es ist ein Heimspiel in Nürnberg, denn traditionell ist die SPD hier stark. Doch vielleicht liegt es auch daran, dass Ude, der im Fernsehen und Radio immer etwas behäbig daherkommt, weil er so langsam und schleppend spricht, live anders wirkt. „Der ist doch wirklich sympathisch“, sagt eine Frau während der Rede. Sie ist durch Zufall hier. Eigentlich wollte sie shoppen gehen, als sie das Zelt der SPD auf dem Kornmarkt gesehen hat, ist sie stehen geblieben. Ob sie weiß, wen sie wählen wird? „Jetzt schon“, sagt sie. Ein Mann, der sich etwas abseits untergestellt hat, sagt: „Das kann er sich alles sparen. Der hat doch keine Chance.“

Nürnberg, 18:45 Uhr: Auftritt Steinmeier. Der SPD-Fraktionsvorsitzende ist gut drauf, keine Frage. Und er ist der bessere Redner. Er hat das Publikum im Griff. Er redet laut, manchmal fast zu laut, und wirft mit Sprüchen nur so um sich. „Wir werden dem Seehofer kräftig in die Suppe spucken“, ruft er. „Und wir haben der CSU schon ein paar Mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat, liebe Freunde.“ „Pah“, sagt eine Frau, „das ist doch alles nur Wahlkampfgetöse. Die wähl´ ich bestimmt nicht.“ „Mir gefäll´s sagt ein Mann. Für mehr von der Rede bleibt keine Zeit. Denn ich will noch weiter zu der Gegenveranstaltung der Konkurrenz in Würzburg.

Wer will was? Die wichtigsten Wahlkampfthemen in Bayern

Hochschulen

In der Hochschulpolitik ist vieles parteiübergreifend Konsens: dass Bayerns Hochschulen internationaler werden sollen, dass es weniger Studienabbrecher geben sollte oder dass die Hochschulen mehr Eigenverantwortung brauchen. Nach der Abschaffung der Studiengebühren bleibt nur die FDP Anhängerin von „sozial ausgestalteten Studienbeiträgen“.

Schulen

In einem Punkt sind sich alle - Koalition und Opposition - einig: Es soll mehr Ganztagsschulen geben. Die CSU spricht vollmundig eine „Ganztagsgarantie“ aus und kündigt an, dass jeder Schüler unter 14 die Chance auf einen Ganztagsplatz bekommt. Die SPD verspricht sogar das Recht auf einen gebundenen Ganztagsplatz für jeden Schüler. Die Grünen wollen dies zum haushaltspolitischen Schwerpunkt machen.

Uneins sind sich die Parteien bei der Zukunft des Gymnasiums: SPD und Freie Wähler wollen eine grundsätzliche Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, also acht oder neun Jahre Gymnasialzeit bis zum Abitur. Die SPD nennt dies in ihrem Programm ein „Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten“. Die Grünen wollen an G8 festhalten, fordern aber weitere Reformen. Auch CSU und FDP halten an G8 fest - wollen aber das beschlossene Flexibilisierungsjahr in der Mittelstufe umsetzen.

SPD und Grüne wollen regeln, dass Kommunen Gemeinschaftsschulen einrichten dürfen, in denen Kinder über die Grundschule hinaus unter einem Dach unterrichtet werden. So sollen Schulstandorte auf dem Land gesichert werden. Die CSU dagegen hat eine „Grundschulgarantie“ ausgesprochen - aber nur für rechtlich selbstständige Grundschulen. Die Grünen wollen die Noten in der Grundschule abschaffen. Die Freien Wähler wollen Grundschulunterricht künftig bis 13 Uhr, „um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten“.

Krippen und Kindergärten

Alle sind sich einig, dass es mehr Krippenplätze und mehr Erzieherinnen geben soll. Und dass der Betreuungsschlüssel in den Kitas verbessert werden soll, um die Qualität der frühkindlichen Bildung zu erhöhen. Nur die Prioritäten werden verschieden gesetzt: Für die Grünen etwa geht Qualität vor Kostenfreiheit. SPD, Freie Wähler und FDP dagegen wollen den Kindergarten und die frühkindliche Bildung über kurz oder lang komplett kostenfrei stellen. Auch die CSU will - nach langem Zögern - den Weg zum gebührenfreien Kindergarten fortsetzen. Sie will zudem Betreuungsgeld zahlen.

Finanzen und Steuern

CSU und FDP versprechen, weiter keine neuen Schulden aufzunehmen und die Schulden des Freistaats bis 2030 komplett abzubauen. SPD und Grüne versprechen eine sozial gerechtere Steuerpolitik und wollen mit deutlich mehr Steuerfahndern für mehr Einnahmen sorgen. Die Freien Wähler wollen das Aus für die Erbschaftssteuer.

Wirtschaft und Arbeitsmarkt

Nach der FDP verspricht nun auch die CSU Vollbeschäftigung in ganz Bayern. Während die Opposition gesetzliche Mindestlöhne fordert, will die CSU lediglich tariflich festgelegte Mindestlöhne. Die FDP will die Ladenschlusszeiten lockern.

Verkehr, Infrastruktur und Mieten

Alle Parteien wollen mehr Geld für den Erhalt und bedarfsgerechten Ausbau von Straßen und Schienen ausgeben. Die Grünen allerdings wollen einen klaren Schwerpunkt auf den Klimaschutz setzen - und fordern eine „Verlagerung weg vom Pkw hin zu Bahn, Bus, Rad und Elektrozweirad“. Konsens ist der flächendeckende Breitbandausbau. Den Kampf gegen zu hohe Mieten hat sich nach der SPD jetzt auch die CSU auf die Fahnen geschrieben - allerdings will die SPD bei der Begrenzung von Mieterhöhungen noch weiter gehen als die CSU.

Ein beherrschendes Thema im Wahlkampf ist auch die Pkw-Maut: Die CSU fordert eine Autobahnmaut „für Reisende aus dem Ausland“. Die SPD dagegen betont, dies sei europarechtlich nicht möglich. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der Forderung ohnehin eine Absage erteilt.

Energiewende

Auch die Energiewende ist Konsens. Allerdings setzen die Grünen in ihrem Wahlprogramm deutlich mehr Gewicht auf Umwelt- und Klimaschutz. Sie wollen den Flächenverbrauch stoppen - und versprechen ein eigenes bayerisches Klimaschutzgesetz. Uneinigkeit herrscht beim Windkraftausbau: Die CSU will größere Abstände hoher Windräder zu Wohnhäusern. Die Energiewende dürfe nicht auf Kosten der Landschaft gehen, verlangt sie.

18:55 Uhr, irgendwo auf der A3 zwischen Nürnberg und Würzburg: Zugegeben, ich habe verdammt knapp kalkuliert. Pünktlich hätte ich es sowieso nie schaffen können – die von Nürnberg nach Würzburg dauert etwa eine Stunde. Und die Wahlveranstaltung der CSU in Würzburg geht schon um 19:30 Uhr los. Erst soll Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident sprechen, dann Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen.

Doch normalerweise beginnen solche Reden erstens sowieso nicht pünktlich und zweitens werden sie meist von einem eher Rahmenprogramm eingefasst. Auf das kann ich getrost verzichten. Ich will mit den Menschen sprechen und wieder, wie in Nürnberg fragen: Wie habt ihr die beiden empfunden? Wisst ihr nun, wen ihr wählen werdet? Dann will ich den direkten Vergleich zwischen CSU/SPD ziehen.

Doch ich habe das Wetter vergessen: Es regnet nicht, es schüttet. Dann zieht Nebel auf. Lkw hinter Lkw zuckeln über die Straße – ich krieche über die Autobahn. Kein Spaß, das Autofahren. Als ich nach Würzburg einfahre (endlich!), zucken Blitze über das Wahrzeichen der Stadt. Hoffentlich redet noch einer, wenn ich ankomme.

Seehofer und Merkel auf Stimmenfang. dpa

Seehofer und Merkel auf Stimmenfang.

Würzburg, 20:28 Uhr: Es soll wohl nicht Merkels beste Rede gewesen sein, erzählt man mir. Ich kann das nicht beurteilen, ich hab es nicht mehr geschafft auf den unteren Markt. „Du hast wirklich nichts verpasst“, sagt eine Frau zu mir. Sie und ihre Freundin waren schon am Montag bei Ude und Steinbrück, heute haben sie sich die nächste Wahlkampfveranstaltung gegeben. „Merkel hat geredet wie sonst auch immer. Langweilig. Das hätte ich mir auch im Fernsehen anschauen können.“

Weil es so regnete, verzichtet Seehofer auf seinen Auftritt und übergibt mit den Worten „Du bist ein Glücksfall für Deutschland“ sofort an die Bundeskanzlerin. Das Zitat habe ich bei den Kollegen von Bayern 1 nachgehört und bei der Main Post nachgelesen.

Die redete ungefähr eine halbe Stunde vor 4.500 Besuchern, die sich unter Regenschirmen verschanzt haben, und fährt gerade ab, als ich ankomme. Sie spricht davon, wie gut es Deutschland gehe, erzählen mir wieder die beiden Freundinnen. Dafür haben sie kein Verständnis: „Es geht nicht allen gut“, sagt die eine. „Was ist mit denen, die für 2,50 Euro pro Zimmer im Hotel saubermachen?“

Beide haben sich entschieden, wen sie wählen wollen: Ude und Steinbrück. Denn sie stehen ihrer Meinung nach für mehr Gerechtigkeit. Bildung, Kinderbetreuung, gleicher Lohn für Frauen, Gleichbehandlung von Homosexuellen, das sind die Themen, die den beiden am Herzen liegen. Die eine sagt: „Nach diesem Auftritt bin ich mir ganz sicher, wen ich wähle: Zwei Mal SPD.“

Einen direkten Vergleich kann ich nicht ziehen, aber ich kann gegenüberstellen, was mir die Menschen erzählt haben. Natürlich ist auch das selektiv, denn ich habe ja nur mit einigen wenigen gesprochen. Doch was da durchklingt, könnte für Ude und für die SPD sprechen, nicht nur in Bayern, auch im Bund. Wenigstens heute Abend.

„Ich wollte die Kanzlerin einmal live sehen, aber sie hat mich enttäuscht“, sagt eine 18-jährige Frau. „Wie die da am Rednerpult stand“, sagt ein Mann und schüttelt den Kopf. „So steht die auch im Bundestag da. Das war nicht wählernah.“ Eine Frau bleibt stehen und sagt: „Die Rede? Naja, aber ich hätte so gerne Fragen gestellt.“ „Ich fand es toll, sie mal zu erleben“, sagt ein Mann. Und Seehofer? Er macht eine wegwerfende Handbewegung: „Ach, den kenn ich schon. Den finde ich arrogant.“

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